1993 - Deutsche Riesen auf dem Thron


1993 wird Deutschland erstmals Basketball-Europameister. - Foto: imago
1993 wird Deutschland erstmals Basketball-Europameister. - Foto: imago

Trotz Streetball, Michael Jordan und Detlef Schrempf, dem einzigen Deutschen in der nordamerikanischen Profiliga NBA, ist Basketball Anfang der 90er in Deutschland noch so etwas wie eine Subkultur. Gerade die Nationalmannschaft trumpft nicht unbedingt auf, hatte sich für die vorangegangenen zwei Europameisterschaften nicht einmal qualifiziert. So scheinen zum Start der Europameisterschaft 1993 in Deutschland, der zweiten im Lande nach 1985, die Voraussetzungen nicht gerade günstig. Als die von Svetislav Pesic trainierte Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) auch noch das EM-Auftaktspiel in Berlin gegen Estland mit 103:113 verliert, scheinen die Skeptiker bestätigt.

Doch dann erlebt die DBB-Auswahl einen kometenhaften Aufstieg, schafft mit zwei Siegen in den folgenden Spielen die Qualifikation zur Zwischenrunde und durch einen deutlichen 77:64-Erfolg gegen die Türkei am letzten Spieltag auch Sprung in die K.o.-Runde. Dort fängt der Siegeszug erst richtig an. Deutschland schaltet in nervenaufreibenden Spielen nacheinander die Favoriten aus Spanien (79:77 n.V.) und Griechenland (76:73) aus. Damit ist die Sensation perfekt, zum ersten Mal erreicht eine Basketball-Nationalmannschaft aus Deutschland das Endspiel einer Europameisterschaft.

"Wenn wir die Nerven behalten, können wir auch das Finale gewinnen", sagt Kapitän Hans-Jürgen "Hansi" Gnad, als die DBB-Auswahl am 4. Juli 1993 auch in der Münchener Olympiahalle gegen Russland als Außenseiter aufs Parkett geht. Von Beginn an entwickelt sich ein spannendes Spiel. Nach den ersten Punkten für Russland geht Deutschland in der fünften Minuten durch zwei verwandelte Drei-Punktewürfe von Michael Koch und Kai Nürnberger erstmals in Führung - 13:9. Zwischen der 10. und 16. Minute gelingt der Mannschaft von Trainer Pesic ein 10:0-Lauf und sie zieht unter dem Jubel der 10.800 Zuschauer auf 34:23 davon.

Center Hansi Gnad (r.) machte im Finale sechs Punkte. - Foto: imago
Center Hansi Gnad (r.) machte im Finale sechs Punkte. - Foto: imago

Führungswechsel in Halbzeit zwei

Erst ein Dreier des in der ersten Halbzeit mit 16 Punkten überragenden Sergej Babkov weckt Favorit Russland wieder auf. Doch die Underdogs aus Deutschland behaupten ihre Führung und gehen mit einem 38:35 in die Pause. Auch in der zweiten Hälfte erwischt der Gastgeber zunächst den besseren Start. Mit seinem zweiten erfolgreichen Dreier-Versuch bringt Michael Koch die DBB-Fünf mit 48:39 in Führung. Ein großes Manko der Pesic-Auswahl sind allerdings die Freiwürfe. Gerade einmal etwas mehr als 40% ihrer Versuche hat die deutsche Mannschaft zu diesem Zeitpunkt verwandelt. "Es könnten die fehlenden Punkte aus den Freiwürfen sein, die am Ende den Ausschlag geben“, orakelt Fernseh-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis.

Die Russen arbeiten sich wieder heran. Acht Minuten vor Schluss geht die Auswahl von Trainer Juri Selikov durch zwei Punkte von Babkov erstmals seit Mitte der ersten Halbzeit wieder in Führung. Knapp drei Minuten vor Schluss liegen die Russen bei 68:63 mit fünf Punkten vorn. Doch angetrieben vom immer lauter werdenden Publikum kämpft sich Deutschland wieder heran. In der Defensive schnappt vor allem Christian Welp die wichtigen Rebounds und vorn übernimmt Aufbauspieler Kai Nürnberger die Verantwortung. Seine fünf Punkte in Folge bringen die DBB-Auswahl etwas weniger zwei Minuten vor Schluss wieder auf 68:68 heran.

Bundestrainer Pesic nimmt eine Auszeit, feuert seine Mannschaft an: "Immer zum Korb ziehen, die Schiedsrichter pfeifen alles." In den folgenden Sekunden zeigen sich beide Teams an der Freiwurflinie nervös. Zunächst vergibt Babkov für Russland und auch der junge Henning Harnisch kann für Deutschland bei zwei Versuchen nicht punkten. 33 Sekunden vor Schluss führen die Russen den Ball, doch Henrik Rödl zeigt sich hellwach und fängt einen Pass in der nähe der eigenen Zone ab. Nürnberger bringt den Ball zum Bamberger Klub-Kollegen Michael Jackel. Der steigt hoch, zieht ab. Aber sein Versuch prallt vom Ring zurück.

