1988 - Big Bens letzter Schlag


Der schnellste Lauf der Geschichte - Der größte Skandal - Paukenschlag durch "Big Ben"

Die Anzeigetafel im Olympiastadion Seoul mit dem Zieleinlauf des 100m Finales - Foto: copyright Omega LTD
Die Anzeigetafel im Olympiastadion Seoul mit dem Zieleinlauf des 100m Finales - Foto: copyright Omega LTD

Herausragende Ereignisse bei Olympischen Spielen findet man viele. Aber wenn es eine Entscheidung gibt, die die ganze Welt sehen will, die nahezu jeden in ihren Bann zieht, dann ist es das Finale im 100 Meter Lauf der Männer. Die Frage nach dem schnellsten Mensch der Welt, nach der bekanntesten Persönlichkeit jener 16 Tage der Olympischen Spiele fasziniert und elektrisiert die Massen.

So war es auch 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul. 100.000 Zuschauer im Olympiastadion des Seoul Sports Complex, unzählige Millionen daheim vor den TV-Geräten warteten am 24. September 1988 gespannt auf dieses eine Rennen, was nach knapp 10 Sekunden wieder vorüber sein würde. „Jahrhundertkampf“, „Rennen des Jahrhunderts“ oder „Kampf der Gladiatoren“. Synonyme gab es viele in den Tagen vor diesem Finale, in dem 2 der 8 Finalteilnehmer die Hauptrolle spielten. Carl Lewis gegen Ben Johnson – USA gegen Kanada. Ein Duell was in Seoul seinesgleichen suchte, aber nicht finden mochte. Lewis, vierfacher Olympiasieger von Los Angeles 1984 und Ben Johnson, der ´84 immerhin Bronze gewann und sich 1987 in einem unglaublichen Rennen bei den Weltmeisterschaften in Rom den Titel in Weltrekordzeit von 9,83 Sekunden vor Lewis sicherte.

2 Protagonisten, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Auf der einen Seite Carl der Große. Showmensch, Selbstdarsteller und Superstar, der die Medien nutzte und sich inszenieren konnte, wie kaum ein Zweiter. Dagegen wirkte Ben Johnson, der gebürtige Jamaikaner, für Kanada startend eher blass und farblos. Jemand dessen Leistung anerkannt, seine Persönlichkeit aber nie richtig wahrgenommen wurde. Nicht zuletzt durch sein leichtes Stotterproblem setzte er sich nicht so elegant in Szene, spielte nicht so sehr mit den Medien, wie Kontrahent Lewis. 100 Meter zwischen Erzfeinden, die sich nicht leiden, nicht ausstehen konnten.

Johnson: "Ich bin unschlagbar."

Die Tage vor den Wettkämpfen gestalteten sich für Megastar Lewis enorm schwierig. Überall wo er auftauchte wurde er umlagert von Fans. Selbst die Änderung seiner Reiserouten, seines Namens und seiner Unterkunft in den Tagen von Seoul verschaffte ihm keine ruhigen Minuten: „Carl hatte Probleme auch nur 20 Meter zu gehen. Trotz aller Vorkehrungen haben die Leute uns gefunden. Sie wollten ihn berühren, Fotos mit ihm machen, oder einfach ein Autogramm bekommen“, so Joe Douglas, Lewis´ Manager zu den Problemen der „freien“ Bewegung. Dabei brauchte Lewis seine volle Konzentration, um seine erneut schwierige Mission mit Erfolg angehen zu können. Waren es 1984 noch die Spuren des Jesse Owens, die ihn antrieben, so gab es in Seoul Ziele, die zuvor noch kein Athlet erreicht hatte bei Olympischen Spielen. Lewis wollte als erster Leichtathlet seine Olympiasiege im 100 Meter Sprint und im Weitsprung verteidigen. Was 1984 wagemutig galt, war 1988 nicht minder schwer, aber durchaus realistisch. Wie schwer es werden würde, war ihm bewusst. Vielleicht auch deshalb trat Lewis diesmal ein wenig auf die Euphoriebremse. In Los Angeles hatte er lauthals Großtaten angekündigt, dieses Mal beließ er es bei moderateren Tönen. Seine Form sei gut und er wolle ein gutes Rennen abliefern. Das große Trommeln hört sich anders an.

