1956: Als Winkler schrie vor Schmerz

 



Die Schwedin Kim war begeistert von HGW und Reiten wurde ihre Leidenschaft - Foto: privat

 

Name: 

Kim E. aus Schweden

Jahrgang: 

1943 

Sportart: 

Springreiten

Anlass: 

Olympische Reiterspiele der XVI. Olympiade

Ort: 

Stockholm, Olympiastadion

Datum: 

17. Juni 1956, ab 9:00 Uhr

Olympiasieger:

Einzel: Hans Günter Winkler
Mannschaft: Deutschland mit Fritz Thiedemann, Alfons Lütke-Westhues, Hans Günter Winkler

 

 


Olympische Spiele 1956: Das Wunder von Stockholm - Die Schwedin Kim E. erinnert sich an "ihren" Tag bei den Reiterspielen. Für sporthelden.de hat sie ihre Gedanken an dieses einmalige Erlebnis aufgeschrieben

 


Die Zeitungsausschnitte von
damals hat sie alle gesammelt
(hier AB+ST vom 18. Juni 1956)
 - Foto: privat

 

 

Nachdem ich die Olympischen Spiele 2008 von Peking im Fernsehen verfolgt habe, besonders die Reitwettbewerbe, die in Hongkong ausgetragen wurden, kamen meine Erinnerungen an das Jahr 1956 wieder hoch. Damals war ich ein kleines Mädchen und hatte das Glück, dass ich als Zuschauerin ein ganz besonderes Ereignis erleben durfte.

Der Vater von einem Spielkamerad von mir war damals Kavallerieoffizier und hatte zwei Eintrittskarten für den Schlusstag der Olympischen Reiterspiele in Stockholm. Eine davon bekam ich und so fuhren wir zusammen ins Olympiastadion. Wir hatten beide keine Ahnung vom Springsport. Ich saß kurz vorher zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Pferd und mein Freund ritt überhaupt nicht.

Das Einzige was wir wussten war, dass Schweden bereits 3 Goldmedaillen in der Dressur und der Vielseitigkeit gewonnen hatte. Die einheimischen Zeitungen waren voll davon und wir hofften natürlich auf weitere Erfolge unserer schwedischen Reiter. Die Hoffnung war aber auch schnell wieder geplatzt, weil zwei der Schweden bereits mehr als 150 Fehlerpunkte sammelten, der Dritte kam erst gar nicht ins Ziel. Auch wenn wir keine Ahnung hatten, war uns schnell klar, dass die Medaillen wohl an die Favoriten aus Deutschland, Großbritannien, Italien und Frankreich gehen würden.

"Glücklich, dabei zu sein!"

Der Parcours war anscheinden so schwierig, dass wir nach Stunden gespickt mit Stürzen und Verweigerungen der Perde schon glaubten, dass es unmöglich sei, fehlerfrei zu reiten. Dass die ganzen Funktionäre und Helfer die ganzen gerissenen Hindernisse wieder aufbauen konnten, glich an ein Wunder. Als dann mit dem Deutschen Fritz Thiedemann einer der Favoriten einritt, fing es wie Bindfäden an zu regnen. Aber das Wetter machte mir und meinem Freund nichts aus. Wir waren überwältigt von der Atmosphäre und glücklich, dass wir dabei sein konnten.


Die eingeklebten Ausschnitte
von Aftonbladet 2: "Er schrie vor
Schmerz bei jedem Sprung" -
Foto: privat

 

 

 

Dann ritt ein gewisser HGW ins Stadion. "Dieser Winkler auf Halla ist Weltmeister" wurde uns erzählt. Die Zuschauer empfingen ihn mit einem freundlichen Applaus. Irgendwie war es auf einmal seltsam. Die Hindernisse, die kurz zuvor noch reihenweise heruntergescheppert sind, schienen nicht mehr ganz so hoch zu sein. Das war natürlich Quatsch, aber Halla sprang wie eine Gazelle und ihr Reiter Hans Günter Winkler saß geschmeidig wie eine Katze obendrauf.

Unser Platz im Stadion befand sich auf einer der Kurzseiten, nicht weit vom Ausgang. Die letzten beiden Hindernisse konnten wir somit von vorne sehen und waren uns sicher: "Das wird der erste Null Fehler Ritt des Tages." Doch als Winkler ganz unerwartet in die letzte "Parkmauer" hineinritt, dachte zuerst jeder, er hätte den Sprung verpasst und einfach nicht gesehen. Ganz nah ritt er an uns vorbei Richtung Ausgang. Zusammengesackt im Sattel stütze sich der Deutsche am Widerrist seiner Halla auf. Seine Kappe trudelte irgendwo im Parcours herum, da er sie beim letzten missglückten Sprung verloren hatte. Ein Soldat sammelte sie auf und brachte sie ihm. Der Beifall war riesig, obwohl Winkler das anscheinend gar nicht so richtig mitbekam. Instinktiv ahnten wir, dass etwas passiert sein musste.

"Irgendetwas stimmte nicht!"

Leider war es wieder kein fehlerfreier Ritt und unsere Mägen machten sich bemerkbar. Durch die ganzen Aufbauarbeiten an den Hindernissen, den ganzen Verweigerungen und Verzögerungen  in Durchgang eins, drohte uns der Hungerstod. So warteten wir nicht ab und beeilten uns, was essbares zu finden, noch ehe dieser Durchgang beendet war.