Die Russen schnappen sich den Rebound und setzen zum Gegenangriff an. Es sind nur noch wenige Sekunden auf der Uhr. Um keine einfachen Punkte zuzulassen und selbst noch die Chance auf einen Angriff zu haben, müssen die Deutschen foulen und so Russland an die Freiwurf-Linie bringen. So kommt es auch. Harnisch stellt Babkov an der Mittellinie und foult den Russen. Bundestrainer Pesic nimmt seine letzte verbliebene Auszeit und bespricht den letzten Spielzug. Auf Babkovs Nerven hat das keinen Einfluss. Der Russe verwandelt beide Freiwürfe und bringt seine Mannschaft 15 Sekunden vor Ende mit 70:68 in Führung. Letzter Angriff, letzte Chance für Deutschland. Mindestens zwei Punkte müssen her.

Der original Spielbericht der IBF - Quelle: DBB

Welp bringt die Entscheidung

Die Sekunden beginnen zu laufen, als der Ball wieder ins Spiel gebracht wird. Nürnberger dribbelt nach vorne, macht Druck auf die Zone. Als er andeutet, zum Korbleger hochzugehen, stellen sich ihm zwei Russen in den Weg. Doch Nürnberger sieht den von außen hereinziehenden Welp und legt den Ball im Flug ab. Der Center steigt hoch und drückt gegen den ebenfalls hochsteigenden Mikhail Mikhailov den Ball per Dunking in den Korb. Die Zuschauer springen auf, schreien, jubeln. Auch die deutschen Spieler reißen die Arme hoch. 70:70, nur noch 3,9 Sekunden auf der Uhr.

In dem Getöse geht unter, dass die Schiedsrichter Miguel Betancor (Spanien) und Nikos Pitsilkas (Griechenland) zusätzlich auf Foul von Mikhailov entscheiden. Welp bekommt noch einen Freiwurf, hat die Chance zum Dreipunkt-Spiel. Doch zuvor nimmt Russlands Trainer noch eine Auszeit. Durchpusten. Dann geht Welp an die Linie. Von seinen bisherigen fünf Freiwürfen hat er nur einen getroffen. Eine schwache Quote. Welp setzt an, streckt den Körper bis in die Fingerspitzen und der Ball saust glatt durch Ring und Netz. 71:70! Deutschland liegt wieder vorne.

Verzweiflungswurf zum Schluss

Verzweifelt treiben die Russen den Ball über Vladimir Gorine nach vorn. Die Uhr rast gegen null. Kurz hinter der Mittellinie wirft Gorine den Ball von rechts Richtung Korb. Die Schlusssirene ertönt. Der Ball ist im Flug, ein Dreier würde noch zählen und Russland den Sieg bringen. Doch der Versuch prallt vom Ring ab und mit dem Ball fliegen auch die Arme der deutschen Spieler auf dem Feld und der Zuschauer auf den Rängen hoch.

Deutschland ist Basketball-Europameister 1993! Schnell vermischen sich Spieler, Fans und Verantwortliche auf dem Parkett zu einer jubelnden Masse. Der Mann des Abends startet direkt in die Katakomben durch. Christian Welp will eine Weile für sich sein. 18 Punkte und acht Rebounds stehen für ihn zu Buche. Nach seinen Leistungen in der K.o.-Runde wird der Center zum Spieler des Turniers (Most Valuable Player - MVP) gewählt.

Wenig später reiht er sich wieder in die Feiernden in der Halle ein. Henning Harnisch tanzt Arm in Arm mit Trainer Pesic auf dem Parkett. Kapitän Gnad schneidet ganz nach altem Basketball-Brauch das Netz als Trophäe vom Korb. Wenig später findet der Jubel seinen Höhepunkt, als Gnad unter den Augen der Fans in der Halle und 5,2 Millionen deutschen Fernsehzuschauern nach einer langen Ehrungszeremonie endlich den Pokal für den neuen Europameister in die Höhe recken darf. Der bis dato größte Erfolg in der Geschichte des deutschen Basketballs ist perfekt. Aus einem Außenseiter ist der neue Europameister geworden. (db)


Zahlen und Fakten

Tag:

4. Juli 1993

Ort:

Olympiahalle, München (Deutschland)

Zuschauer:

10.800 (ausverkauft)

Sportart:

Basketball

Anlass:

Finale Europameisterschaft

Spielzeit:

2x20 Minuten

Beginn:

21:00 Uhr (MESZ)

Ende:

22:46 Uhr (MESZ)

Paarung:

Deutschland - Russland

Ergebnis:

71:70 (38:35)

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