1994 - "Franzis" goldenes Happy-End


Mit 16 Jahren wurde "Franzi" Weltmeisterin. - Foto: imago
Mit 16 Jahren wurde "Franzi" Weltmeisterin. - Foto: imago

Franziska van Almsick hat schon mit dem Wettkampf abgeschlossen. Viel schlimmer: Der 6. September 1994 scheint zu einem der blamabelsten Tage in der noch jungen Karriere des damals 16 Jahre alten deutschen Schwimmstars zu werden. Mit halber Kraft und taktischen Erwägungen im Kopf hatte sie am Vormittag versucht, über 200 Meter Freistil das Finale bei den Weltmeisterschaften in Rom zu erreichen.

Bei 2:01,55 Minuten stoppt die Uhr als van Almsick im Becken des olympischen Schwimmstadions anschlägt. Das bedeutet Platz neun nach den Vorläufen und das Aus. Im Finale ist nur Platz für acht Starterinnen. „Ich habe Mist gebaut“, bekennt van Almsick knapp und will in Tränen aufgelöst Richtung Mannschaftshotel aufbrechen. Die Chance scheint vertan, beim ersten großen internationalen Wettkampf nach ihren überraschenden Erfolgen bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona für Furore zu sorgen.

Hases schwere Entscheidung

Während van Almsick ihre Sachen packt, läuft an anderer Stelle eine Besprechung zwischen Dagmar Hase, ihrem Trainer Bernd Henneberg und DSV-Schwimmwart Ralf Beckmann. Die Olympiasiegerin über 400 Meter Freistil von Barcelona hat sich zwar für den 200-Meter-Endlauf qualifiziert, dabei aber reichlich Kraft gelassen. Da die 400-Meter-Distanz noch aussteht, ist die Frage, ob ein 200-Meter-Finale für Hase Sinn macht. Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht, weil nach den Regeln des Weltschwimmverbandes FINA eine halbe Stunde nach dem letzten Vorlauf die Abmeldefrist fürs Finale abläuft.

Gemeinsam kommen die Drei zu dem Schluss, dass Hase auf den Endlauf über 200 Meter verzichtet. „Angesichts der Marktlage waren Dagmars Medaillenchancen über 400 größer als über 200 Kraul“, sagt Beckmann später. Hases erste Erklärung geht in eine ähnliche Richtung: „Ich verzichte aus sportlichen Gründen, weil Franziska über 200 Meter schneller ist.“ Damit ist van Almsick als Neunte die erste Nachrückerin für den Endlauf.

In Rom holte Franziska van Almsick den ersten WM-Titel ihrer Karriere. - Foto: imago
In Rom holte Franziska van Almsick den ersten WM-Titel ihrer Karriere. - Foto: imago

Erfolg auf der Außenbahn

Ihr Trainer Paul Lindemann überbringt seinem Schützling telefonisch die gute Nachricht. Aber van Almsick ist über die neue Lage keineswegs erfreut. „Ich hab’s nicht verdient“, ist „Franzis“ erste Reaktion. Sie will nicht an den Start gehen. Fast vier Stunden leisten Trainer Lindemann, ihre Eltern, Freund Steffen Zesner und Manager Werner Köster Überzeugungsarbeit, bevor sich van Almsick doch zum Start im Finale entschließt.

Um kurz vor halb sieben betreten die Finalistinnen den Innenraum des Schwimmstadions. Van Almsick muss als Langsamste aus den Vorläufen auf einer Außenbahn starten – und macht ein riesen Rennen. Vom Start weg geht sie ein hohes Tempo. Nach der letzten Wende auf der 50-Meter-Bahn liefert sie sich vor allem mit der Chinesin Bin Lu ein knappes Duell an der Spitze.

Als sie anschlägt geht der Blick sofort hoch zur Anzeigetafel und dort liest van Almsick das Unglaubliche: Platz eins in 1:56,78 Minuten, ganze elf Hundertstel Sekunden vor der Chinesin – Weltmeisterin mit Weltrekord! Es ist 18:28 Uhr als van Almsick jubelnd die Arme hoch reißt. Es ist ihr erster großer Titel und innerhalb nur weniger Stunden ist aus einer Tragödie einer der größten Triumphe ihrer Karriere geworden. (db)


Zahlen und Fakten

Tag:

6. September 1994

Beginn:

18:26 Uhr

Ort:

Olympisches Schwimmstadion, Rom (Italien)

Sportart:

Schwimmen

Anlass:

7. Weltmeisterschaft

Ergebnis:

1. Franziska van Almsick (GER)
2. Bin Lu (CHN)
3. Claudio Poll (CRC)

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