Kraftvoll, schnell, erwischt. Ben Johnson auf dem Cover der Sports Illustrated
Kraftvoll, schnell, erwischt. Ben Johnson auf dem Cover der Sports Illustrated

Das übernahm dafür Rivale Ben Johnson. Strotzend vor Selbstvertrauen ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, wer diese Goldmedaille gewinnen würde: „Ich bin unschlagbar. Wenn der Startschuss ertönt, hat Carl schon verloren. Ich will Olympisches Gold. Was danach passiert ist mir egal. Hauptsache die Goldmedaille. Deshalb bin ich hier. Um zu gewinnen“, erklärte Big Ben fast ungewohnt forsch sein Vorhaben. Obwohl der Kanadier eine ziemlich harte Vorbereitung hinter sich hatte, eine Oberschenkelverletzung warf ihn Anfang des Jahres zurück, seine Zeiten kaum erwähnenswert und mit einer Niederlage gegen Lewis beim traditionellen Meeting am 17. August 1988 in Zürich (Lewis siegte mit Einstellung des US-Rekords von 9,93, Johnson lediglich Dritter in 10,00), wirkte er locker und gelöst auf den Trainingsplätzen in Seoul. Mit freiem Oberkörper beim Training ließ er seine Muskeln spielen, sein Grinsen und Lachen spiegelte all den Optimismus, all das Selbstvertrauen wieder, was ein Sportler haben muss, um ganz nach oben zu kommen.

Carl Lewis wirkte ruhiger als Johnson und auch viel ruhiger und besonnener als noch vier Jahre zuvor. Seine Vorbereitung lief super mit Zeiten fast allesamt Weltklasse. Bei den US Olympic Trials in Indianapolis demonstrierte er seine Stärke mit Rekordläufen für die US-Ausscheidungen. Doch vielleicht war es die mentale Belastung, die Lewis so sehr viel ruhiger gemacht hatte. Die eigenen Ansprüche hoch zu setzen waren nichts neues für ihn. Doch der 100 Meter Lauf in Seoul war ein ganz besonderer Lauf in der Geschichte des Carl Lewis. Und die emotionale Vorbereitung darauf begann schon ein Jahr zuvor, Mitte 1987.

Das Versprechen

Am 05. Mai 1987 starb William Lewis, Carls´ Vater. Zu ihm hatte er eine ganz besondere, sehr innige Beziehung und Verbindung. Der Vater war stolz auf seinen Sohn und ganz besonders stolz auf den Olympiasieg im 100 Meter Lauf 1984 in Los Angeles. Damals fieberte er mit und drückte seinem Sohn die Daumen. Nun hinterließ er eine große Lücke, die Bezugsperson musste nach einem Krebsleiden gehen. Für Carl Lewis stand außer Frage, dass die Verbindung zu seinem Vater auch über den Tod hinaus bestehen bleiben würde. Bei der Trauerfeier zeigte Sohn Carl all seine Dankbarkeit, all seine Empfindungen durch eine besondere Geste. Als der Sarg geschlossen werden sollte, trat er hervor, zog aus einer Schatulle eine Gold-glänzende Medaille und legte sie seinem Vater in die gefalteten Hände. Es war die Goldmedaille der 100 m von L.A. Seine Wichtigste, seine Größte. Als seine Mutter, ziemlich überrascht, ihm zur Seite trat, fragte sie, ob er es sich denn auch gut überlegt hätte, schließlich sei es doch seine Olympische Medaille. Daraufhin beruhigte sie Carl und sagte: „Mom ich gewinne eine neue Goldmedaille in Seoul für dich“. Und mit diesem Versprechen reiste Lewis nun nach Seoul. Eine Bürde, die für Unbeteiligte Null und Nichtig erscheinen mag, aber für ihn fortan erklärtes Ziel sein sollte. Und Ziele ging er nunmehr auch etwas anders an, wie Betrachter in Seoul vernehmen konnten: „Der Krebstod meines Vaters hat einen neuen Menschen aus mir gemacht“, erklärt Lewis seine Wandlung in der Art seines Auftretens.

