1997 - Ullrich am Gipfel angekommen


Ullrich in "Gelb" - Foto: imago

Noch bevor sich die 198 Fahrer zum Start der 84. Tour de France in Rouen eingefunden haben, steht für die renommierte Zeitschrift L´Equipe der Topfavorit fest. Sie vergeben in ihrer traditionellen Einschätzung für den komplettesten Fahrer 5 Sterne an Jan Ullrich, der bereits im Jahr zuvor als Zweitplazierter der „Großen Schleife“ durch Frankreich aufhorchen ließ. Die allseits favorisierten Bjarne Riis, Vorjahressieger, und Abraham Olano werden „nur“ mit vier der begehrten Sterne bedacht.

Riis ist der Kapitän

Für das deutsche Team Telekom gilt dies lediglich als Störfeuer: „Die wollen einen Keil zwischen Bjarne und mich treiben“, so der junge Ullrich. In der Tat wird die sportliche Leitung Telekoms nicht müde zu erwähnen, dass Riis der Kapitän ist, Ullrich sein „Edelhelfer“.

Und auch Jan Ullrich scheint sich mit dieser Teameinteilung abgefunden zu haben, zu groß sein Respekt vor dem Dänen Riis. Trotz der Mühen im Vorfeld, 8 Monaten harter Arbeit mit knapp 13200 Trainingskilometern in den Beinen, hat der gebürtige Rostocker nur eines vor Augen: „Wie schaffen wir Bjarnes nächsten Toursieg?“

So startete am 05. Juli 1997 das härteste Radrennen der Welt mit einem Prolog in Rouen. Für die Fahrer eigentlich nur ein Einrollen für die kommenden Tage. Doch Ullrich mit der Startnummer 8 im Trikot des frischgebackenen deutschen Meisters am Start demonstriert bereits hier seine Stärke. 2 Sekunden fehlen am Ende auf Sieger Chris Boardman, das gelbe Trikot vor Augen, bevor es richtig losgeht. Dem Kapitän Riis 13 Sekunden abgenommen.

"Grün" statt "Gelb"

Doch „Gelb“ interessiert in den ersten Tagen keinen der Favoriten. Zu groß ist die Last, zu anstrengend die Arbeit, die mit diesem „Maillot Jaune“ verbunden ist. Auch für den sportlichen Leiter des Teams Telekom Walter Godefroot ist die Farblehre bis in die ersten Berge der Pyrenäen eine andere. Er spannt seinen Telekom-Express vor Sprintkönig Erik Zabel. „Grün“ steht auf dem Programm und die Duelle zwischen „Ete“ Zabel und dem schillernden Italiener Mario Cipollini aus der Saeco Mannschaft zieht alle in ihren Bann.

Sprinterkönig Erik Zabel - Foto: André Helpensteller
Sprinterkönig Erik Zabel - Foto: André Helpensteller

Gleich auf der 1. Etappe zeigt sich, dass Massenankünfte bei der Tour besonders sind. Besonders nervös, deshalb besonders gefährlich. Knapp 11 Kilometer vor dem Ziel kommt es zu einem Massensturz, während Zabel von seinen Kollegen weiter nach vorne gezogen wird, verliert ihr Kapitän Riis fast eine Minute auf die Spitze, in der auch Ullrich fährt. „Super-Mario“ Cipollini siegt, Zabel wird Vierter und Riis, stocksauer auf sein Team, schimpft: „Alle außer Zabel und Ullrich hätten auf mich warten müssen.“

Nach der 3. Etappe haben die Schützlinge von Godefroot ihr erstes Teilziel erreicht. Zabel feiert einen Tag nach seinem Geburtstag seinen Etappensieg und übernimmt das „Grüne Trikot“. Der sechsten Etappe, die Zabel eigentlich gewinnt, aber wegen angeblichem Kopfstoß auf den letzten Platz strafversetzt wird, lässt der Blitz aus Unna Siege auf den Etappen 7 und 8 folgen.

Der Berg ruft

Unternehmen „Grün“ läuft auf Hochtouren, auch weil der schärfste Widersacher Cipollini die Tour frühzeitig wegen Verletzung aufgibt. Dies hätte auch Jens Heppner passieren können. Dem Zimmerkollegen von Jan Ullrich ist ein Hund ins Rad gelaufen. Folgen: Gehirnerschütterung und Hüftprellung. Aufgabe kommt für ihn nicht in Frage. Seine Arbeit ist noch nicht getan.

Für viele beginnt die Tour erst jetzt so richtig. 14. Juli, 9. Etappe von Pau nach Loudenvielle. Am Nationalfeiertag der Franzosen rechnet jeder mit Attacken der französischen Profis. Und genau so kommt es. Am berühmt berüchtigten Tourmalet, einem Berg der höchsten Kategorie, greift Richard Virenque (Festina) an. Doch Ullrich strahlt nicht nur eine ungeheuerliche Ruhe aus, er macht auch deutlich, dass er die Angriffe parieren kann. Virenque kommt nicht weg, Ullrich kümmert sich weiter um Riis, der Probleme hat.

