1987 - Die Schlacht von Hartford
„Alles oder Nichts“ Spiel in Hartford/Conneticut
Deutschland gegen die USA, Boris Becker gegen John McEnroe - Die Davis-Cup Relegation 1987 hatte alles, was sich Tennis-Fans weltweit wünschten. Und es sollte ein historisches Wochenende werden in Hartford/Conneticut.
Relegations Play-offs im Davis Cup sind hart. Es geht um viel für die vertretenen Nationen in der Abstiegsrunde. Es geht um den Verbleib in der Weltgruppe der 16 besten Tennisteams der Welt. Der Verlierer verschwindet für wenigstens 1 Jahr im Niemandsland, in den Niederrungen der zweiten Davis Cup Liga. Als es vom 24.-26. Juli um genau diese Play-offs ging, standen sich 2 Teams gegenüber, die dort keiner vermutet hätte. Paraguay gegen Spanien stand auf den Zetteln vieler Experten. Doch es kam anders.
Davis-Cup Rekordgewinner USA verlor mit einer eher dürftig besetzten Mannschaft in der ersten Runde gegen Paraguay, und Spanien setzte sich gegen Team „Boris Becker Deutschland“ durch. Dabei dachte Boris Becker nicht im Traum daran, nach seiner entscheidenden Niederlage gegen den Spanier Sergio Casal zum 2:3 Endstand zum „Alles oder Nichts“ Spiel in die USA reisen zu müssen. „Paraguay in Paraguay. Das ist nicht so schlecht. Dann sagte mir jemand, dass es gegen die USA geht. Mir blieb nichts anderes übrig als zu sagen: Okay, lass es uns tun“, so ein überraschter Boris Becker mit Blick auf Gegner USA.
Während es für Deutschland keine besonders neue Situation war, gegen den Abstieg spielen zu müssen, 1986 schlug das deutsche Team Ecuador in den Play-offs, fanden sich die Amerikaner in einer für sie ungewohnten und äußerst schwierigen Aufgabe wieder. Der Druck, der auf das US-Team um Kapitän Tom Gorman lastete war enorm. Die USA gewann vor diesem Match letztmalig 1982 durch einen 4:1 Sieg über Frankreich den Davis-Cup. Mit John McEnroe im Team. 1984 unterlag die USA im Finale gegen Schweden mit 1:4. Im Einzel dabei: John McEnroe und Jimmy Connors. Somit durfte man keinen Abstieg riskieren, um ein weiteres Jahr ohne Chance auf Erfolge ins Land ziehen zu lassen.

Doch trotz dieses vielleicht kleinen psychologischen Vorteils der Deutschen war Supermacht USA der Favorit: „Wir galten in Hartford gegen die Amerikaner als Außenseiter“, sagt Eric Jelen, der 1987 2 Einzel und das Doppel zu bestreiten hatte. So waren die Vorraussetzungen für das Aufeinandertreffen im Civic Center von Hartford nicht nur mit Blick in die Davis-Cup Geschichte gänzlich verschieden.
Abstieg undenkbar in den USA
Für die USA schien ein Abstieg undenkbar, ein Schlag ins erfolgsverwöhnte Antlitz der Stars and Stripes. Zu groß waren die Erfolge der Vergangenheit, zu groß die Verpflichtung einer ganzen Nation gegenüber. In Deutschland konnte man von diesen Erfolgen, auch trotz des jungen Boris Beckers, der 1985 und 1986 zweimal Wimbledon gewonnen hatte, nur träumen. Hier galt es im Sommer 1987 weniger die eigene Ehre zu retten, als den neuen deutschen Sporthelden Boris Becker aus seiner schwersten Tenniskrise zu befreien, die ein ganzes Land in seinen Bann zog.
Die Amerikaner konnten allerdings aus einem viel größeren Fundus an guten Tennisprofis wählen und reaktivierten kurzerhand Altmeister John McEnroe, der zuvor über 2 Jahre von der Davis-Cup Bühne verschwunden war. Sein letztes Match bestritt Bic Mac 1984 im Finale gegen Schweden. Aufgrund seines und Jimmy Connors extrem schlechten Benehmens sollten beide Spieler einen Verhaltenskodex unterzeichnen und weigerten sich.
Doch die nahende Katastrophe eines Abstiegs brachte Offizielle und McEnroe wieder an einen Tisch. Viel zu groß war McEnroes Nationalstolz: „Ich habe keine Lust, das Amerika in einer bedeutungslosen Liga spielen muss“, erklärt die ehemalige Nummer 1 der Welt seine Beweggründe für seinen Aufschlag in Hartford. Das die ganze Last auf seinen Schultern lastete hatte er sich selbst eingebrockt.

