1984 - Peter Angerer im Interview zum Gold-Tag


Erfolgreichster BRD-Athlet in Sarajevo 1984: Peter Angerer. - Foto: Autogrammkarte
Erfolgreichster BRD-Athlet in Sarajevo 1984: Peter Angerer. - Foto: Autogrammkarte

Schon 1980 war Peter Angerer als Jungspund bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid und holte mit der 4x7,5-km-Staffel Bronze. Doch erst in den Jahren darauf beginnt der Aufstieg des besten deutschen Biathleten der 80er. 1983 holt er den Weltcup sowie Silber und Bronze bei der WM. Im Interview mit Sporthelden.de erinnert sich Angerer an die Gold-Tage von Sarajewo.

Die Olympischen Winterspiele 1984 im jugoslawischen Sarajewo mit seinem jaulenden Wolf-Maskottchen "Vucko" werden dann der große Durchbruch für Angerer. Einen kompletten Medaillensatz räumt der damals 24-Jährige ab und ist damit fast allein verantwortlich für die Medaillen der Bundesrepublik Deutschland.

Sporthelden.de: Die Winterspiele in Sarajevo waren ja schon Ihre zweiten Olympischen Winterspiele. Sind Sie da schon entspannter ran gegangen?
Peter Angerer: In Lake Placid 1980 war ich ja eigentlich noch Junior. Da waren die Voraussetzungen ganz andere. Ich war einfach froh, dabei zu sein. Es war alles neu. Beim zweiten Mal sieht man das dann etwas anders.

Sporthelden.de: Welche Ziele hatten Sie sich für Sarajevo gesetzt?
Angerer: Die Ergebnisse aus dem Weltcup waren ja schon sehr positiv für mich. Das Ziel war für mich, eine Medaille zu gewinnen. Wenn das gelingt, haben die Olympischen Spiele eine ganz andere Bedeutung. Ohne bist du einfach "nur" Olympionik, mit bist du schon eine Stufe weiter.

Sporthelden.de: Wie waren die Bedingungen für die damals noch junge Sportart Biathlon in Sarajevo?
Angerer: Es herrschten nicht diese Dimensionen von heute. Es gab zwar Zuschauertribünen, aber die waren viel kleiner. Die Strecken waren auch viel weitläufiger und nicht in übersichtlichen Schleifen.

Sporthelden.de: Für Sie standen dann als Erstes direkt die 20 Kilometer an...
Angerer: Was heißt direkt? Das war eine ewige Warterei. Es hat jeden Tag geschneit, der Wettkampf musste sogar um einen Tag verschoben werden. Wir wollten dann einfach nur laufen. Wir haben ein bisschen trainiert, sind ein bisschen in den Kraftraum, aber für einen Athleten gibt es nichts Schlimmeres, als auf den Wettkampf zu warten.

Sporthelden.de: Am Wettkampftag waren die Bedingungen dann trotzdem schwierig, oder?
Angerer: Es war relativ windig und es hat geschneit. Aber ich habe solche Verhältnisse eigentlich relativ gerne gehabt. Dieser lockere Neuschnee kam mir beim Laufen entgegen.

Sporthelden.de: Sie werden vor dem Start als ruhig oder sogar locker beschrieben. Wie groß war die Anspannung wirklich?
Angerer: Ich war in der letzten Startgruppe, da kann man ja schon ein bisschen sehen, wie es bei den anderen läuft, wie sich das Wetter entwickelt. Das gibt dann schon etwas Sicherheit, aber ich war ohnehin nie der große Hektiker im Wettkampf.

Sporthelden.de: Schon beim ersten Schießen lief es dann mit fünf Treffern für Sie ja richtig rund...
Angerer: An die Schießen kann ich mich irgendwie überhaupt nicht erinnern. Ich weiß, dass es schwierige Verhältnisse waren, aber wie genau das abgelaufen ist, weiß ich nicht. Das ist ja gegenüber dem Laufen zeitlich gesehen nur ein Bruchteil.