Jan Ullrich - Foto: Auotogrammkarte
Jan Ullrich - Foto: Auotogrammkarte

Jeder sieht, dass Ullrich selber attackieren könnte, wenn er nur wollte und dürfte. Aber sein Augenmerk gilt weiter der Unterstützung seines Leaders. Als Virenque, der absolute Bergspezialist, es am letzten Anstieg wieder versucht, ist es um Riis geschehen. Er muss abreissen lassen. Ullrich klebt förmlich locker an Virenques Hinterrad.

Als er bemerkt, dass der Däne nicht mitkommt, setzt er alles daran den Festina Mann nicht davonziehen zu lassen. Auch in der Situation gibt es keine eigene Tempoverschärfung. Ullrich lässt seinen Kapitän quasi am „leben“, sprich im Rennen um den Gesamtsieg. Ullrich, Virenque und die italienische Kletterziege Marco Pantani kommen zeitgleich im Ziel an. 14 Sekunden hinter Sieger Laurent Brochard, aber, viel wichtiger, 27 Sekunden vor Bjarne Riis.

Endlich! Ullrich gibt Gas

Abschnitt 10 nach Andorra verschafft sich Respekt bei den Favoriten. Das Streckenprofil präsentiert sich mit aller Härte, die ein Radrennen aufbieten kann. Doch trotz der beeindruckenden Leistung vom Vortag, sieht sich Ullrich auch weiterhin lediglich als Helfer: „Bjarne bleibt unser Kapitän. Die Tour hat doch gerade erst angefangen“, ist aus seinem Munde zu vernehmen.

Doch es kommt anders. Es wird sein Tag, Jan Ullrich Tag. Die Sonne strahlt und alles läuft eigentlich normal. Bis zum letzten Anstieg. Es sind noch 8 Kilometer bis zum Ziel. Riis und Ullrich fahren gemeinsam in einer Spitzengruppe, da bemerkt Kapitän Riis, dass es Zeit ist, loszulassen. Er kämpft sich an der Seite Ullrichs in den Berg, dreht sich zu seinem Edeldomestiken und gibt ihm den ersehnten Freifahrtsschein: „Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los“.

Genau das macht „Ulle“. In einer scharfen Kurve geht er kurz aus dem Sattel, forciert das Tempo und als sein Blick nach hinten geht, sieht er eine immer größer werdende Lücke. Den Zwischenspurt genutzt, um Fahrt aufzunehmen, sitzt Ullrich nun wieder in seiner unnachahmlichen Art im Sattel, greift fest in den Lenker und zieht allen davon. Kein Virenque, kein Pantani kann folgen.

Zeit für Wechsel

Auch Teamchef Walter Godefroot hat nun die veränderte Ordnung in seinem Team registriert und vielmehr auch akzeptiert. Mitten im Anstieg fährt er im Begleitfahrzeug an Ullrich heran und vertreibt auch Ullrichs letzte Zweifel an seiner Alleinfahrt: „Nicht nach hinten gucken“, lautet die Marschroute für die letzten knapp 5 Kilometer hinauf nach Andorra. Um 17:31 war es geschafft. An diesem 15. Juli 1997 war der neue Held endgültig geboren. Gelb mit 2:58 Minuten Vorsprung vor Konkurrent Virenque, der im Ziel zeitgleich mit Pantani 1:08 Minuten Rückstand auf Ullrich hatte.

Ullrich hinter Lokomotive Bölts - Foto: Wikipedia
Ullrich hinter Lokomotive Bölts - Foto: Wikipedia

Der enttrohnte Kapitän zeigte wahre Größe, war einer der ersten Gratulanten und versprach seinem Nachfolger als angehendem Toursieger seine Unterstützung in den nächsten Tagen der Rundfahrt: „Die Tour kann man nur im Team gewinnen“, unterstreicht Riis den herrschenden Teamgeist bei Telekom.

Nach zahllosen Terminen mit Medien und Fans wartet auf Jan Ullrich seine eigentliche Spezialität: Einzelzeitfahren, das als Bergzeitfahren in St. Etienne ausgetragen wird. Auf einer Straßenmaschine rollt er mit großem Gang von der Rampe. Die Mütze nach hinten gedreht, die weiße Sonnenbrille vor Augen. Es ist „seine“ Disziplin, das war jedem klar, aber was der deutsche Meister auf den folgenden 55 Kilometern abliefert, ist schier unbeschreiblich.

Demütigung für seine Gegner

Obwohl er gar nicht alles riskieren, nicht seine Leistungsgrenze ankratzen will, gibt ihm ausgerechnet Bergspezialist Virenque eine Portion Zusatzmotivation. Nachdem Ullrich auf der Strecke sein Rad gegen eine Zeitfahrmaschine eintauscht, er die Zwischenstände hört, landet auf einmal sein Blick auf einer Gruppe Motorräder, die im Pulk in Sichtweite vor ihm fahren.

