Kein "Easy-Going" - New York war auch fürs Air Race eine echte Herausforderung


       


Die Freiheitsstaue wacht über der 5. Station der Red
Bull Air Race WM 2010 -
Foto: Hamish Blair - Getty Images for RBAR

New York: Ein Rennen mit ganz speziellen Herausforderungen… 

NEW YORK – Jim DiMatteo fungiert beim Red Bull Air Race am 19./20. Juni in New York als Renn-Direktor. Der frühere US-Navy-Top-Gun-Kapitän war in den vergangenen drei Jahren verantwortlich für die Planung und Organisation des WM-Rennens in New York. 

Im folgenden Interview gibt DiMatteo Einblicke über die besonderen Herausforderungen, die bei der Realisierung des weltweit am schnellsten wachsenden Motorsport-Events im “Big Apple” aufgetreten sind. 

Wie schwierig war es, das Red Bull Air Race in New York zu organisieren? 

„Einer der Gründe, warum es so lange gedauert hat, ein Rennen hier in New York durchzuführen, waren die vielen verschiedenen ‚Protagonisten’. So viele unterschiedliche Behörden mussten vorab ihre Zustimmung geben und dem ganzen erst einmal ihr Vertrauen schenken. Und was die Luftfahrt betrifft, so ist der Flugraum über New York eine sehr heikle Angelegenheit. Das war uns allen bewusst. Das ist der ganzen Welt bewusst. Aber das Geschehen vom 11. September 2001 ist nicht der einzige Grund. In den vergangenen Jahren gab es andere Vorfälle - darunter auch die Situation, als die Maschine des US-Präsidenten um die Freiheitsstatue kreiste (für spezielle Fotoaufnahmen). Das hat für eine Menge Aufregung gesorgt.“

Sie haben fast drei Jahre mit der Vorbereitung auf das Rennen in New York verbracht – was hat denn so lange gedauert? 

„Das war eine komplexe Angelegenheit, ganze 16 verschiedene Behörden unter einen Hut zu bringen. Das dauert seine Zeit. Das waren, unter anderem, die Behörden von New York City, Jersey City, dem Bundesstaat New Jersey, dem Liberty State Park, der Statute of Liberty, Ellis Island, der Umweltbehörde, den Polizeibehörden und noch viele mehr...“

Gab es noch weitere Hürden, bevor das „GO“ für ein Rennen im Herzen von New York erteilt wurde? 

„Ich spreche lieber von Herausforderungen. Als Renn-Direktor ist für mich die FAA (Federal Aviation Administration), also die Bundesluftfahrtbehörde der USA bindend. Wir verfügen hier über drei der weltweit größten Flughäfen, die nur etwa 15 bis 25 Kilometer voneinander entfernt liegen. Und wir liegen mit unserer „race box“, also der Renn-Organisation mitten drin. Der Luftraum in diesem Bereich ist der engste und verkehrsreichste auf dem ganzen Planeten, und daher war es ein langer Prozess, die FAA von der Machbarkeit dieser Veranstaltung zu überzeugen. Dabei ging es hauptsächlich um die öffentliche Sicherheit, wie wir den Parcours planen, wie die Piloten in den Parcours ein- und wieder aussteigen, die sogenannte TFR, also die temporären Flug-Restriktionszonen und noch vieles mehr. Für ein Red Bull Air Race hat es zuvor in den USA noch nie eine solche Flug-Restriktionszone gegeben – aber hier in New York wird sie eingerichtet. All das unter einen Hut zu bringen, hat einfach Zeit gekostet.“

Wie stark ausgelastet ist der Flugraum und gilt diese Restriktionszone auch für die internationalen Flughäfen? 

