1956 - HGW und Halla: Einheit zum Gold


Olympische Spiele 1956: Das Wunder von Stockholm

HGW auf seiner Wunderstute Halla - Foto: Homepage Hans Günter Winkler!

Als an diesem 17. Juni 1956 im Stockholmer Olympiastadion gegen 8.00 Uhr Sonntagmorgen die Besichtigung und die Begehung des Olympischen Parcours der Springreiter stattfindet, da ist für viele Olympioniken der Medaillentraum schon zu Ende, noch bevor sie überhaupt den ersten Sprung gemeinsam mit ihrem Pferd angeritten sind. 

Parcourbauer Greger Lewenhaupt, ein schwedischer Hauptmann und bei den Olympischen Spielen 1920 und 1948 selbst 13. im Springreiten, baute einen anspruchsvollen Umlauf, der zweimal geritten werden musste. Der erste Umlauf begann um 9.00 Uhr, der entscheidende zweite Umlauf am Nachmittag um 16.00Uhr. „Wirklich sehr schwer, aber doch völlig einwandfrei aufgebaut“, so der deutsche Equipechef Harald Momm zur bevorstehenden Aufgabe für seine Schützlinge Hans Günter Winkler, Alfons Lütke-Westhues und Fritz Thiedemann. Es ist der Schlusstag der Olympischen Reiterspiele von Stockholm. 

Obwohl die Spiele der XVI. Olympiade in Melbourne erst am 22. November 1956 eröffnet wurden, waren bereits im Sommer die Reiter an der Reihe sich Olympische Meriten zu verdienen. Schuld an den „geteilten Spielen“ waren die strengen Quarantänebestimmungen der Australischen Behörden. Um dennoch die Premiere von Olympischen Spielen auf der weltlichen Südhalbkugel feiern zu können, wurden die Reitwettbewerbe ausgegliedert und nach Stockholm verlegt.

Die Hoffnung hat 2 Namen

An diesem Finaltag der Reiterspiele von Stockholm geht es für die Athleten im „Grossen Olympischen Jagdspringen“ um Gold im Einzel und um Gold mit der Mannschaft. Und im „Großen Preis der Nationen“ gehört Deutschland dieses Mal zum Kreis der Favoriten. Viele hoffen auf Edelmetall. Und diese Hoffnung trägt 2 Namen: Hans Günter Winkler und Halla. Ein ganz besonderes Paar, als Weltmeister von 1954 mit goldigen Aussichten an diesem 17. Juni 1956.

HGW in Aktion - Foto: Autogrammkarte

Für die Fernsehzuschauer daheim vor den Bildschirmen gibt es keine Livebilder aus Stockholm. Zwar sendet die ARD mit ihrem „Teamchef“ Herbert Victor ca. 110 Minuten aus Schweden, jedoch nicht Live. Da Schweden erst 1957 ans europäische Fernsehnetz angeschlossen wurde, brauchten die Fans von HGW und Co. Geduld. Eine Linienmaschine, Stockholm – Hamburg, transportierte das Filmmaterial, dass dann am selben Abend gegen 22.15 Uhr in die Wohnzimmer flimmerte. Die knapp 23.000 Zuschauer im Stockholmer Olympiastadion sollten dagegen hautnah Zeugen eines unvergessenen Olympischen Momentes werden. Unter den Zuschauern weilten auch Elisabeth II. mit dem Herzog von Edinburgh und Prinzessin Margaret, die gemeinsam mit Schwedens König Gustav VI. Adolf und seiner Gemahlin in der Ehrenloge Platz nahmen.

Unter den 66 Reitern aus 24 Nationen befinden sich an diesem Sonntag auch 2 Frauen. Patricia Rosemary Smythe für England und Brigitte Schockaert aus Belgien halten die Ehre der Amazonen hoch. Die Experten sind sich im Vorfeld einig, dass „ein solch schweres Springen, nichts für eine Frau“ sei, wie Jonquères Pierre d´Oriola, 1952 Olympiasieger aus Frankreich, verlauten ließ.

