1995 - Stichs Untergang in Moskau
1995 stand Deutschland im Davis-Cup Halbfinale und traf auf Gastgeber Moskau. Das DTB-Team konnte mit Boris Becker und Michael Stich seine Traumformation aufbieten. Das Finale hatten da bereits alle im Visier. Doch es sollte anders kommen, anders ausgehen. Es sollte ein Drama werden.
Die Reise nach Moskau zum Davis-Cup Halbfinale 1995 stand unter einem günstigen Stern für das deutsche Team. Schließlich konnte Teamchef Niki Pilic auf sein absolutes Dream-Team zurückgreifen. Boris Becker und Michael Stich sollten es richten, sollten den Weg ebnen zum hochstilisierten „Jahrhundert-Finale“ gegen die USA. Für Becker und Stich das besondere Gipfeltreffen mit Sampras, Agassi & Co., für den DTB eine lukrative Einnahmequelle, da Deutschland Heimrecht besäße.
Doch erst einmal stand nun dieses Halbfinale in Moskau auf dem Plan. Und wenn Niki Pilic warnend von „schlaflosen Nächten“ in Moskau philosophierte, klang es nicht so hart, nicht so eindringlich, wie man Pilic früher schon gehört hat, wenn er sein Team auf die kommenden Gegner einschwor.
"Wasser marsch"
Als es am Freitag mit dem ersten Einzel zwischen Lokalmatador Andrei Chesnokov, Nummer 59 der Tennis-Weltrangliste, und Boris Becker beginnen sollte, glich der Start einer Provinzposse. Fans in der Halle und Zuschauer daheim vorm TV rieben sich verwundert die Augen. Anstatt Boris zu bewundern, werden russische Platzarbeiter präsentiert, die mal knieend, mal stehend mit einem Fön den völlig durchnässten Sandplatz in Moskaus Olympiahalle trocknen wollten.
Oberschiedsrichter Gilbert Ysern sah sich gezwungen den Spielbeginn zu verschieben. Der Platz, anscheinend in der Nacht unter Wasser gesetzt, war einfach zu gefährlich für die Spieler und unbespielbar. Sicher hat der Gastgeber das Recht den Bodenbelag zu wählen, aber diesen dann auch noch mit unfairen Mitteln zu manipulieren sicher nicht.

So vergeht in der Halle knapp eine Stunde, bis Becker endlich aufschlagen kann. Wenig beeindruckt ob der Verzögerung legt er gleich los, wie sich die DTB-Anhänger es sich gewünscht haben. Doch nach einer schnellen 5:2 Führung verliert Boris den Faden. Er vergibt einen Satzball, verliert völlig seinen Rhythmus beim Aufschlag und gibt den ersten Satz im Tiebreak mit 4:7 ab.
"Wie joggen am Strand"
Seinen Ärger über den tiefen Sandplatz tut der dreimalige Wimbledonsieger immer öfter lauthals kund. „Es war wie beim joggen am Strand“, so Becker nach seinem Spiel bei seiner Einschätzung der Platzverhältnisse. Aber Widrigkeiten stellten immer eine besondere Herausforderung für den Leimener dar. Der zweite Satz geht mit 6:3 an ihn. Doch der Widerstand von Chesnokov ist damit keineswegs gebrochen. Der Russe kämpft und hält sich und Russland weiter in der Partie.
Pilic verschwindet kurz, holt neue Schläger mit anderer Bespannung. Der dritte Satz geht wieder in den Tiebreak, den diesmal der Deutsche mit 7:3 gewinnt. Auch der vierte Satz verläuft ausgeglichen, aber Beckers unbändiger Siegeswille bringt ihm nach 3 Std. 38 Minuten den Sieg und die 1:0 Führung für Deutschland. Russlands Spiel mit dem Wasser machte sie bis dahin selber nass.
Die Führung tat vor allem einem Mann gut: Michael Stich. Zum einen hatte er ein eher lausiges Jahr bis dahin gespielt, zum anderen steht ihm im zweiten Einzel mit Yevgeny Kafelnikov einer gegenüber, der alles andere als seinen Lieblingsgegner auf der Tour darstellt. 2:6 so die Bilanz gegen den Russen. Beim letzten Aufeinandertreffen siegte der Russe sogar mit 6:0 im letzten Satz beim Turnier in Mailand.
Stich nimmt seinen Angstgegner auseinander
„Mal spielt er wie ein Weltmeister, mal ist er völlig von der Rolle“, stellt Teamchef Niki Pilic über seinen Schützling fest. An diesem Tag ist die Form sehr zur Freude der deutschen Tennis-Delegation weltmeisterlich. Nach nur 22 Minuten holte der Elmshorner den ersten Satz mit 6:1. „80% der deutschen Mannschaft ist Boris Becker“, posaunte Kafelnikov, immerhin Nummer 6 der Welt, hinaus, verhalf Stich so zu seiner Portion Extra-Motivation. „Das war der entscheidende Kick für mich“, erklärt Stich die ungewollte Unterstützung seitens des Russen.