„Egal zu welchem Zeitpunkt – im Luftraum über New York befinden sich immer etwa 50 bis 100 Flugzeuge. Insgesamt gibt es vier Flughäfen in diesem Bereich – Teterboro, Newark, La Guardia und JFK. Dabei handelt es sich um wirklich große, internationale Flughäfen, deren Abläufe wir auf keinen Fall in irgendeiner Form unterbrechen oder stören dürfen. Daher liegt unsere Flug-Restriktionszone auch in einiger Entfernung zu diesen Flughäfen. Wir fliegen vom Linden Airfield aus, das sich etwa zehn Kilometer südlich von Newark befindet, nahe der Längsachse der Landebahn. Wir befinden uns weit unter Newarks Flugzeugen, aber wir werden mit Sicherheit einige 747 und A380 sehen, die sich direkt über unseren Köpfen im Landeanflug befinden.“

Wie weit ist Linden Airfields vom Parcours entfernt? 

„Aus Sicherheitsgründen und um den Flugraum nicht zu stören, dürften es wohl etwa rund fünf Flugminuten bis zum Parcours sein. Wir müssen in Richtung Süden fliegen, Staten Island und dann die Verrazono-Narrows-Brücke passieren und schließlich den Hudson River hinauf. Alles in allem sind das knapp 30 Kilometer. “

Wie haben die Behörden reagiert, als sie zum ersten Mal von einem Rennen im Herzen New Yorks hörten ? 

„Die typische erste Reaktion von Leuten, die das Red Bull Air Race kennen: ‚Ohh, das ist wirklich eine klasse Idee – aber das wird es hier niemals geben‘. Und dann gab es da die anderen, die von unserem Rennen nicht den blassesten Schimmer hatten. Die meinten: ‚Ohh, das ist eine klasse Idee, aber das wird hier nicht hinhauen‘. Aber das ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man an den überlasteten und politisch sehr sensiblen Luftraum denkt. Aber auch die weltweit berühmten Sehenswürdigkeiten wie Ellis Island und die Freiheitsstatue dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Alles in allem ist der ganze Event eine öffentlich überaus hochwirksame Angelegenheit. Und wenn es um solche Angelegenheiten geht, dann tendieren die Behörden erst einmal in Richtung ‚Nein‘, wenn man etwas daran ändern möchte. Und dann muss man halt nach und nach diesen Riesenberg des ‚Nein‘ mit kleinen Schritten abtragen bis aus dem ‚Nein‘ ein ‚Nun, wir werden sehen‘ wird, dann ein ‚Das ist vielleicht machbar‘, bis es schließlich heißt: ‚Hey, weißt Du was – das bekommen wir hin‘. Ungefähr so lief das ganze ab...“

Wie schaffte es das Red Bull Air Race aus diesem „Nein“ ein „Das bekommen wir hin“ zu zaubern? 

„Ich denke, das ist der Verdienst des Red Bull Air Race und die Bestätigung für die professionelle Herangehensweise, wie wir als Unternehmen unseren Job machen. Bei dieser Art von Behörden dreht sich alles um Glaubwürdigkeit. Und die mussten wir erst unter Beweis stellen - nicht nur durch persönliche Kontakte bei Briefings und Präsentationen. Es gab noch andere Gruppen in den USA, mit denen wir in der Vergangenheit bereits zusammen gearbeitet haben. Sie haben für uns das Wort ergriffen und für uns interveniert. Da gab es Leute in San Diego oder Detroit, die gesagt haben ‚Ja, wir haben bereits mit dem Red Bull Air Race zusammengearbeitet. Ja, die sind sehr professionell. Ja, man kann sich auf ihr Wort verlassen. Wenn sie etwas sagen, dann machen sie das auch‘.“

Hat dabei auch die weltweite Erfolgsgeschichte der vergangenen 48 Rennen des Red Bull Air Race geholfen? 

„In Wirklichkeit spielt es keine Rolle, was man in anderen Ländern bereits geschafft hat, denn jedes Land hat andere Vorschriften. Da heißt es dann nur: ‚Ja, ist schon toll, dass ihr in Budapest geflogen seid – aber das heißt noch lange nicht, dass wir euch hier unter unseren Brücken durchfliegen lassen‘.“

Also waren die US-Rennen in San Fransisco, San Diego, im Monument Valley und Detroit ausschlaggebend? 

