Interview - Baumann zur goldenen Lücke


Goldjubel 1992 über 5000 m - Foto: imago
Goldjubel 1992 über 5000 m - Foto: imago

Sporthelden.de: Herr Baumann, wenn Sie an Ihren Goldlauf von Barcelona denken, was fällt Ihnen spontan dazu ein?
Baumann: Ich muss sagen: An das Rennen selber kann ich mich nur an wenige Situationen erinnern. Vielmehr gibt es viele Dinge vor dem Lauf selber, z.B. als ich den Vorlauf sehr deutlich gewonnen habe, ja, da war klar: Ich gehöre absolut zu den Favoriten, ich kann das Ding morgen gewinnen. Es ging um den Olympiasieg und dann war ich eigentlich nervös, habe sehr schlecht geschlafen.


Sporthelden.de: Und im Rennen selber?
Baumann: Da kann ich mich sehr gut an die 500 Meter vor Schluss erinnern, weil wir die taktische Maßnahme hatten, wenn wir so 4, 5, 6 Läufer sind, dass ich dann einen sehr langen Spurt suchen sollte. Irgendwie habe ich es nicht realisiert, hab mich nicht danach gefühlt. Ich habe dann kurz gezögert und mit mir gehadert, warum ich es nicht gemacht habe. Ja und dann war ich schon mittendrin in der letzten Runde und da musste ich natürlich um jede Position kämpfen und ich war ja lange eingeklemmt und musste warten das irgendwann eine Lücke aufgeht. 120 vor Schluss tat sich die Lücke auf und dann war mir klar: das Ding gewinn ich


Sporthelden.de: Für die Zuschauer sah es aber bis kurz vor dem Ziel enger aus....
Baumann: Also für mich war es nicht so knapp von der Wahrnehmung. Mir war es klar als ich an fünfter Stelle in der Kurve lief. Dann sah ich schon wie alle sozusagen eine Schritt nach rechts gingen, um den Weg für die anderen weiter zu machen. Ich war aber in der Position ganz hinten und sah plötzlich wie alle 4 Läufer vorne den gleichen Gedanken hatten und alle vier rückten nach außen auf. Dann war die Innenbahn frei und ich habe gedacht: o.k., sehr schön der Weg ist klar und mir war klar, dass ich gewinnen würde.


Sporthelden.de: War diese Lücke, die Schönste, die Sie je gesehen haben?
Baumann: So ein Rennen, so eine Konstellation, da würde ich schon sagen: das war eine sehr glückliche Lücke, eine sehr glückliche Fügung. Zwei Seitschritte meiner Kollegen, die mir sehr viel geholfen haben.


Sporthelden.de: Als Sie nach dem Zieleinlauf den Purzelbaum geschlagen haben, wussten Sie da schon, was Sie Großes geleistet haben?
Baumann: Als ich über diese Linie lief, hab ich das natürlich nicht so wahrgenommen, denn zunächst mal hab ich eigentlich nur das gemacht, was ich wusste – ich kann das Rennen gewinnen und letztendlich habe ich es gewonnen. Man ist sich nicht so bewusst, um was es geht. Das wird einem vielleicht 5 Minuten später auf der Ehrenrunde bewusst: ich bin ja hier in Barcelona, ich bin im Olympiastadion und da oben brennt die Flamme – ich hab es jetzt tatsächlich geschafft. In dem Moment in dem man über die Line läuft ist das eher nüchterner. Die Euphorie wurde mir erst später ersichtlich, als wir wieder daheim waren.


Sporthelden.de: Durch Läufe wie diesen haben Sie den Spitznamen „Der weiße Kenianer“ bekommen.
Baumann: Ach Gott, wissen sie, ich glaube als Läufer ist das ja fast ein Adelstitel. Der Titel bestätigt nur und natürlich, mit dem Namen wächst der Druck. Vom weißen Kenianer erwartet man, dass man immer und jederzeit mit den Kenianern mithalten kann. Es war ein schöner Name für einen weißen Läufer

 
Vielen Dank für das Interview. Das Gespräch führte André Helpensteller.


Zahlen und Fakten

Tag: 

08. August 1992, 20:40 Uhr (MESZ)

Ort: 

Olympiastadion Barcelona

Sportart: 

Leichtathletik

Anlass:

Olympia-Finale 5000 m, Herren

 

 

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