1956 - Trautmanns riskanter Einsatz


Vor und nach dem Finale begegnete Trautmann Prinz Philipp. - Foto: imago
Vor und nach dem Finale begegnete Trautmann Prinz Philipp. - Foto: imago

Als Manchester City im Sommer 1949 seinen neuen Torwart präsentiert, gehen die englischen Fans auf die Barrikaden. Bernhard Carl, genannt "Bert", Trautmann ist ein "Kraut", ein verhasster deutscher Kriegsgegner. Doch mit überragenden Leistungen überzeugt der Schlussmann die City-Anhänger schnell und wird am 5. Mai 1956 zur Legende. Im Wembley-Stadion von London steht Manchester City zum sechsten Mal im Finale des seit 1872 ausgetragenen FA-Cups. 

Im Jahr zuvor waren die "Citizens" noch im Endspiel mit 1:3 an Newcastle United gescheitert. Dieses Mal soll es unbedingt mit dem dritten Cup-Sieg klappen. Vor 100.000 Zuschauern erwischt Manchester gegen Birmingham City auch den besseren Start. Einen schnellen Spielzug über das gesamte Feld schließt Joe Hayes schon in der dritten Minute zum 1:0 ab. 

Aber Birmingham schlägt zurück, erzielt nur zwölf Minuten später durch den Waliser Noel Kinsey den Ausgleich - Trautmann ist machtlos, hält aber in der Folgezeit  souverän und damit seine Mannschaft im Spiel. In der zweiten Halbzeit übernimmt Manchester zunehmend das Kommando und geht mit einem Doppelschlag durch Jack Dyson (65.) und Bobby Johnstone (68.) innerhalb von drei Minuten mit 3:1 in Führung. Birmingham antwortet mit wütenden Gegenangriffen.

Trautmann stand schon 1955 mit City im FA-Cup-Finale. - Foto: imago
Trautmann stand schon 1955 mit City im FA-Cup-Finale. - Foto: imago

Zusammenprall im Fünfmeterraum

Dann kommt die 73. Minute: Nach einer Flanke von links will Birminghams Mittelstürmer am Elfmeterpunkt per Kopf für Peter Murphy auflegen. Bert Trautmann riecht den Braten und stürzt sich mit dem Kopf voran aus seinem Tor. Kurz vor dem Boden fängt er den Ball, aber Murphy kommt auch schon mit langem Bein angerauscht, knallt an der Grenze des Fünfmeterraums mit dem deutschen Torwart zusammen und rammt ihm unabsichtlich aus voller Bewegung das Schienbein in den Nacken. Trautmann bleibt bewusstlos liegen.

Der Arzt von Manchester City muss aufs Feld, weckt Trautmann mit Riechsalz auf und drückt ihm einen nassen Schwamm in den Nacken. Trautmann kommt wieder auf die Beine, ist aber noch orientierungslos. Es braucht einige Minuten, bis er ins Tor zurückkehrt - Auswechslungen sind zum damaligen Zeitpunkt nicht erlaubt. Immer wieder hält sich Trautmann den Hals. "Ich musste meinen Nacken immer mit der rechten Hand stützen. Wenn ich eine Situation verfolgen wollte, musste ich mich immer mit meinem ganzen Körper drehen und dabei den Nacken festhalten", erinnert er sich später.
 

Schlussminuten wie im Nebel

Die letzten Spielminuten verlaufen für Trautmann wie in Trance. Wie durch einen Nebel kann er dem Spielgeschehen nur vage folgen, alles ist schwarz-weiß und verschwommen. Trotzdem wirft er sich noch einige Male in Flanken der verzweifelt anrennenden Spieler von Birmingham City. Nach einer Flanke von rechts kommt er wieder raus, fängt den Ball, wird aber im Sprung von einem Gegen- und einem Mitspieler unterlaufen und prallt erneut hart auf dem Boden auf. Wieder verliert er kurzzeitig das Bewusstsein, wieder spielt er weiter. Ohne wirklich bewusst am Spiel teilzunehmen hält Torwart Trautmann bis zum Schlusspfiff durch, kassiert keinen Treffer mehr. Es bleibt beim 3:1. Manchester City gewinnt den FA-Cup 1956.

City steht 1956 zum 6. Mal im Finale. Foto: Plakat

Doch Trautmann kann nicht wirklich mitfeiern. Sein Kopf hängt ständig nach rechts runter, er hat Schmerzen und muss den Nacken stützen. Bei der Siegerehrung in der königlichen Loge erkundigt sich Prinz Phillip besorgt, ob Trautmann noch Schmerzen habe. "Ich habe nur ein bisschen Zahnweh", nimmt der Deutsche sein Leid noch mit Humor. Doch erst die nächsten Tage werden richtig zur Tortur. Die Schmerzen lassen nicht nach. Am Sonntag hält er es nicht mehr aus, geht noch in London ins Krankenhaus. "Steifer Hals", lautet die Diagnose und Trautmann wird wieder weggeschickt. Mit der Mannschaft fährt er zurück nach Manchester und lässt sich von den Fans für den Pokalsieg feiern. 

Diagnose: Halswirbel gebrochen

Als die Schmerzen am Dienstag, also drei Tage nach dem Spiel, immer noch nicht nachlassen, sucht der Deutsche einen Knochenspezialisten in Manchester auf. Der röntgt den Nacken und stellt fest, dass fünf Halswirbel ausgerenkt sind. Vier Wirbel bekommt der Arzt wieder eingerenkt, doch der fünfte will nicht in die richtige Position und der Spezialist bestellt Trautmann in seine Privatklinik. Erst dort wird dann am vierten Tag nach dem Endspiel festgestellt: Trautmanns zweiter Halswirbel ist diagonal gebrochen. "Sie haben mir gesagt, dass ich eigentlich hätte gelähmt sein müssen oder sogar hätte sterben können“, erinnert er sich. 

Trautmann muss in der Klinik bleiben. In seinem  Schädelknochen wird ein U-Haken verankert, der mit einem Gewicht verbunden Trautmanns flache Lage auf einer Brettliege fixieren soll. Drei Wochen muss Trautmann so verharren. Weitere fünf Monate trägt er einen Gips vom Hals bis zur Hüfte, damit der Halswirbel wieder zusammenwachsen kann. Schon im November kehrt der deutsche Torwart gegen den Rat der Ärzte zwischen die Pfosten von Manchester City zurück. 

Die Engländer sind beeindruckt. Trautmann wird 1956 in Manchester zum "Spieler des  Jahres“ gewählt und sogar als erster Ausländer im selben Jahr Englands "Fußballer des Jahres“. Vom kühlen bis feindlichen Empfang im Jahr 1949 ist nichts mehr zu spüren. Bert Trautmann wird zu einer Legende. (db)


Zahlen und Fakten

Tag:

5. Mai 1956

Ort:

Wembley-Stadion, London (ENG)

Zuschauer:

100.000 (ausverkauft)

Sportart:

Fußball

Anlass:

75. Finale im FA-Cup

Beginn:

15:00 Uhr (Ortszeit)

Paarung:

Manchester City - Birmingham City

Ergebnis:

3:1 (1:1)

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