Das Warten hatte am 23.September endlich ein Ende. Die Vor- und Zwischenläufe standen auf dem Programm. Während Carl Lewis in seinen Läufen dicke Ausrufezeichen setzte, 10,14 und 9,99 Sekunden, schien es auf einmal so, als ob Ben Johnson doch nicht die goldene Form mit nach Südkorea gebracht hätte. Lediglich 10,37 und 10,17 standen für ihn zu Buche. Dabei strauchelte er im Zwischenlauf fast raus aus dem Wettkampf. Als einer der vier Zweitschnellsten Dritten zog der Kanadier ins Semifinale am folgenden Tag ein. Es begannen hitzige Diskussionen. Hat er nur geblufft?, ist seine Form wirklich so schlecht?, oder wurde ihm von seinen Betreuern einfach nur ein falscher Qualifikationsmodus fürs Semifinale mitgeteilt, der ihn so langsam laufen ließ, um Kräfte zu sparen? Beantworten konnte es sowieso nur Johnson alleine.

Dabei hatte er sich schon eine neue Psychotaktik ausgedacht: „Ich bin nur Underdog und das gefällt mir. Carl ist der Favorit, der mich kriegen muss. Doch dieses Mal wird er es nicht schaffen“, sagte Johnson mit Blick auf das verlorene Duell der Beiden in Zürich. Vor einem Jahr bei seinem WM-Sieg in Weltrekordzeit klang das noch etwas anders: „Es ist eine schnelle Bahn in Seoul. Ich kann eine 9.78 schaffen“ so hörte sich das Weltrekordversprechen für die Olympischen Spielen an. 

Fassungslosigkeit in seiner Heimat: Johnson auf dem Titel der "Toronto Sun"
Fassungslosigkeit in seiner Heimat: Johnson auf dem Titel der "Toronto Sun"

Showdown mit spektakulärem Ausgang

Einen Tag später – der 24.09.1988 – Finaltag. In ihren beiden Semifinals haben Johnson und Lewis keine Probleme. Johnson zieht als Erster seines Laufes mit 10,03 und Lewis als Sieger seines Semifinales mit 9,97 Sekunden in den Endlauf ein. Rein zeittechnisch galt Lewis nun als erster Sieganwärter. Reine Komparsenrollen dagegen für die übrigen Teilnehmer des Endlaufes: Linford Christie (GBR), Calvin Smith (USA), Dennis Mitchell (USA), Robson da Silva (BRA), Desai Williams (CAN) und Raymond Stewart (JAM).

Kurz nach 13 Uhr an diesem heißen Samstagnachmittag im Olympiastadion Seoul. Showdown kurz nach Mittag. Das Rennen der Superlative steht bevor. Ben Johnson, „ich werde für meine Mutter siegen“, gegen Carl Lewis, der in Gedanken mit seinem verstorbenen Vater läuft. Ganz Kanada steht Kopf und lässt seinen Helden schon vor dem Finale hochleben. 1986 wurde Johnson Sportler des Jahres in Kanada und landete dabei vor der großen Eishockeylegende Wayne Gretzky. Ein Deut dafür, wie groß seine Popularität in der Heimat ist. In Toronto bereitet man die größte Party der Stadt zum Empfang des möglichen Olympiasiegers vor. Ein Lauf auch für die kanadischen Geschichtsbücher. Johnson auf dem Weg es Percy Williams gleichzutun, der 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam bislang einziger Olympiasieger über die 100 Meter aus Kanada wurde. Oder doch Lewis, der es schafft, als Erster diesen heißbegehrten Titel zu verteidigen?

