1988 - Leverkusens größter Triumph

Dunkelheit, Flutlicht und eine scheinbare ausweglose Lage für die Heim-Mannschaft - das ist der Stoff aus dem Europapokal-Wunder gemacht sind. Am 18. Mai 1988 befindet sich Bayer 04 Leverkusen in solch einer Situation. Mit Bravour hatte sich der Außenseiter aus der Bundesliga bis ins Finale des UEFA-Cups gespielt. 0:0 steht es zur Halbzeit im Rückspiel des UEFA-Pokal-Endspiels 1988 gegen Espanyol Barcelona. Nach dem 0:3 im Hinspiel sieht es allerdings nicht gerade nach einem Erfolg für die Elf von Trainer Erich Ribbeck aus.
Doch in der zweiten Hälfte spielt sich der Bundesligist in einen wahren Rausch und innerhalb weniger Minuten wird aus einer aussichtslosen Lage eine reelle Chance auf den Titel. Das Elfmeterschießen muss die Entscheidung im Ulrich-Haberland-Stadion bringen. Nach schlechtem Start gibt es für Leverkusen schließlich doch noch ein Happyend, auch dank Rüdiger Vollborn zwischen den Pfosten der Werkself. Wie das zustandekam, es schließlich zum größten Triumph mit dem ersten europäischen Titel reichte und was er erlebte, verrät der damalige Bayer 04-Torhüter Rüdiger Vollborn im Gespräch mit Sporthelden.de.
Sporthelden.de: Wie war die Ausgangslage vor dem Final-Rückspiel?
Rüdiger Vollborn: Wir sind zum Hinspiel nach Barcelona mit einem guten Gefühl gefahren, weil wir in allen Auswärtsspielen zuvor immer ganz gut ausgesehen hatten. Dann sind wir aber fürchterlich baden gegangen mit 0:3. Das war auch für Espanyol der höchste Sieg in den ganzen UEFA-Cup-Spielen in dieser Saison und deshalb waren die Spanier auch relativ, nein nicht relativ: sie waren sehr siegessicher, da sie auswärts auch immer recht gut gespielt und eigentlich immer ein Tor erzielt hatten. Dementsprechend haben sie sich dann auch bei uns im Stadion verhalten.
Sporthelden.de: Wie war denn die Stimmung bei Ihnen direkt nach dem Hinspiel?
Vollborn: Direkt danach in der Kabine war’s furchtbar, auch noch im Flugzeug. Erich Ribbeck, unser Trainer damals, ist dann ans Mikrofon gegangen und hat noch ein paar Sachen gesagt und uns gesagt, dass wir im Rückspiel noch alles tun werden, um das Ding noch zu biegen. Im Flugzeug selber haben wir dann noch nicht so richtig dran geglaubt. Als wir dann wieder zurück waren, haben wir uns zusammengesetzt und ein bisschen übers Spiel gesprochen. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe gesagt: Das kann doch nicht sein, dass wir so einfach den großen Traum aus der Hand geben. Da kam dann schon so ein kleines bisschen Kampfgeist auf. Aber so wirklich dran geglaubt hat da noch keiner.
Sporthelden.de: Auch nicht, als das Rückspiel immer näher kam?
Vollborn: Doch schon. Als ich am Tag nach dem Rückspiel in die Kabine kam, war ein Zettel unter einer Uhr angebracht. Da stand drauf: Nur noch 13 Tage. Ich hab das gesehen, registriert, aber eigentlich nicht gewusst, worum es eigentlich geht. Einen Tag später war die 13 durchgestrichen und da stand: Nur noch 12 Tage. Und da habe ich gewusst, da bereitet uns jemand auf das Rückspiel vor. So ging das dann die ganzen Wochen. Die Bundesliga-Spiele, die zwischendurch noch waren, waren vollkommen egal. Vom Kopf her haben wir nur auf das Rückspiel hingefiebert. Der richtige Kick Hoffnung kam aber erst auf, als wir am Spieltag zum Warmmachen auf den Platz kamen und merkten, was da für eine unglaubliche Stimmung war. Unsere Fans haben uns das Gefühl gegeben, dass sie noch dran glauben und für uns hieß das: Wenn die dran glauben, müssen wir erst recht dran glauben.
Sporthelden.de: Hat ihr Trainer Erich Ribbeck oder der damalige Manager Reiner Calmund dann in der Kabine noch so etwas wie eine Brandrede gehalten?