Sporthelden.de: Was ist Ihnen denn von der Laufstrecke in Erinnerung?
Angerer: Ich habe mich sehr gut gefühlt, die Zeiten haben gestimmt und ich hatte ständig Informationen, wie es steht. Als ich dann auf die letzte Runde gegangen bin, wusste ich schon, dass es ganz gut aussah. Wenn man da die Information bekommt, dass man gewinnen kann, das ist schon ein tolles Gefühl und man kann nochmal Kräfte mobilisieren.

Sporthelden.de: Nach dem letzten Schießen bekamen Sie dann vom Bundestrainer die Information, dass es für Platz eins reichen könnte. Was ist da in Ihnen vorgegangen?
Angerer: Ich wollte das eigentlich gar nicht richtig wahr haben. Beim Laufen setzt das natürlich erstmal Kräfte frei, aber im Ziel war ich dann schon noch ein bisschen skeptisch. Die Trainer haben zwar gesagt, dass da keiner mehr kommen kann. Aber man glaubt das nicht wirklich. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als zu meinen, das man gewinnt und dann kommt doch noch einer daher.
 
Sporthelden.de: Das würde auch erklären, warum Sie im Ziel nur kurz die Arme gehoben und gelächelt haben... 
Angerer: Hab ich das? Das weiß ich gar nicht mehr. Vielleicht hat man damals einfach etwas sparsamer gejubelt...
 
Sporthelden.de: Wie ist der weitere Tag dann für Sie abgelaufen? 
Angerer: Wir haben natürlich mit dem Service-Team und den Trainern gefeiert. Abends stand im Stadion die Siegerehrung an und danach sind wir ins olympische Dorf und haben dort weiter gefeiert. Ich weiß, dass es sehr spät war und ich bester Laune und mit einem guten Gefühl nach Hause gegangen bin.

Sporthelden.de: Die kommenden Wettkämpfe spielten da nicht so eine Rolle?
Angerer: So etwas wie ein Olympiasieg passiert einem ja nicht alle Tage. Natürlich haben wir das erst einmal gefeiert. 

Sporthelden.de: Wie sind Sie dann die nächsten Starts bei Olympia angegangen? 
Angerer: Diese Goldmedaille hat einen schon ein bisschen aus dem Rhythmus gebracht. Zudem war ich vor dem 10-Kilometer-Lauf auch noch ein bisschen erkältet. Aber wenn es läuft, dann läuft’s und dann sind halt solche Dinge auf einmal nebensächlich. 

Sporthelden.de: Wie glücklich waren Sie dann über die Silbermedaille, es ja hätte auch noch mal Gold werden können? 
Angerer: Ich hatte eigentlich vor dem Start überhaupt nicht mit einer Medaille gerechnet. Ich lag dann eigentlich die ganze Zeit vor Kvalfoss (Eirik Kvalfoss aus Norwegen, der spätere Sieger, d. Red.). Dann habe ich eine Abfahrt aber nicht ganz so gut gemeistert, bin ein bisschen in den Tiefschnee geraten und habe dort die Sekunden verloren, die dann am Schluss gefehlt haben. Aber wenn man schon eine Goldmedaille hat, ist alles was danach kommt super. Zumindest bei mir war das so.

Sporthelden.de: Und oben drauf gab’s dann auch noch Bronze in der Staffel... 
Angerer: Diese Medaille war eigentlich das Hochgefühl überhaupt. Wir hatten ja nicht vier gleichwertige Läufer. Fritz Fischer und ich waren im Weltcup ja vorne dabei, aber die anderen beiden (Ernst Reiter und Walter Pichler, Anmerk. der Red.) eher nicht. Da musste schon alles passen, damit es zu einer Medaille reicht - und das hat es dann auch.