Geänderte Taktik im deutschen Team

Über den hohen Anspruch des Kurses an Pferd und Reiter sind sich kurz vor Beginn des ersten Umlaufs alle einig und Deutschland um Hans Günter Winkler auf Halla versucht im letzten Moment seine Taktik zu ändern. Zwar sollte laut offiziellem Programm HGW als erster Starter ran, doch seine Equipe entschied sich kurzerhand zu einem Wechsel der Reihenfolge für die 3 Reiter aus Deutschland. Man schickte Lütke-Westhues auf Ala an, den Wettbewerb zu eröffnen. Thiedemann auf Meteor und HGW mit Halla werden Deutschlands Starter Nummer 2 und 3. Eine Änderung, die den Dreien bereits schon einmal einen großen Sieg beschert hatte. Genau mit dieser Taktik konnten sie 1955 in Aachen den „Großen Preis der Nationen“ für sich entscheiden.

Lütke-Westhues absolviert seine Aufgabe ordentlich. Zwar stehen 16 Fehlerpunkte zu Buche, doch Winkler und Thiedemann sind sich einig, dass dies ein Ergebnis ist, mir dem sie leben können. Direkt im Anschluss folgt ein weiterer Favorit. Piero d´Inzeo aus Italien. Seine 8 Fehlerpunkte bringen Italien in Front. Null Fehler Ritte sollen an diesem Tag anscheinend nicht gelingen. Die 14 Hindernisse, verteilt auf 775 Metern, fordern ihren Tribut.

Mit dieser Vitrine erinnert das Westfälische Pferdemuseum an den spektakulären Ritt. Zu sehen ist der Original-Sattel, unter dem Halla den verletzten Hans Günter Winkler zum Olympischen Gold trug - Foto: Westfälisches Pferdemuseum!

Dann kommt der große Fritz Thiedemann an die Reihe. Unglücklicherweise kommt genau jetzt ein heftiger Platzregen herunter. Das Geläuf wird tiefer und erschwert die Bedingungen. Doch Meteor ist toll in Form und Thiedemann hat sein Pferd hervorragend im Griff. Lediglich 8 Fehlerpunkte lassen Deutschland weiter von einer Medaille träumen. Italiens zweiter Reiter Salvatore Oppes auf Pagoro patzt, streicht ganze 23 Fehlerpunkte ein und verliert an Boden. Dagegen „schockt“ Pat Smythe die Konkurrenz. Durch ihren grandiosen Ritt mit 8 Fehlerpunkten, ebenso wie der Italiener d´Inzeo, setzen sich die Engländer zusammen mit Deutschland an die Spitze.

Mittlerweile haben sich die Regenwolken wieder verzogen. Der Himmel schaut freundlich aus, als Hans Günter Winkler im Sattel von Halla das Stadion betritt. Beim morgendlichen Training am Wettkampftag hat Halla bereits ihre tolle Form unter Beweis gestellt. Die Spannung unter den Zuschauern ist spürbar. Winkler, der große Sportsmann, fast versteckt hinter seiner Sonnenbrille und eine gelassen wirkende Halla. Ein letztes Mal stehen bleiben vor der königlichen Loge, ein Griff zur Kappe und volle Konzentration auf die folgenden 775 Meter. Mit einem kurzen Lächeln im Gesicht vernimmt Winkler die Startglocke, trotzdem total fokussiert auf den Erfolg.

Schlicht "Ein Traumpaar"

Das „perfekte“ Paar scheint dort in Stockholm seine Kreise zu ziehen. Souverän nehmen beide die Hindernisse. Am 1,60m hohen Palisadensprung kommt ihnen das Glück zu Hilfe. Die Stange wackelt, fällt aber nicht. Aufmerksam geht Halla über die nächsten Sprünge. Dann kommt das 13. Hindernis. Ein 1,60m hoher Gartenkoppelzaun. Halla will den drohenden Fehler um jeden Preis verhindern und verdreht sich in der Luft, um die Stange nicht abzuwerfen. Mit einem Reflex kann sich Winkler zwar im Sattel halten und einen Sturz vermeiden, aber er verliert kurzzeitig den Steigbügel und verletzt sich schwer: „Es war, als hätte man mir einen Dolch durch den Körper gejagt“, so Winkler hinterher. Vor lauter Schmerzen nicht mehr in der Lage seine Stute zu führen, kommt es zum Fehler am letzten Sprung. Winkler verliert seine Kappe und sackt regelrecht in sich zusammen. Immerhin sind es nur 4 Fehlerpunkte, Deutschland hat nach dem ersten Durchgang Gold vor Augen. Mit 28 Fehlerpunkten haben sie nun 4 Punkte Vorsprung auf England.