Suche nach Harmonie und Teamgeist
Boris Becker dagegen hatte keine andere Wahl. Deutschland galt als „One Man Show“, die ohne einen Becker nichts wert war. Aber Beckers Schultern sollten breit genug sein, auch diese Last zu tragen. Um den Teamgeist zu fördern und in dem Wissen, dass er für einen Siegeszug gegen Übermacht USA eine funktionierende Mannschaft im Rücken brauchte, wurde die Vorbereitung auf dieses Wochenende kurzerhand zur Chef- bzw. Beckerangelegenheit.
In den Tagen vor den ersten Einzeln zog sich das Team täglich in einen Park zurück, um zu pokern. Kameradschaft stand vor Aufschlagtechnik. Und auch Teamkapitän Niki Pilic musste schnell erkennen, wie wichtig der dort entstandene Teamgeist sein würde. Um sich auf Linkshänder McEnroe einzustellen verpflichtete der DTB den Engländer Stuart Bale, ebenfalls Linkshänder und irgendwo auf Position 200 der Welt. Aber auch er schien charakterlich zu passen. Harmonie war wichtig, schon vor dem ersten Aufschlag.
Die Mannschaft der USA strafte Becker und Co. beim gemeinsamen Training in der Halle mit Nichtachtung, schufen so eine Stimmung, die schnell erkennen ließ, dass es für Amerika ein Hassduell werden würde. Nicht nur das Verhalten auf dem Trainingsplatz, auch die Einstellung zum deutschen Team im Vorfeld der Begegnung ließ grenzenloses Gottvertrauen in die eigene Stärke vermuten.

Den Gegner auf die leichte Schulter genommen
Die Grenze zur selbstvernichtenden Arroganz wurde überschritten. „Ich glaube, das Schlimmste, was uns passieren kann, ist ein knapper 3:2 Sieg“, sagt McEnroe dreist, nachdem er die Auslosung gesehen hat. Und auch die Einschätzung über den zweiten deutschen Einzelspieler Eric Jelen, er wurde als Schwachpunkt und Punktelieferant abgestempelt, sollte sich für die vor Selbstvertrauen strotzenden Amerikaner als Boomerang erweisen.
Das Wochenende begann an diesem Freitag, dem 24. Juli 1987 jedoch gleich mit einem Paukenschlag. Tim Mayotte, die Nummer 14 der Welt musste im ersten Einzel gegen Eric Jelen, Nummer 68, antreten. Die 1:0 Führung fest eingeplant, mussten die Fans im Civic Center mit ansehen, wie Eric Jelen den USA eine Strich durch die scheinbar einfache Rechnung machte.
6:8, 6:2, 1:6, 6:3, 6:2 siegte der Trierer Jelen nach einer Leistung, die ihm nicht mal seine optimistischsten Anhänger zugetraut hätten. Jelen, eher überzeugend als Doppelpartner von Boris Becker, wuchs über sich hinaus, und forderte die Nervenschwäche seines Gegenüber heraus. Mayotte zerbrach am Druck. So stand es völlig unerwartet 1:0 für den Underdog aus Deutschland. (anhe)
vor zu Teil 2: "Davis-Cup 1987: Psychothriller in Hartford"