Sporthelden.de:  Welches Echo aus Deutschland ist bei Ihnen in Sarajevo angekommen? 
Angerer:  Das war schon, neu-deutsch ausgedrückt, ein Hype. Allerdings habe ich das erst etwas verzögert mitbekommen. In Sarajevo war man relativ isoliert. Klar gab es die Tour durch die Medien, deutsches Fernsehen und so weiter. Man muss ja bedenken, dass es zu der Zeit kaum Medaillengewinner aus der Bundesrepublik gab. Das war schon etwas ganz Besonderes. Außer den Medaillen im Biathlon gab es nur noch eine weitere (Anmerk. d. Red: Hans Stangassinger/Franz Wembacher holten Gold im Rodel-Doppelsitzer). Selbst die Österreicher haben durch Toni Steiner nur eine Medaille geholt und hätten mich aufgrund der räumlichen Nähe zu meiner bayerischen Heimat ganz gern adoptiert (lacht).
 
Sporthelden.de: Wie haben Sie dann die Rückkehr nach Deutschland empfunden? 
Angerer: Das war eigentlich furchtbar, ein riesen Tammtamm. Zuerst gab es in München einen Empfang bei Franz-Josef Strauß. Danach jagte eine Ehrung die nächste. Es war ein hin und her. Richtig schön war es in der Heimatgemeinde. Aber eigentlich ging es mir immer nur um meinen Sport.

Sporthelden.de: Wie hat sich der Biathlon-Sport seit damals verändert? 
Angerer: Vor allem im Umfeld ist alles viel professioneller geworden. Das Entscheidende für die Entwicklung der Sportart waren die richtigen Entscheidungen seitens des Verbandes. Die Schleifen wurden verkürzt, damit die Zuschauer das Ganze besser verfolgen können. Der Modus der Rennen trägt auch zur gehobenen Attraktivität bei. Visuell, also fürs Fernsehen, wird das alle viel besser rübergebracht. Zurzeit ist das sehr erfolgreich.

Sporthelden.de: Wie sieht es mit dem Sport selbst aus? 
Angerer: Jede Sportart entwickelt sich weiter. Als ich aktiv war, haben wir gemeint, dass es nicht mehr schneller gehen könnte. Aber dann wurde das Training verfeinert, professionalisiert. Das Material wurde noch besser. Das ist ja woanders auch so. Wenn man den Fußball von vor zehn Jahren mit heute vergleicht, da liegen auch Welten zwischen. 

Sporthelden.de: Aber ohne Ihren Erfolg wäre Biathlon in Deutschland vielleicht immer noch eine Randsportart? 
Angerer: Das war schon mit prägend. Für die Entwicklung einer Sportart in einem Land ist es wichtig, dass Vorbilder da sind. Zum Beispiel das Tennis hat auch erst durch Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich einen riesen Sprung gemacht. Ohne solche Ausnahmespieler tut sich die Sportart jetzt auch wieder schwer. 

Sporthelden.de: Wie sieht es mit Ihren heutigen Kontakten in die Biathlon-Szene aus? 
Angerer: Die gibt es schon noch. Ich war bei der einen oder anderen WM, habe da Incentives für meine Eventagentur gemacht. Auch wenn in der Nähe meiner Heimat Rennen stattfinden, bin ich, wenn es meine Zeit zulässt, dabei.

Das Gespräch führte Dirk Burkhardt


Zahlen und Fakten

Datum: 

11. Februar 1984 

Sportart: 

Biathlon

Anlass: 

Olympische Winterspiele

Ort: 

Sarajevo (Jugoslawien)

Distanz: 

20 km Herren

Beginn:

9:00 Uhr (MEZ)

Ende:

11:09 Uhr (MEZ)

Ergebnis:

1. Angerer (GER) 1:11:52,7 h
2. Roetsch (DDR) 1:13:21,4 h
3. Kvalfoss (NOR) 1:14:02,4 h

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