Vollborn: Nein, überhaupt nicht. Auch in der Halbzeit nicht. Da stand es ja noch 0:0. Da war ja eigentlich der Ofen aus. Die Spanier standen sehr, sehr sicher. Wir hatten kaum eine Torchance. Erich Ribbeck hat dann gesagt: "Jungs, lasst uns das Spiel wenigstens für unsere Fans gewinnen. Die machen so eine tolle Stimmung da draußen. Und wer weiß, wenn wir ein Tor machen, was dann noch passiert." Das war die Aussage, mit der er uns wieder rausgeschickt hat. Dann kam Herbert Waas ins Spiel, der die ganze erste Halbzeit wutentbrannt auf der Ersatzbank schmoren musste. Der hat ein Feuerwerk abgebrannt auf der rechten Seite und uns damit alle mit nach vorne getrieben.
Sporthelden.de: Die Einwechslung von Herbert Waas zur Halbzeit war also ein wichtiger Wendepunkt in dem Spiel?
Vollborn: Herbert Waas war so wütend, dass er nicht von Anfang an gespielt hat, dass sich das so entladen hat, dass er uns alle mitgezogen hat. Dazu wurde es auch langsam schummrig, also etwas dunkler. Die Atmosphäre wurde anders. Für mich müssen UEFA-Pokal-Spiele immer abends sein, nachmittags, das ist nichts Richtiges. Es muss richtig knallen und knistern und das kann es halt nur bei Dunkelheit mit Flutlicht. Und mit all diesen Umständen wurde die zweite Halbzeit ein einziger Sturmlauf. Das Gefühl, dann wirklich das Spiel noch drehen zu können, war dann nach dem 2:0 voll da. Das fiel ja schon in der 62. Minute und wenn man dann noch eine halbe Stunde Zeit hat, dann glaubt man schon dran, dass man es wirklich packen kann. Die Spanier wurden immer nervöser.
Sporthelden.de: Bum Kun Cha machte schließlich neun Minuten vor Schluss das 3:0 und dann ging es in die Verlängerung. Die war eigentlich recht ereignislos, oder?
Vollborn: Es gab eigentlich nur eine heikle Szene. Klaus Täuber wurde im Strafraum gefoult und da hätte man ohne weiteres Elfmeter geben können. Aber es gab eigentlich keine richtige Torchance mehr - auf beiden Seiten. Die Spanier hatten ohnehin keine richtige Torchance. Ich habe eigentlich 120 Minuten nur rumgestanden und mitgefiebert.
Sporthelden.de: Wie haben Sie sich dann auf das Elfmeterschießen vorbereitet? Auf dem Platz herrschte ja auf einmal ein riesen Getümmel von Menschen. Journalisten, Fotografen - alle möglichen Leute liefen auf dem Rasen herum...
Vollborn: Das stimmt. Es gab auch hinterher noch eine saftige Strafe von der UEFA, weil zu viele Leute auf dem Platz rumrannten, die da nichts zu suchen hatten. Ich bin erstmal zur Ersatzbank gegangen, habe mich hingesetzt und mir etwas zu Trinken genommen. Dann habe ich mich verzogen, bin auf den Platz und habe mir ein leeres Fleckchen gesucht. Dort habe ich mich hingelegt und im Prinzip das gemacht, was ich ein ganzes Jahr lang vorher schon jeden Morgen gemacht hatte - und da können Sie jetzt sagen: Der Vollborn spinnt. Aber ich habe mir tatsächlich ein Jahr lang das Elfmeterschießen im Finale - den Gegner wusste ich natürlich nicht - erträumt, in allen erdenklichen Variationen. Zum Beispiel, dass ich die ersten drei Elfmeter halte und auch noch selber einen schieße, oder so. Dazu habe ich mir morgens immer so zwanzig Minuten Musik aufgelegt und in diesen zwanzig Minuten habe ich vom UEFA-Pokal-Finale geträumt und mir dementsprechend das Elfmeterschießen visualisiert. Es lief natürlich nicht genau so ab, wie ich es mir vorgestellt habe, aber ich war vorbereitet.
Sporthelden.de: Der Start ins Elfmeterschießen war dann allerdings denkbar schlecht für Leverkusen...
Vollborn: Das stimmt, der war extrem schlecht. Espanyol hat den ersten reingeschossen. Falkenmayer hat verschossen. Dann haben die Spanier wieder getroffen und es stand 2:0. Wolfgang Rolff hat danach das erste Mal für uns verwandelt und dann haben die auf einmal schwere Füße bekommen..
Sporthelden.de: Zur Vorentscheidung haben Sie dann mit dem gehaltenen vierten Elfmeter der Spanier beigetragen. Können Sie den mal beschreiben?
