Die zwei Seiten der Silbermedaille

Das Los Zweiter zu sein

 


Musste sich auch mal mit Silber zufrieden
geben: Franziska van Almsick - Foto: imago

 

 

Olympische Spiele - die Jagd nach Gold. Gold für den ersten Platz, für die beste Sportlerin, den besten Athleten, das beste Team. Gold bringt Ruhm und Ehre, oft auch Geld. Gold ist Glück. Zweiter sein ist Pech - meistens. Oder aber Glück - je nach Erwartungshaltung. Die Sportler wissen Ihre eigene Leistung im Vergleich mit ihren persönlichen Möglichkeiten und den Leistungen der Gegner zu würdigen. Das Publikum setzt seine eigenen Ziele für die Sportler, baut auf die sicheren Medaillenbringer oder die Medaillenhoffnungen und freut sich über Medaillen, die aus dem Nichts kommen. So wird man Überraschungszweiter oder eben enttäuschender Zweiter.

Silber - für "Franzi" nicht genug

Franziska van Almsick war unsere Franzi, unser Goldfisch. Vom Goldregen bei Europameisterschaften verwöhnt, erwartete man nach ihrem Doppelsilber von
Barcelona nun fast zwangsläufig auch olympisches Gold von ihr. Doch daraus wurde nichts. Die Erwartungshaltung des Publikums wurde enttäuscht. Erneutes Doppelsilber in Atlanta war dem Publikum eben nicht genug.

Deutsche Schützen: Wenn Zwei das Gleiche tun

1996 ist wohl das Jahr für zweite Plätze - für Glück und Pech. In Atlanta gewinnt Susanne Kiermayer überraschend die Silbermedaille im Doppeltrap. Eine kaum bekannte Sportlerin tröstet die deutschen Sportschützen über die noch ausbleibenden Goldmedaillen hinweg. Sie ist überglücklich als Zweite. Gleiches Jahr, gleicher Ort, gleiche Medaille und dennoch eine gänzlich andere Wahrnehmung. Die Schützin Petra Horneber ist auf Goldkurs in der Disziplin Luftgewehr. Im Vorkampf hat sie mit 397 Ringen von 400 Möglichen fast das Maximum erreicht. Lediglich dreimal trifft sie die Neun, der Rest sind Zehner. Damit ist sie locker im Finale, nur noch weitere zehn Schuss vom Gold entfernt. Hierbei zählen jetzt auch Zehntelringe. Zehner sind beim Luftgewehr Pflicht, Neuner verderben schon den Schnitt.

Dass Sie Zehner in Serie abliefern kann, hat Petra Horneber bewiesen. Sie hat gut vorgelegt und hat zwei ganze Ringe
Vorsprung vor ihrer Konkurrentin. Nach neun Schuss im Finale liegt Petra Horneber immer noch 1,7 Ringe vor der Polin Renata Mauer. Ein letzter Schuss, eine letzte Zehn, dann ist sie Olympiasiegerin! Sie braucht nicht einmal eine Zehn, denn eine 9,3 würde schon sicher reichen. Das muss gehen! Das ist auch Petra Horneber klar. Was auch immer in der Schützin vorgeht, die totale Konzentration wie bei den vergangenen 49 Schüssen ist dahin. Im Kopf läuft wohl die Rechenmaschine. Es wird keine Zehn. Aber leider auch keine Neun! Der letzte Schuss ist nur eine 8,8! Ausgerechnet jetzt. Die Polin liegt denkbar knappe zwei Zehntel vorne, es reicht "nur" für Silber, verhaltene Freude bei Petra Horneber über den zweiten Platz. Der Kopf sagt nicht "Silber gewonnen", sondern "Gold verloren".

Hingsen und Busemann: Silber ist nicht gleich Silber


Neben Silber auch die Herzen der
Fans im Sturm erobert: Frank 
Busemann - Foto: Autogrammkarte

 

 

 

Da wird ein Jürgen Hingsen, der Modell-Athlet mit dem Potential für Gold, zum ewigen Zweiten hinter Daley Thompson. Natürlich will er nach seiner Silbermedaille von 1984 in Seoul 1988 endlich die Goldene im Zehnkampf holen. Olympische Spiele, zweiter Anlauf. Zu seinem eigenen Entsetzen leistet er sich dabei eine legendäre Fehlstart-Serie und vergibt alle Chancen. Die gleiche Disziplin, acht Jahre später. Ein dem Massenpublikum bis dahin völlig unbekannter Jüngling namens Frank Busemann erkämpft überraschend Silber in Atlanta 1996. Das ist ein Riesenerfolg und wird auch so wahrgenommen, obwohl er doch auch "nur" Zweiter ist. Frank Busemann findet seine Silbermedaille sogar zum Anbeissen, avanciert zum Publikumsliebling und wird prompt zum Sportler des Jahres in Deutschland geadelt. Bester kann man also auch als Zweiter sein.


Carl Lewis und Klaus-Peter Thaler: Zweiter und doch nicht Zweiter


Silber gewonnen und Gold verloren hat zunächst auch Carl Lewis gegen Ben Johnson beim Lauf über 100 Meter 1988 in Seoul. Im prestigeträchtigen Duell ist Ben Johnson einfach schneller als er. Carl Lewis wird Zweiter. Aber zumindest er selbst kann die erbrachten Leistungen einschätzen, er weiß, wer hier eigentlich gewonnen hat. Der unschlagbare Ben Johnson hat sich selbst geschlagen, er ist gedopt. Carl Lewis kommt zwar nur als Zweiter ins Ziel, erhält aber nachträglich doch noch seine verdiente Goldmedaille.