Obwohl Kafelnikov sich den zweiten Durchgang mit 6:4 sichert, bleibt Stich in den folgenden Sätzen am Drücker. Ein mehr als unverhoffter und dadurch umso wichtigerer Sieg. Am Ende heißt es 6:1, 4:6, 6:3, 6:4 für Stich nach 2 Std. 13 Minuten.
Was viele für unmöglich gehalten haben, ist nun am Samstag, dem Tag des Doppels in Reichweite für die Mannschaft des Deutschen Tennis Bundes. Boris Becker und Michael Stich, 1992 gemeinsam Olympiasieger und im Davis Pokal bisher ungeschlagen, können den vorzeitigen Einzug in „ihr“ Finale schaffen. Die USA liegt ebenfalls nach dem ersten Tag mit 2:0 gegen Schweden im anderen Halbfinale deutlich auf Finalkurs.
Mit dem Doppel beginnt das Drama
Doch glich der Freitag von Moskau einem Festakt in Schwarz Rot Gold, so fand mit Beginn des Doppels das eigentliche Drama von Moskau seinen Anfang. Diesmal sind Becker und Stich die Favoriten, anders als in den Einzeln am Vortag. Das russische Doppel Yevgeny Kefelnikov / Andrei Olhovskiy liefert, leider aus deutsche Sicht, eine bravouröse Vorstellung. Becker und Stich dagegen erreichen ihre Normalform viel zu selten in diesem Match. Vor allem Becker wirkte ausgelaugt und völlig ohne Gefühl bei seinen Aufschlagspielen.
Nach den verlorenen ersten beiden Sätze mit 6:7 (3) und 4:6 rappelt sich das Goldduo von Barcelona zwar auf und gewinnt die Sätze 3 und 4, nachdem sie im vierten Durchgang bereits 4 Matchbälle abwehren mussten, können aber die Niederlage nach 3 Std. 36 Minuten mit 6:7 (3), 4:6, 6:2, 7:6 (5), 5:7 nicht mehr abwenden. Dabei avancierte Andrei Olhovskiy zum Matchwinner und alles überragenden Mann in der Sandgrube der Olympiahalle.

Mit einem 2:1 Vorsprung gehen die deutschen Cracks in den entscheidenden letzten Tag. Der fängt jedoch gleich mit einer Hiobsbotschaft an. Boris Becker teilt mit, dass er aufgrund von Rückenschmerzen und seiner generellen schlechten körperlichen Verfassung sich nicht in der Lage sieht, sein Einzel gegen Kafelnikov zu bestreiten. Ersatzmann Bernd Karbacher muss in die Bresche springen und kommt zu seinem dritten Einzeleinsatz im Davis Pokal. Gegen Russlands Spitzenspieler bleibt er jedoch chancenlos und kassiert eine klare 1:6, 6:7 (5). 2:6 Niederlage.
Der ganze Druck auf Stichs´ Schultern
Jetzt hängt alles von Michael Stich ab. Die 10. 000 Zuschauer in der Olympiahalle verwandeln die Arena nach dem Ausgleich in einen Hexenkessel. Stich muss in die Höhle des Löwen. Chesnokov, der im Doppel nicht eingesetzt wurde und somit Kraft sparen konnte, lässt sich gleich zu Beginn von seinen Fans nach vorne Peitschen. Laut und unsportlich. Aber wer will es den Russen verdenken, nachdem sie schon fast aus dem Rennen waren und scheinbar aussichtslos gegen die deutschen Stars zurück lagen. Wieder wollten sie mit allen Mitteln gewinnen.
Mit 4:6 geht der erste Satz an den Russen, ehe Michael Stich seine ganze Klasse, sein ganzes Können in die Wagschale legt und die folgenden Durchgänge mit 6:1, 6:1 für sich entscheidet. Doch die Hoffnung auf einen Durchmarsch ins Finale wird jäh beendet. Stich verlassen die Kräfte, seine Reserven scheinen aufgebraucht. „Michael ist auch unheimlich müde, aber wenn er die Nerven in den Griff bekommt, wird er es schaffen“, orakelte Boris Becker schon vor dem Match. Doch wie soll man seine Nerven in einer solch aufgeheizten Atmosphäre in den Griff bekommen, wenn der Körper am Ende ist. Folgerichtig geht Satz 4 mit 3:6 an Chesnokov.

Der Krimi, der sich im fünften Satz abspielt ist unbegreiflich. Während Stich völlig entkräftet das Blatt noch einmal drehen möchte, kämpft der Russe mit dem Mute der Verzweiflung für sein Land. Beim Stand von 7:6 hat der Elmshorner seinen ersten Matchball. Es sollen 8 weitere folgen in diesem Spiel. Keinen kann Stich nutzen.
Doppelfehler! Aus der Traum!
Es ist ein Drama, wie sehr sich Stich quält, dieser eine letzte Punkt aber einfach nicht gelingen will. „Ich habe nur an den Punkt gedacht und dass ich heim möchte“, so Stich hinterher. Doch es gelingt nicht. Auch Niki Pilic kann es auf der Trainerbank kaum fassen und dreht sich immer wieder ungläubig zu Boris Becker um. Helfen können sie unterdessen nicht mehr. Chesnokov wehrt alle Matchbälle ab und hat nach 4 Std. 18 Minuten Gesamtspieldauer, alleine der fünfte Satz dauerte mehr als zweieinhalb Stunden, seinen Matchball.
Diesen Matchball verwandelt Michael Stich. Mit einem Doppelfehler schickt der Chesnokov & Co. ins Finale. Minutenlang hockt der Deutsche auf der Spielerbank, Boris Becker versucht seinen Teamkollegen zu trösten. Vergeblich. Unter einem Handtuch vergraben fließen bittere Tränen der Enttäuschung beim Unterlegenen des Dramas von Moskau. „Das war", so Stich, "die schmerzhafteste Niederlage meiner Karriere. Als Menschen und Tennisspieler wird dieses Match mich immer prägen. Ich wusste nicht, wie brutal Sport sein kann". (anhe)