Carl Lewis wurde in den Tagen vor diesem Lauf nicht müde zu erwähnen, dass ihm die anderen Läufer egal seien, dass er nur auf sich achten und ein möglichst gutes Rennen, mit seinen persönlich besten Mitteln bestreiten will. Jetzt reihen sich die 8 Finalisten einige Meter hinter ihren Starblöcken auf, ziehen ihre Trainingsanzüge aus und bereiten sich auf den ultimativen Lauf vor. Doch Lewis wirkt angespannt wie selten. Seine Körpersprache bringt Nervosität zum Vorschein. Er, der große Carl Lewis, schaut von seiner Bahn 3 mit Startnummer 1102 immer wieder nach rechts herüber. Warum nur? Er wollte sich doch nur auf sich konzentrieren.

Entscheidung am Start

Aber 3 Bahnen neben ihm steht Ben Johnson. Startnummer 159 prangt von seiner breiten Brust. Sein muskelbepackter Körper spricht eine andere Sprache als die von Lewis. Johnson stolziert umher, blickt die Bahn hinunter und sieht sich seinem Traum immer näher kommen. Klar, da ist der Traum vom Gold, aber da ist noch vielmehr der Traum, diesen Carl Lewis zu demontieren, zu zerstören. Sein Körper verrät es in diesem Augenblick dem wieder schauenden Lewis. Dann, endlich, beginnt die Startprozedur. Die Läufer begeben sich zu ihren Blöcken. Immer wieder werden die Muskeln bewegt, pustet man in die Backen. Lewis schlägt sich zum letzten Mal die Beine locker, tritt mit den Spikes in den Block, bis die Position perfekt passt. Auch Johnson geht runter. Seine dicke Goldkette baumelt an seinem Hals, seine Arme weit auseinander in die Startposition gebracht. Lewis stützt sich noch einmal auf seinem Knie ab, starrt Richtung Ziel, wischt sich seine Hände an der Hose ab und bringt sie in Position. Nah an die Linie, um ja keinen cm zu verschenken.

Die Sekunden bis zum Starschuss des Herrn im weißen Blazer dauern eine gefühlte Ewigkeit. Alle Augen starren gebannt auf die Läufer. Die Journalisten und Fotografen warten ebenfalls gespannt. Die Frage nach dem schnellsten Mensch der Welt sollte jetzt beantwortet werden. Als der Schuss ertönt macht Ben Johnson sein Verspechen, „Wenn der Starschuss ertönt, hat Carl schon verloren“, wahr. Wie ein Gepard springt er förmlich aus den Startblöcken und gewinnt schon jetzt einige Zentimeter Vorsprung. Lewis würde erst ab der Hälfte des Rennens kommen. Denkt jeder, der Lewis kennt. Aber Ben Johnson wird einfach nicht langsamer. Lewis zieht zwar an Christie vorbei, aber er kommt dem Kanadier nicht näher. Jetzt, nach 50-60 Metern weiß auch Lewis, dass er keine Chance haben wird. Nach fast jedem 10 Schritt blickt er nach rechts. „Verdammt, wo ist Johnson?“ Der ist auf und davon, riskiert in der Gewissheit des Sieges 2 Schritte vor dem Ziel einen Blick nach links, schaut auf die verwaisten Bahnen neben ihm, streckt seinen rechten Arm in die Höhe, siegt und besteigt nach 47 Schritten den goldenen Olymp. Er wird Olympiasieger. Nicht einfach nur so, nein, er stellt einen neuen Fabelweltrekord auf. 9,79 Sekunden – Unfassbar.

Mit dem Zeigefinger gen Himmel gerichtet trudelt er langsam aus. Überschwängliche Freude – Fehlanzeige. Zwar gewinnt Lewis mit dem schnellsten 100 Meter Lauf seiner Karriere Silber, doch die Enttäuschung und der Frust ist ihm anzumerken. Beim Überqueren der Ziellinie nach 9,92 Sekunden huscht ein „Sorry Dad, es tut mir leid“ über seine Lippen. Sein Versprechen wurde von Ben Johnson vernichtet. Am Ausgang der Kurve läuft Lewis hinüber zu seinem Widersacher und gratuliert artig. Johnson reagiert erwartet kühl. Zwar streckt er seine Hand aus, würdigt Lewis aber nur eines kurzen Blickes. Noch immer herrscht keine Jubelstimmung bei Johnson. Seine Ehrenrunde mit der kanadischen Flagge auf die ihn sein Landsmann Desai Williams, der Sechster geworden ist, begleitet endet schnell. Johnson kostet seinen Sieg nicht aus. Williams ist anscheinend mehr aus dem Häuschen als der große Triumphator dieses Rennens.