„Absolut. Alles, was sie eigentlich wissen wollten war: ‚Was habt ihr bereits hier in den USA auf die Beine gestellt? Mit wem habt ihr zusammen gearbeitet? Den werd’ ich mal anrufen...‘ Das war unser Hauptanliegen hier in den USA – Jahr für Jahr an den verschiedenen Schauplätzen unsere Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.“

Gab es Bedenken, in New York so nahe an nationalen Denkmälern vorbei zu fliegen ? 

„Natürlich. Mit Rennmaschinen so dicht an weltweit berühmten Denkmälern wie der Freiheitsstatue vorbeizufliegen ist eine heikle Angelegenheit. Ich konnte dabei aber Vergleiche mit den Flugzeugträgern in San Diego ziehen. Wenn ich damals die Erlaubnis erhielt, dass ausländische Flugzeuge in einem Abstand von gerade einemal 30 Metern Nuklear-Flugzeugträger passieren durften, dann kann man schon behaupten, dass damit die Zeichen für unsere Glaubwürdigkeit ganz gut standen, wenn es darum ging, um die Freiheitsstatue herum zu fliegen.“

Haben die Verantwortlichen hier in New York bereits ein Red Bull Air Race verfolgen können? 

„Ja, einige der Behörden kennen andere Rennen aus erster Hand. Die FAA allerdings nicht, denn sie wussten bereits, was wir machen. Das Grundgerüst für Entscheidungen in Städten wie New York und New Jersey ist: Welchen Nutzen bringt das für die Stadt und – ist es sicher? Wir haben ihnen eine Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen vorgelegt, die beweist, dass dieses Rennen der Stadt Millionen Dollar einbringt. Und diese positive Auswirkung auf die Wirtschaft ist einleuchtend. Alle, sogar Städte wie New York, suchen danach, den Tourismus weiter zu fördern. Und die Bürgermeister dieser Städte stehen dem positiv gegenüber - den positiven wirtschaftlichen Auswirkungen, aber auch dem weltweit großen Interesse, die ein Red Bull Air Race ganz einfach für ihre Städte mit sich bringt.“

Das hört sich so an, als ob die Behörden dann wohl doch irgendwann vom Rennfieber gepackt wurden? 

„Ja, ganz eindeutig. Sie wurden aber nicht nur vom Rennfieber gepackt. Für mich war es besonders imponierend, wie sie als New Yorker die Dinge anpacken. Ich habe oft gehört: Wenn die was wollen, so bekommen sie das auch hin. Es war einfach beeindruckend zu sehen, wie sie von ihrer ursprünglichen Einstellung mit ‚Was ist denn das? Ich glaube nicht, dass wir das machen sollten‘ schließlich zu einem ‚Ja, das kann ich mir vorstellen, denn ihr habt eure Glaubwürdigkeit unter Beweis gestellt und daher bin ich zu dieser Entscheidung gelangt‘ gelangt sind. Haben sie eine solche Entscheidung erst einmal getroffen, dann geht diei Post so richtig ab. Sie sind halt New Yorker.“

Und wann genau war dieser Moment? 

„Dieser Moment liegt etwa anderthalb Jahre zurück, als sich mein ‚Das wird nie etwas‘ zu einem ‚Wow, diese Jungs wollen das wirklich umsetzen‘ gewandelt hat. Als ich von den Bürgermeistern von New York, Jersey City und von der FAA die Signale erhielt ‚Ja, das könnte hinhauen‘ – das war der Moment, als der Ball so wirklich ins Rollen kam.“

Welche Rolle spielte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg? 

