|  Im Halbfinale schalteten Roßkopf/Fetzner die Titelverteidiger aus. - Foto: imago
| | Im Alter von sieben Jahren traute ein Sichter des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) Jörg Roßkopf noch nicht allzu viel zu. "Zu einseitig die Vorhand, oft zu spät am Ball", lautete das Urteil bei einem Lehrgang im Jahr 1977. Zwölf Jahre später sollte genau diese Vorhand eine der größten Überraschungen in der Geschichte der Tischtennis-Weltmeisterschaften besiegeln. Als Jörg Roßkopf (19) und sein Doppelpartner Steffen Fetzner (20) am 8. April 1989 den mit burgund-rotem Belag ausgelegten Innenraum der ausverkauften Westfalenhalle in Dortmund betreten, haben sie die größte Überraschung eigentlich schon vollbracht. Im Halbfinale der 40. Weltmeisterschaft hatte das junge deutsche Tischtennis-Doppel die scheinbar übermächtigen chinesischen Titelverteidiger Chen Loncan / Wei Quingguang trotz 0:1-Satzrückstand noch mit 2:1 ausgeschaltet. "50 Prozent dieses Sieges gehen auf das Konto der Zuschauer", sagte Roßkopf nach dem überraschenden Triumph und so sind die 10.000 Fans auch im Finale bereit, ihren Teil zur Vollendung der Überraschung beizutragen.  Beim WM-Sieg war Roßkopf 19. - Foto: Autogrammkarte
| | | Zwei alte Hasen als Gegner Mit dem Jugoslawen Zoran Kalinic (30) und dem Polen Leszek Kucharski (29) stehen zwei alte Hasen den jungen deutschen Nachwuchsspielern an der Platte gegenüber. Nach der Vorstellung durch Hallensprecher Jörg Wontorra, dem Einspielen und der Wahl des Aufschlagsrechts beim Schiedsrichter kann es um 20:45 Uhr endlich mit dem Doppel-Finale losgehen. Rechtshänder Steffen "Speedy“ Fetzner eröffnet die Partie mit dem ersten Aufschlag. Kucharski returniert kurz, Roßkopf schiebt den Ball rüber und Kalinic spielt ihn dann so lang in die Ecke, dass Fetzner nur noch ins Aus schlagen kann - 1:0 für die polnisch-jugoslawische Kombination. In der Mitte des Satzes ziehen Kalinic/Kucharski auf 18:12 davon und bringen schließlich den ersten Satz mit 21:18 unter Dach und Fach. "Zugabe! Zugabe!" Auch im zweiten Satz liegen die Routiniers zunächst vorn. Doch beim Stand von 9:12 gelingen Roßkopf/Fetzner acht Punkte in Folge zum 17:12. Bei 20:15 hat das deutsche Doppel seinen ersten Satzball, doch erst der dritte bringt das 21:17 und damit den Satzausgleich. Das Dortmunder Publikum ist aus dem Häuschen. „Zugabe! Zugabe!“, hallt es von den Rängen. Der französische Bundestrainer Charles Roesch redet in der Pause zum dritten Satz eindringlich auf seine deutschen Schützlinge ein, motiviert sie für den entscheidenden Durchgang. Roßkopf/Fetzner beginnen dann den dritten Satz hoch konzentriert. Selbst schwierige Bälle gelingen und so ziehen die Deutschen bis auf 9:5 davon. Doch dann kommt ein kleiner Bruch ins Spiel. Von den nächsten neun Punkten machen die Underdogs nur einen, es steht auf einmal 10:13. Aber mit Unterstützung des Publikums kommen Roßkopf/Fetzner wieder ran. Bei 15:16 haben die beiden Youngster Glück mit einem Netzroller. Kalinic hechtet zwar noch zum Ball, steht dann aber, als er das nächste Mal an der Reihe ist, zu sehr seitlich und kann den Schmetterball von Fetzner nicht erreichen. Die Spannung steigt - 20:16, Matchball  Der WM-Sieg war für Roßkopf/Fetzner der größte Erfolg. - Foto: Autogrammkarte
| Beim folgenden Punkt zum 17:16 springen Roßkopf und Fetzner kurz jubelnd hoch und auch die Zuschauer hält es kaum noch auf den Sitzen. 18:16, 19:16 - Bundestrainer Roesch bedeutet den beiden etwas wie: "Näher an die Platte, weiter Druck machen!“ Auch der nächste Punkt geht an Roßkopf/Fetzner: 20:16, Matchball. Kalinic hat Aufschlag. Aus dem Penholder-Griff bringt er den Ball mit der Rückhand ins Spiel. Roßkopf verschlägt die Rückgabe, nur noch 20:17. Auch die nächsten beiden Punkte gehen an Kalinic/Kucharski, die Klapptafeln der grünen Plastikanzeigen rund um das Spielfeld werden auf 20:19 umgelegt. In der Westfalenhalle hält es keinen Zuschauer mehr auf dem Sitz. "Moment, moment, please“, sagt der Schiedsrichter, um etwas mehr Ruhe vor dem nächsten Ballwechsel abzuwarten. Vierter Matchball. Die Hallenuhr zeigt 21:24 Uhr an. Kalinic bringt den Ball ins Spiel. Roßkopf schiebt die Zelluloid-Kugel die Linie entlang ins rechte Eck. Auf die folgende Rückhand Kucharskis macht Fetzner Druck, nimmt den Ball sehr früh und spielt ihn in die linke Ecke. Kalinic kann nur reagieren, bringt den Ball irgendwie übers Netz. Der Ball kommt wie gemacht für Roßkopf, der seine linke Vorhand voll durchzieht und den Ball die linke Linie entlang schlägt. Keine Chance für Kucharski, der Ball kommt perfekt, berührt gerade noch die Platte. "Roßkopf 21, Kucharski 19“, sagt der Schiedsrichter und die Stimmung in der Halle explodiert. (Wie haben Sie den WM-Sieg von Roßkopf/Fetzner erlebt? Schicken Sie uns Ihre Anekdote!) Roßkopf und Fetzner fallen sich in die Arme, hüpfen jubelnd auf und ab. Dann kommen die Trainer dazu. Das junge deutsche Doppel schafft die Sensation, holt sich den WM-Titel 1989 mit einem 2:1-Satzsieg gegen Kalinic/Kucharski und macht das erste WM-Gold für den DTTB seit 1945 perfekt. Weder die Zuschauer noch die Spieler wissen, wohin mit ihrer Freude, erst bei der Siegerehrung wird den meisten klar, was die linke Vorhand von Jörg „Rossi“ Roßkopf vollbracht hat. (db) |