Doch um Winkler kommt es nun zu einem Drama, dass die nächsten Stunden bestimmen sollte. Winkler reitet aus dem Stadion, ist aber nicht mehr in der Lage, alleine vom Pferd zu steigen. Schwedische Offiziere helfen ihm runter, Equipechef Momm und Inge Fellgiebel stützen ihn, bringen ihn erst auf die Teilnehmertribüne, anschließend fahren alle Athleten in die Mannschaftsquartiere. Dort angekommen diagnostiziert Dr. Schulz zunächst „nur“ einen kleinen Leistenbruch. Später, so sollte sich herausstellen, handelte es sich um einen schweren Muskelriss in der Leistengegend.

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Jetzt hatte die deutsche Mannschaft ein Problem. Die Medaille so dicht vor Augen, dürfen sie aufgrund des Reglements keinen Ersatzreiter stellen, ein Streichergebnis kommt ebenso wenig in Frage. Alles kommt auf Winkler an, der selbst keinen Gedanken ans Aufgeben hegt. Vielleicht zeigt sich gerade nun in diesen Minuten des 17. Juni 1956 warum Hans Günter Winkler zum erfolgreichsten Springreiter der Welt wurde. Getreu dem Motto „Held oder nicht“ biss er auf die Zähne. Für seine Teamkameraden, aber auch für sich selbst. Er, der sich in seiner ganzen Karriere immer etwas beweisen wollte, weil er in einer ganz schweren Zeit groß geworden ist. Der Hunger auf Erfolg war größer als die Schmerzen. Nie lagen Sieg und Niederlage so dicht beieinander, selten war der Wille so sehr gefragt wie in Stockholm. Winkler selbst sprach später von „den entscheidenden Minuten“ seiner Karriere. Er wollte das „Unmögliche möglich machen“.

Zum ruhig sitzen verdammt

Momm, Lütke-Westhues und Thiedemann erkennen, wie ernst die Situation ist. Beim gemeinsamen Essen wirkt Winkler ruhig. Dr. Willi Büsing, Vizeolympiasieger mit der Mannschaft und Bronzemedaillengewinner im Einzel in der Vielseitigkeit bei den Olympischen Spielen in Helsinki 1952, verordnet Winkler absolute Bewegungspause. Mit einem Gürtel bindet sich HGW die Oberschenkel zusammen, bleibt so über 2 Std. sitzen, um keine falsche Bewegung zu riskieren, um sich zu schonen. 

Der Zeitpunkt der Wahrheit rückt immer näher. Wieder im Stadion angekommen, nehmen die Italiener den Kampf um die Goldmedaille auf. Piero d´Inzeo legt eine Null-Fehler Runde hin, bekommt allerdings Strafpunkte wegen einer Verweigerung. Lütke-Westhues und Thiedemann halten mit 8 bzw. 4 Strafpunkten dagegen. Winkler muss sich nun auf seinen Ritt vorbereiten. Zumindest einen Probesprung sollte er absolvieren. Mit Hilfe seines Pferdepflegers Hans steigt Winkler auf Halla. Doch als er sein Bein über den Rücken der Stute schwingen will, überwältigt ihn ein bis ins Mark treffender Schmerz, der ihm fast das Bewusstsein raubt. 