Vollborn: Der war mehr abgeschossen als gehalten. Der dritte Elfer von Espanyol war an die Latte gegangen. Und beim vierten, da habe ich einfach auf unseren Co-Trainer gehört. Gerd Kentschke hatte gesagt: "Rüdiger, die schießen alle nur in die Mitte. Bleib einfach mal stehen." Das war natürlich völliger Blödsinn und stimmte überhaupt nicht, aber ich hab mich mal dran gehalten. Ich bin lange stehen geblieben, habe lange, lange gewartet und dann schoss der tatsächlich in die Mitte und mich im Prinzip ab. Ich konnte gar nicht mehr ausweichen. Viele würden sagen, dass der schlecht geschossen war. Aber wenn ich mich für eine Ecke entschieden hätte, wäre er optimal geschossen gewesen. Bei diesem Elfmeter habe ich einfach Geduld bewiesen. Danach wusste ich: Jetzt haben wir's. Da hatte ich keine Angst mehr, dass noch was schiefgehen könnte.
Sporthelden.de: Was hatte es bei den Elfmetern eigentlich mit ihren Hüft- und Armwacklern auf sich?
Vollborn: Für mich war klar, dass ich irgendwas machen musste, was die Gegner nicht kennen, damit ich sie ablenke. Ich habe damals mit einer Psychotherapeutin zusammengearbeitet, mit der ich mich über solche Situationen unterhalten habe. Die meinte, dass es beim Elfmeterschießen darum ginge, dem Schützen eine Situation zu präsentieren, die für ihn neu ist. Man könnte sich zum Beispiel auch einfach an den linken Pfosten stellen. Das kennt der Schütze auch nicht und vielleicht wird er dann unsicher. Ich wollte mit dem Gewackel den Spaniern eine Situation darstellen, die sie nicht kennen. Beim letzten Schützen war mir klar, dass ich so wilde Bewegungen machen würde, dass ich ihn total durcheinander bringe und das hat ja auch geklappt. Ich bin wieder stehen geblieben und er hat den Ball in die Wolken geknallt. Ich weiß gar nicht, ob der Ball noch mal wieder runtergekommen ist. (lacht)
Sporthelden.de: Wie wurde denn danach gefeiert?
Vollborn: Es war in der Mannschaft erstaunlicherweise relativ ruhig. Wir sind zuerst in die Kabine gegangen, haben alles sacken lassen. Den Erfolg begreift man zunächst gar nicht. Danach sind wir rüber in die Sporthalle gegangen, um noch ein bisschen zu feiern. Ich habe den Pokal mitgenommen und war auf dem Weg völlig überrascht. Die Straße war noch voll Autos. Das war für Leverkusen eigentlich 45 Minuten nach einem Spiel völlig unnormal. Es strömten immer mehr Leute aus den Häusern raus auf die Straße. Da hatte ich überhaupt nicht mit gerechnet. Die ganze Nacht wurde in Leverkusen gefeiert. Wir haben uns ins Restaurant der Halle verzogen und waren so platt, dass die Sache im Prinzip relativ schnell erledigt war. Wir haben gar nicht groß feiern können, waren einfach nur müde. Am nächsten Tag war dann der Umzug durch die Stadt. Da hat es leider geregnet, deshalb waren nur 7000 bis 8000 Fans am Rathausplatz. Aber das war für unsere Verhältnisse natürlich schon riesig viel, vor allem halt bei dem Wetter. Es hat gegossen ohne Ende, wir waren pitschnass. In der Nacht selber ging gar nichts. Die körperliche und nervliche Anspannung war einfach zu groß. Das einzige was ich gemacht habe, war, mir noch in derselben Nacht das Elfmeterschießen immer und immer wieder zuhause auf Video anzuschauen.
Sporthelden.de: Was hat Ihnen persönlich der Erfolg bedeutet?
Vollborn: Dieser Tag, der 18. Mai 1988, war bis heute der schönste Tag in meinem Leben. Das war einfach ein Highlight, wie es nur wenige erleben dürfen.
Sporthelden.de: Haben Sie in Ihrer Laufbahn noch einmal etwas ähnlich Emotionales erlebt?
Vollborn: Im negativen Sinne war das 2000 in Unterhaching, als wir mit Leverkusen am letzten Spieltag die Meisterschaft verspielt haben. Das war von der Emotionalität her genau das Gleiche, nur im negativen Sinne. Das war Horror pur. Von den positiven Erlebnissen her bleibt der Sieg unvergleichbar.