Das Zeichen noch einmal alles aus sich herauszuholen. 3 Minuten vor ihm war der Festina Profi Virenque gestartet, jetzt hat Ullrich ihn im Blick. Noch einige Tritte, dann fliegt Ullrich am Franzosen vorbei. Unglaublich. Im Ziel sind es sage und schreibe 3:04 Minuten Vorsprung. Kein Fahrer vorher hat es jemals zu so einem großen Abstand auf die Verfolger gebracht.  

Die prestigeträchtige Etappe hinauf nach Alpe d´Huez konnte der Italiener Marco Pantani gewinnen. Die Strecke der furchteinflössenden 21 Serpentinen rauf in den Skiort absolvierte „Elefantino“ Pantani in der Rekordzeit von 37:35 Minuten. Am Tag darauf bekommt das „Gelbe“ erstmals Probleme. Die Mannschaft von Festina attackiert in den Alpen und Ullrich gerät ernsthaft in Rückstand.

Alle für Ullrich

Doch Bjarne Riis hält sein Wort und schließt gemeinsam mit Ullrich die Lücke. Den letzten Angriff kann der Däne dann nicht mehr aufhalten, aber Ullrich hat sich gefangen und stürmt an der Seite von Virenque Richtung Courchevel. Auf einen Zielsprint um den Tagessieg verzichtet der Telekom-Profi und gönnt dem Franzosen den Triumph: „Ich bin doch kein Kannibale“.

Grund zum jubeln, Jan Ullrich - Foto: imago
Grund zum jubeln, Jan Ullrich - Foto: imago

Trotz der gezeigten Leistung, der unglaublichen Souveränität macht sich langsam die Erschöpfung bemerkbar. Zudem kämpft das „Jahrhunderttalent“, wie er in den Medien gefeiert wird, in den letzten Tagen der Tour mit einer Erkältung. Treffen mit Freunden und seiner Mutter Marianne Kaatz, die ihn bei der Siegerehrung in Colmar mit ihrem Besuch überrascht, geben ihm die nötige Stärke für die verbleibenden Kilometer.

Und vor allem ein Mann an seiner Seite: Udo Bölts. Der Magenta-Fahrer erkennt auf der 18. Etappe wie schlecht es seinem neuen Kapitän geht. 6:22 Minuten Vorsprung scheinen beruhigend, aber Ullrich kann heute die Angriffe nicht parieren. Er leidet beim Ritt durch die Vogesen. Dann fällt der Satz, der in die Radsportgeschichte eingegangen ist: „Quäl Dich, Du Sau“, raunzt Bölts seinen Kumpel an. Dieser hält sich daran und kämpft sich ins Ziel, ohne Zeit verloren zu haben.

Der erste deutsche Toursieger

Nach diesem Tag, der für Ullrich wie immer mit einer ausgiebigen Massage bei Dieter „Eule“ Ruthenberg zu Ende ging, fiel der Startschuss zum Schaulaufen der letzten Etappen. In Bedrängnis kommt der Führende des Gesamtklassements nicht mehr. Nach Etappe 19 betätigt sich Ullrich als Tröster. Zimmerkollege Jens Heppner wurde nach dem Kampf um den Tagessieg deklassiert und zurückgestuft. Beim Zeitfahren im Disneyland in Paris siegt Abraham Olano vor Ullrich, und Riis schmeißt aus lauter Frust über seine Zeitfahrmaschine dieselbige in den Graben.  

Doch all das sind für die Radsportwelt nur noch Randnotizen einer denkwürdigen Tour de France. Genau so wie der Sieg des Italieners Nicola Minali auf der abschließenden Tour d´Honneur, der letzten Etappe mit dem Zielstrich auf der berühmten Champs-Élysées. Telekom wollte seinem „grünen“ Zabel den Tagessieg ermöglichen, doch es wird „nur“ der zweite Platz. Die Freude hat dies an diesem 27. Juli 1997 allerdings keinen Abbruch getan. Jan Ullrich wurde zum neuen König von Frankreich. Mit einem Vorsprung von 9:09 Minuten, dem Größten seit 1984, gewinnt erstmals ein Deutscher die Tour. 

Vergleiche zu Indurain, Hinault und Merckx wurden gezogen, verfehlten aber ihr Ziel. Ullrich war Ullrich. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Held im Sommer der Tour de France 1997.  (anhe)


Zahlen und Fakten

Datum:

05.-27. Juli 1997

Sportart:

Radrennsport

Anlass:

84. Tour de France

Ort:

Frankreich

Etappen:

21

Distanz:

3950 Kilometer

Stundenmittel:

39,237 Km/h

Fahrer am Start:

198 in 22 Teams

Fahrer im Ziel:

139

Ergebnis gesamt:

1. Jan Ullrich
2. Richard Virenque
3. Marco Pantani

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