Anders ergeht es Klaus-Peter Thaler. Als Zweiter ins Ziel kommt auch er. Der Radrennfahrer sprintet bei den Olympischen Spielen 1976 im Straßenrennen aus der
Spitzengruppe heraus auf den zweiten Platz. Normalerweise ist das die Silbermedaille, aber die Rennleitung erkennt auf Behinderung eines weiteren Mitstreiters. Klaus-Peter Thaler verliert Plätze und somit auch die Medaille. Die Entscheidung ist umstritten. Es ändert aber nichts daran - Zweiter geworden und doch kein Silber bekommen.

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Jan Ullrich und Lance Armstrong: Die zweite Chance - Der zweite Sieger

Jan Ullrich betritt die Bühne der Olympischen Spiele 2000 als Zweiter der Tour de France, einem Rang, den er hinter Lance Armstrong mehrfach einnehmen sollte. In Sydney bekommt er eine zweite Chance ihn doch noch zu schlagen. Im Straßenrennen holt Jan Ullrich Gold, aber das ist nicht die erhoffte Revanche. Beim Straßenrennen gibt es keine Mannschaften, alle sind Einzelstarter. Dennoch fallen die ersten drei Plätze an die Radprofis des Team Telekom, Ullrich, Vinokourov und Klöden, die im Rennen gut taktieren und gemeinsam aufs Treppchen fahren.

Der Kampf der Giganten soll nun im Einzelzeitfahren ausgetragen
werden. Ein Glücksfall, denn dieses Einzelzeitfahren ist erst zum zweiten Mal im Programm der Olympischen Spiele. Das ist sie also, die zweite Chance! Lance Armstrong gilt als Kandidat für sicheres Gold im Zeitfahren. Bereits bei der Tour hatte er das Einzelzeitfahren gegen Ullrich gewonnen. Armstrong plant auch hier einen Sieg. Schon zweimal erfolglos bei Olympischen Spielen angetreten, will er in seiner Paradedisziplin diesmal den Sack zumachen. Beim Kampf gegen die Uhr werden Ullrich und Armstrong alleine sein, keine Renntaktik, kein Windschatten.

Am 30. September 2000 wird der Centennial Park in Sydney zur Arena. Z
wei Gladiatoren auf ihren Zeitfahrmaschinen treten zum Duell an! Drei Runden werden gefahren, insgesamt 46,8 km. Die Uhr läuft. Beide schenken sich nichts. Jan Ullrich will die Revanche, Lance Armstrong will Gold. Lance Armstrong sagt später: "Ich habe alles gegeben!" Im Ziel trennen die beiden Kontrahenten 26 Sekunden! So kommt es dann, dass Jan Ullrich nur Zweiter wird. Kein Gold im Zeitfahren für Ullrich. Aber auch kein Gold für Armstrong! Der Kampf der Giganten ist geschlagen und beide haben verloren. Gold geht an Viacheslav Ekimov! Dieser liegt mit seiner Zeit von 57:40 acht Sekunden vor Ullrich. Ullrich eben jene 26 Sekunden vor Armstrong auf Drei. Ekimov schlägt Beide, Ullrich und Armstrong, und drückt seine Gefühle so aus: "Das ist wie auf dem Gipfel des Everest zu stehen!"

Ullrich wird Zweiter, schlägt Armstrong und hat seine Revanche bekommen! Er holt Gold im Straßenrennen, aber die Silbermedaille, der zweite Platz
vor Armstrong, ist der wahre Sieg in Sydney.

Peter-Michael Kolbe: Und ewig lockt das Gold

 


Gold blieb ihm verwehrt:
Peter-Michael Kolbe -
Foto: Autogrammkarte

 

 

Immer wieder versuchte Peter-Michael Kolbe, statt Silbermedaillen endlich auch einmal eine Goldene bei Olympischen Spielen im Rudern zu erringen. Insgesamt fünfmal Weltmeister im Einer, war ihm das Siegen nicht fremd. Bei Olympischen Spielen kam ihm aber stets etwas oder jemand in die Quere. Beim Finale 1976 in Montréal war es Pertti Karppinen aus Finnland, der ihm auch gleich noch 1984 in Los Angeles in die Parade fuhr. Zweimal Silber! 1980 wurde es nichts mit einem Anlauf auf Gold, denn die Olympioniken wurden von der großen Politik ausgebremst - Boykott in Moskau. Weder Gold noch Silber für westdeutsche Athleten. Pertti Karppinen startet in Moskau, holt wieder Gold.

So sind es 1988 die dritten Olympischen Spiele in vier Olympiaden, die Peter-Michael Kolbe angeht. In
Seoul sind die Westdeutschen diesmal dabei, Pertti Karppinen ist nicht wie in Moskau alleine auf Medaillenkurs, er bleibt aber glücklos. Freie Bahn für Peter-Michael Kolbe! Aber auch die ostdeutschen Athleten sind in Seoul am Start. Der DDR-Ruderer Thomas Lange nimmt Peter-Michael Kolbe die Goldmedaille weg. Wieder Zweiter, wieder die Silbermedaille. Es ist zum Verzweifeln! Aber auch eine Riesenleistung, über 16 Jahre stets zwar "nur" Zweiter zu werden, dabei aber auch stetig bessere Zeiten im Ziel einzufahren: Von 7:31.67 in Montreal bis zu 6:54.77 in Seoul.

Es ist eine schwierige Situation, denn auch die Silbermedaille hat zwei Seiten. Ob nun erster Verlierer, oder aber zweiter Sieger - beim Gewinn der
Silbermedaille hängen Glück und Unglück in den meisten Fällen ganz dicht beieinander. Ihren Platz in den Medaillenspiegeln, den Ruhm und die Ehre haben alle verdient. Dabei ist die Farbe der Medaille ganz egal. Denn es ist in jedem Fall schon mehr, als "nur" dabei gewesen zu sein.   (bz)


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