1991 - Michael Schumacher: Ein gelassener Debütant


Schumacher fuhr nur das eine Rennen für Jordan. - Foto: imago
Schumacher fuhr nur das eine Rennen für Jordan. - Foto: imago

Gleich bei seinem Formel-1-Debüt legt Michael Schumacher klasse Zeiten auf den Asphalt. Nach dem überraschenden siebten Platz im Qualifying zum Großen Preis von Belgien in Spa Franchorchamps gab sich der 22 Jahre alte Debütant aber sehr gelassen.

Adam Cooper (MOTORSPORT aktuell):  Vor einer Woche haben wir über die Formel 1 geplaudert. Etwas Konkretes gab es damals noch nicht. Jetzt sitzt du im Jordan. Wie kommt das?
Michael Schumacher: Alles ging sehr rasch. Letzte Woche habe ich erfahren, dass es bei Jordan eine Möglichkeit gibt, Rennen zu fahren. Ich bin nach England gereist, habe mich mit Teamchef Eddie Jordan getroffen, und da bin ich.


Deine ersten Runden hast du in Silverstone abgespult. Welche Eindrücke hattest du?
Die ersten drei Runden waren sehr beeindruckend, Danach gewöhnt man sich sehr schnell an seine neue Umgebung. Sicher ist es etwas Außergewöhnliches, aber so speziell ist es nun auch wieder nicht.

Hast du damit gerechnet, dass es gleich am ersten Wochenende so einwandfrei klappt?
Nein. Mein Ziel war, mich fürs Rennen zu qualifizieren. Ich habe nicht damit gerechnet, auf Startplatz 7 zu stehen. Aber umso besser.

Du bist nie zuvor in Spa-Francorchamps gefahren. Wie konntest du dir die Strecke in so kurzer Zeit einprägen? 
Das Auto ist sehr gut. Das hilft enorm, wenn man eine neue Strecke lernen muss. Das gibt Vertrauen.

Du hast die Strecke einmal mit dem Fahrrad abgespult. Ist das richtig? 
Ja, das stimmt.

Einen Mietwagen hast du nie genommen? 
Nein, nie. 

Hast du dir Tipps von anderen Fahren, geholt, an welcher Stelle man schalten muss?
Ich habe mit meinem Teamkollegen Andrea de Cesaris gesprochen. Er hat mir gesagt, welche Gänge ich in welchen Kurven einlegen soll. Das war‘s. Dann bin ich losgefahren.

Und wie hast du die berüchtigte Eau-Rouge-Kurve empfunden? 
Sie ist fantastisch. Man kann sie problemlos voll fahren.

Wie fühlt sich der Jordan F1 im Vergleich zum Mercedes-Sportwagen an?
Der Unterschied ist nicht enorm. Ich war Kohlefaser-Bremsen aus der Sportwagenzeit bereits gewohnt. Ich habe erwartet, dass die Bremskraft noch extremer sei. Das hat sich aber nicht bestätigt. Michael Bartels, der in dieser Saison für Lotus im Einsatz ist, hat mir erzählt, dass es lange dauert, bis man sich ans Bremsen gewöhnt. Das trifft bei mir nicht zu. Vom Handling her sind die beiden Fahrzeuge sehr ähnlich. Beide neigen zum Untersteuern. Mit einem neutralen Setup ist man in beiden Autos gut bedient.

Du hast sicher als kleiner Junge die Rennen am TV verfolgt. Jetzt bist du selber Teil dieses Zirkus. Wie fühlt man sich da?
Ich kann das nicht beschreiben. Es ist alles ein bisschen verrückt.

Hast du davon geträumt, eines Tages in der Formel 1 zu fahren?
Ich habe davon geträumt, aber ich habe mir nie vorstellen können, dass es wirklich klappen sollte. Insbesondere habe ich nie erwartet, dass es gleich von Beginn weg so reibungslos läuft. Ich wollte mich einfach fürs Rennen qualifizieren. Mehr nicht.

Hattest du schon Kontakt zu anderen Fahrern?
Nicht zu vielen. Ich habe Mika Häkkinen und Johnny Herbert getroffen. Beide kenne ich noch aus früheren Tagen - Johnny aus Japan und Mika aus der Formel 3. Und natürlich mit meinem Stallgefährten Andrea de Cesaris.

Du bist über die Sportwagen-WM in die Formel 1 gelangt. Ist das ein idealer Weg, den du jungen Piloten empfehlen würdest?
Ja, wenn man für ein Team wie Mercedes fährt, dann schon. Die Infrastruktur bei Mercedes ist optimal. Man kommt viel zum Testen und kann von der enormen Erfahrung der Teammitglieder profitieren. In einem kleineren Rennstall mit weniger finanziellen Möglichkeiten wäre das vermutlich schwieriger. Schau dir nur einmal die Formel-3000-EM an. Wenn du dort kein konkurrenzfähiges Auto hast, kannst du es vergessen. Die Formel 3000 in Europa kann rasch zur Sackgasse werden. 

Sprichst du damit deinen alten Mercedes-Junior-Teamkollegen Heinz-Harald Frentzen an? 
Ja. Er sitzt im falschen Auto. Frentzen ist schnell, er könnte den gleichen Job machen wie ich.

Deine Karriere verlief bis zum heutigen Tag sehr geradlinig. Wie reagierst du, wenn sie plötzlich ins Stocken gerät? 
Das kann durchaus geschehen. Im Augenblick habe ich ein Hoch, aber das kann sich ändern. Es ist wichtig, auf dem Boden zu bleiben. Es kann passieren, dass ich die Qualifikation mal verpasse. Wichtig ist, dass mich die Medien nicht zu sehr in den Himmel loben. In Deutschland ist dieses Phänomen leider sehr ausgeprägt. Gewinnt man, ist alles in Butter. Verliert man, ist der Teufel los. 

Wie wird sich dein Leben mit der Formel 1 verändern? Du kannst nun viel Geld verdienen?
Im Moment habe ich kein Geld. Das kann sich ändern, aber nicht heute. 

Aber wenn die Medien auf dich aufmerksam werden, dann kannst du in Deutschland ein neuer Boris Becker werden. 
Das glaube ich nicht.

Träumst du davon, eines Tages Weltmeister zu werden?
Im Augenblick geht es darum, Fortschritte zu erzielen und sich in der Formel 1 zu etablieren. Gedanken an den Weltmeistertitel mache ich mir sicher keine. 

Wenn du in der Formel 1 bleibst, wird dich Mercedes in zwei bis drei Jahren zurückholen. Oder? 
Das denke ich nicht. Wir werden sehen, wie es weiter geht. Es ist noch zu früh, darüber zu spekulieren.

Quelle: MOTORSPORT aktuell 36/2001 (Interview von Adam Cooper am 24.08.1991). 


Zahlen und Fakten

Tag:

25. August 1991

Ort:

Spa-Franchorchamps (BEL)

Zuschauer:

120.000 (ges. Wochenende)

Sportart:

Formel 1

Anlass:

Großer Preis von Belgien

Ergebnis:

1. Ayrton Senna (BRA)
2. Gerhard Berger (AUT)
3. Nelson Piquet (BRA)
u.a. ausgeschieden: 
Michael Schumacher (GER)

 
 

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