Der Nachmittag präsentierte sich wettermäßig von einer ganz anderen Seite. Die Sonne lachte und alles war wunderschön. Mein Freund und ich machten uns einen Spaß und wetteten darauf, welcher Reiter am Ende des Tages die Gerade mit der dreifachen Kombination zweimal fehlerfrei bewältigen konnte. Die Spannung der Veranstaltung war nun auch spürbar. Auf den Medaillenplätzen ging es sehr eng zu, aber wieder fielen die Stangen reihenweise runter. Nach etwas mehr als hundert Ritten hatte es immer noch keiner geschafft Null zu reiten. Kurz bevor wieder HGW an der Reihe war, schaffte es ein schwedischer Reiter alle Hindernisse der dreifachen Kombination gründlich zu Kleinholz zu machen.

 


Die eingeklebten Ausschnitte
von Dagens Nyheter: "Heldentat
eines Deutschen gab Doppel-
OS-Gold - Foto: privat

 

 

Als Winkler endlich einritt kehrte plötzlich Totenstille ein. Alle wussten, dass es jetzt um Gold gehen würde. Jeder, der mit uns auf der Kurzseite stand und gesehen hatte, wie schmerzverzerrt Winkler nach dem ersten Durchgang herausritt, hatte das sonderbare Gefühl, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war. Doch seine braune Stute flog nur so über die Hindernisse, dass wir das vergaßen – bis ein Mann uns leise fragte, warum er schrie. Kaum ausgesprochen, da kam Winkler mit einem Riesensprung über ein sehr hohes und breites Hindernis nicht weit von uns und da hat er wirklich so laut geschrien, dass der Mann meinte, es könnten Schmerzensschreie sein.

Still zugucken ging nicht mehr

Die unendliche Ruhe im Stadion wurde jetzt immer wieder von Rufen der Bewunderung unterbrochen. Die Zuschauer konnten nicht mehr "nur" still zugucken. Als er dann die beiden letzten Hindernisse auch fehlerfrei überwand, brach ein unbeschreiblicher Beifallsorkan los. Nur der Reiter selber schien gar nicht recht zu begreifen, was er geleistet hat. Beim Ausritt konnten wir ihn wieder ganz nah sehen und befürchteten schon, dass er vom Pferd fallen würde, so schief hing er im Sattel von Halla.

Obwohl es schon spät war und wir wieder Hunger hatten, wollten wir die Siegerehrung nicht verpassen. ich glaube es war so gegen 21 Uhr, als die Medaillen vergeben wurden. Die Gewinner ritten ihre Ehrenrunde im Schritt und das Stadion war in eine dunkelblaue Dämmerung gehüllt. Stockholm ist berühmt für dieses Licht, das nur im Juni so scheint, weil es kaum Nacht wird.

Unsere Wette um die lange Gerade mit Wassergraben, Mauer und Dreifache? HGW blieb von 66 Reitern der Einzige, der sie in beiden Umläufen fehlerlos ritt. Mein Freund und ich hatten beide gewonnen. Am nächsten Morgen kam mein 9-jähriger Bruder mehr oder weniger fliegend in mein Schlafzimmer mit der Morgen-Zeitung in der Hand. „Hast Du gesehen – so eine tolle Leistung". Meine Eltern und er hatten zum Frühstück gelesen wie ein verletzter Reiter Gold gewonnen hatte. Die Schlagzeilen waren gigantisch. „Heldentat eines Deutschen", „Gold-Deutscher mit eisernem Willen", „Doppelgold trotz schwerer Verletzung" und was es alles war.


Die eingeklebten Ausschnitte
von Expressen: "Goldener
Deutscher mit eisernem Willen
hat die Finalvorstellung gestohlen
- Foto: privat

 

 

 

Es stand auch geschrieben wie Zuschauer aus Deutschland geweint hatten als die Nationalhymne zweimal gespielt wurde, und wie schwedische Sanitäter und „Blue Stars"(uniformierte Pferdebetreuer) mit den Tränen kämpften, weil es ihnen um HGW leid getan hatte, als sie ihn beim Aufsitzen und auf dem Abreiteplatz gesehen hatten. Meine Mutter musste schmunzeln, weil auch sein Aussehen kommentiert wurde: „Schön wie ein junger Gott" in einer Sport-Zeitung und „Wir (die Journalisten) waren neidisch auf sein sagenhaftes Aussehen" in einer Stockholmer Morgenzeitung. In einer Zeitung konnte man lesen, HGW hat bedauert, dass er im Parcours geschrien hatte, weil das Publikum die Schreie unbehaglich erlebte.


Das olympische Jagdspringen 1956 bleibt ein Erlebnis für die Ewigkeit. Eintrittskarte und Programmheft habe ich leider nicht mehr, aber alle Zeitungen habe ich aufbewahrt – im Original. Das ist was ich in meinem Gedächtnis gefunden habe. Auch nach den langen Jahren erinnere ich mich sehr gerne daran zurück.

HGW habe ich auch später bei Reitturnieren gesehen. Zweimal noch in Stockholm, wo er einmal in hohem Tempo nur wenige Meter weit von mir mit einem Pferd stürzte (blieb aber Gott sein Dank unverletzt) und einige Male in Deutschland, als wir junge Mädchen im Urlaub als Pferdepfleger da arbeiteten.

Dann kam ja die Möglichkeit Sport am Fernsehen zu folgen und seine Silbermedaille von Montreal mit der Mannschaft , 20 Jahre nach Stockholm, habe ich am Fernsehen auf der Insel Mull in Scotland verfolgt. (aufgezeichnet von André Helpensteller)

 


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