Es ist klar, dass es ohne Schmerzmittel keinen Sinn macht. Dr. Büsing verabreicht nun Schmerzmittel in Form von Zäpfchen. Winkler bleibt auf Halla sitzen. Trabversuche, Galopp, es scheint wirklich zu klappen. Doch dann schlägt die Wirkung des Zäpfchens mit einer solchen Wucht zu, dass Winkler kaum mehr Herr seiner Sinne ist. Es sind nur noch 7 Minuten bis er aufgerufen wird und jetzt sieht er auf einmal alles nur noch verschwommen. Sein Herz rast, er ist total benommen. Unterdessen versuchen Offizielle des deutschen Teams eine Startverzögerung für Winkler zu erwirken, der in diesem Zustand auf gar keinen Fall in der Lage ist, zu reiten. Die Bitte wird abgelehnt, die Hoffnung auf Gold wird mit jedem Ticken des Sekundenzeigers kleiner.

Das perfekte Paar: HGW und Halla - Foto: Autogrammkarte
Das perfekte Paar: HGW und Halla - Foto: Autogrammkarte

Schwedische Freunde schinden Zeit 

Nicht nur Helfer, Pfleger und Kollegen des Verletzten realisieren nun, wie schlimm es wirklich aussieht. Während ein schwedischer Kavallerie Offizier schnellstmöglich eine Kanne starken Kaffee organisiert, beginnen die Soldaten, die für den Aufbau der gerissenen Hindernisse verantwortlich sind, ihre Arbeit zu verlangsamen. Plötzlich nehmen sie es mit den Abmessungen mehr als genau, lassen sich etwas mehr Zeit als gewöhnlich und verschaffen so Winkler wertvolle Sekunden und Minuten, um wieder halbwegs zu Sinnen zu kommen. Dem wird mittlerweile der Kaffee regelrecht eingetrichtert. Mit Erfolg. Nach knapp 5 Minuten zeigt der Kaffee Regung. Noch 2 Minuten bis zum Start. HGW wird auf Halla gesetzt. Die gewonnene Zeit durch die neue deutsch-schwedische Freundschaft trägt Früchte. Gemeinsam mit Halla reitet Winkler, dem man seine Schmerzen deutlich ansieht, ins Stadion.

Was dann im zweiten Umlauf passiert, geht in die Geschichte ein. Das Unmögliche wird wirklich möglich gemacht. Da Winkler kaum in der Lage ist, sich aufrecht auf Halla zu halten, nimmt diese die leichtesten und zaghaftesten Hilfen ihres Reiters an und sorgt mit ihrem Willen und ihrem Leistungsvermögen für den ersten und einzigen fehlerfreien Ritt. Gold für Deutschland in der Mannschaft und Gold für Hans Günter Winkler im Einzel. Ein Mythos war geboren.

Es ist das Wunder von Stockholm

Winkler, der zusammen mit Halla, auf ewig mit den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm verbunden sein wird, fasst diesen alles entscheidenden Durchgang ganz pragmatisch zusammen: „Der Rest ist Historie. Ich grüßte den König, zeigte der Stute ihren Weg und dieses wunderbare Pferd, welches fühlte, das es ihrem Reiter schlecht ging und der ich 1000-fach geholfen hatte, machte mir die größte Liebeserklärung, in dem sie am langen Zügel, nur begleitet von meinen Schmerzensschreien, über jeden Sprung ohne Fehler ging.“

Es ist sicher nicht die Geschichte eines Pferdes Namens Halla, was von ganz alleine seinen Weg zum Olympischen Gold fand. Aber es war das Zusammenspiel zwischen Pferd und Reiter in höchster Perfektion. Und wie sagt Hans Günter Winkler so herzerfrischend nüchtern im Rückblick; „Es ist ganz einfach die Geschichte von 2 Lebewesen – einem Pferd und einem jungen Mann!“ Oder anders gesagt: Es ist das Wunder von Stockholm. (anhe)


Zahlen und Fakten

Sportart: 

Springreiten

Anlass: 

Olympische Reiterspiele der XVI. Olympiade

Ort: 

Stockholm, Olympiastadion

Datum: 

17. Juni 1956

Uhrzeit: 

1. Umlauf: 9:00 Uhr
2. Umlauf: 16:00 Uhr 

Olympiasieger:

Einzel: Hans Günter Winkler
Mannschaft: Deutschland mit Fritz Thiedemann, Alfons Lütke-Westhues, Hans Günter Winkler

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