„Wie der Zufall so spielt – Bürgermeister Michael Bloomberg ist selbst Pilot. Und damit steht er auch der Flugindustrie positiv gegenüber. Er liebt die Fliegerei. Ich glaube, er weiß um die positiven Auswirkungen für Stadt und Luftfahrt. Er ist in dieser Richtung ein großer Fürsprecher. Ganz klar ist, hätte der Bürgermeister von New York sein Veto eingelegt, dann wäre es dabei auch geblieben. Wir können uns glücklich schätzen, dass er die entsprechenden Weichen gestellt hat. Wir haben mit dem Bürgermeister von Jersey City, Jerramiah T. Healy, und Evan Korn zusammen gearbeitet, der im Büro des Bürgermeisters als Exekutiv-Direktor für New York-Events verantwortlich ist.“

Sie stammen aus Kalifornien. Was haben sie in all der Zeit über die Menschen in New York gelernt ? 

„Die Menschen in New York stehen Events wie dem Red Bull Air Race verständlicherweise erst einmal skeptisch gegenüber. Aber sie lieben Riesen-Events. Und sind sie erst einmal von einer Idee begeistert, dann geben sie wirklich alles. Und mit Recht wollen sie jetzt daraus das beste Red Bull Air Race der Welt machen. Sie besitzen viel Selbstvertrauen und glauben, in der besten Stadt der Welt zu leben. Nun, einiges spricht ja auch dafür. Und das ist es, was ich mag. Es war wirklich beeindruckend zu sehen, wie sie sich von ihrer anfänglichen Skepsis gewandelt haben in ein ‚Wenn wir das schon machen, dann aber richtig!‘ Es muss einfach nur cool sein. Und es muss im großen Stil sein. Und das wird es! “

Letzte Frage: Welcher Teil des Rennes wird in New York und welcher in New Jersey absolviert? 

„Der Luftraum wird genau über den Hudson River geteilt. Das heißt also, dass wir uns im Luftraum von New Jersey befinden. Aber die für den Hudson River zuständige Behörde – bis hinauf zur Küste von New Jersey - ist New York. Damit sind unsere Pylonen in New York und unsere Rennmaschinen fliegen in New Jersey. Man kann sich also leicht vorstellen, welche Herausforderung allein dies bedeutet hat.“

WM-Stand nach dem Qualifying von New York, dem fünften von acht Rennen der Red Bull Air Race-WM 2010:
1. Paul Bonhomme (GBR/41), 2. Hannes Arch (AUT/40), 3. Nigel Lamb (GBR/37), 
4. Kirby Chambliss (USA/26), 5. Matt Hall (AUS/22), 6. Pete McLeod (CAN/22), 
7. Nicolas Ivanoff (FRA/19), 8. Michael Goulian (USA/19), 9. Matthias Dolderer (GER/19), 
10. Peter Besenyei (HUN/14), 11. Yoshihide Muroya (JPN/5), 12. Sergey Rakhmanin (RUS/4), 13. Alejandro Maclean (ESP/4), 14. Martin Sonka (CZE/0), 15. Adilson Kindlemann (BRA/0).

WM-Stand nach vier von acht Rennen der Red Bull Air Race-Weltmeisterschaft 2010:
1. Paul Bonhomme (GBR/41), 2. Hannes Arch (AUT/39), 3. Nigel Lamb (GBR/37), 4. Kirby Chambliss (USA/26), 5. Matt Hall (AUS/22), 6. Pete McLeod (CAN/22), 7. Nicolas Ivanoff (FRA/19), 8. Michael Goulian (USA/19), 9. Matthias Dolderer (GER/19), 10. Peter Besenyei (HUN/14), 11. Yoshihide Muroya (JPN/5), 12. Sergey Rakhmanin (RUS/4), 13. Alejandro Maclean (ESP/4), 14. Martin Sonka (CZE/0), 15. Adilson Kindlemann (BRA/0). 


Atemberaubende Kulisse fürs Red Bull Air Race. Der 5. WM-Lauf findet in New York statt und wird von vielen als Rennen des Jahres gesehen - Foto: Getty Images for RBAR 


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