"Einzig Lewis zu schlagen war wichtig"

Für Carl Lewis beginnt sogleich am Rande der Tartanbahn der Interviewmarathon. „Ich bin zufrieden mit meinem Rennen. Ich habe alles gegeben. Er hatte einen großartigen Lauf und eine großartige Zeit“, so das erste knappe Statement des Unterlegenen. Wo war nur die Verbissenheit aus vergangenen Tagen, wo Lewis sich total aufgeregt hätte über einen zweiten Platz und über eine Niederlage? Die Antwort sollte einige Tage später in Seoul beantwortet werden. Im 16. Outdoor-Meeting der beiden Erzfeinde siegte Johnson zum 7. Mal. Welche Bedeutung Gold oder der Weltrekord für ihn hatten wurde schnell klar: „Einzig Lewis zu schlagen war wichtig. Mir ist dieser Sieg über Lewis mehr wert als der Rekord“, so Johnson nach dem Jahrhundertlauf. „Nach 30 Metern war mir klar, dass ich dieses Rennen gewinnen werde“; so ein von sich vollends überzeugter Kanadier.

Ben Johnson vs. Carl Lewis 1988 in Seoul! Der Lauf bei You Tube!

Die Medaillenzeremonie läuft kühl und emotionslos ab wie selten bei einem solch wichtigen Ereignis. Zu groß und zu unüberwindbar sind die Gräben zwischen den beiden Erstplazierten. Lewis zieht kaugummikauend ins Stadion ein, Johnson wirkt fast teilnahmslos. Nur der Brite Linford Christie als Gewinner der Bronzemedaille, übrigens in Europarekordzeit von 9,97 Sekunden, scheint wirklich Gefallen zu finden an dieser Siegerehrung. Als die kanadische Hymne ertönt, starrt Lewis ins Nirvana und Ben Johnson blickt süffisant, fast spöttisch auf den US-Sprinter herab.

Dollarzeichen in den Augen

Johnsons Manager Larry Heidebrecht konnte sein Grinsen kaum noch abstellen, die Dollarzeichen in seinen Augen wuchsen und wuchsen. Eine halbe Million hätte sein Schützling gerade eben dazuverdient, sein Einkommen würde sich schlagartig verdoppeln, so der umtriebige Manager, der immer mehr aus seiner laufenden Sprintmaschine Namens Johnson herauspressen wollte. Lewis hingegen musste die harte Niederlage schnell beiseite legen. Er hatte noch Goldambitionen im Weitsprung, den 200 Metern und in der Staffel. Wie schwer die Niederlage für King Carl zu begreifen war, wird am Besten durch eine Anekdote vom Rande der Siegerpressekonferenz deutlich. Lewis, der als erster Athlet den Raum betrat, ging auf das Podium und setzte sich wie selbstverständlich in die Mitte. Da hatte er schließlich 1984 auch immer gesessen. Nur dort gewann er Gold. Schnell bemerkte er seinen Fehler, stand auf und setzte sich brav auf den „Silber“-Platz.

Während es Carl Lewis am 26. September, 2 Tage nach der Niederlage gegen Johnson, gelungen ist, seinen Olympiasieg im Weitsprung mit einer Weite von 8,72 Meter vor Landsmann Mike Powell erfolgreich zu verteidigen, mischte sich in Seoul eine seltsame Kombination aus Bewunderung und Misstrauen gegenüber 100m Olympiasieger Ben Johnson. Seine Zeit war unglaublich, da waren sich alle einig. Fans, Offizielle und auch die Journalisten vor Ort. Doch da waren auch die ständig unterschwelligen Andeutungen, dass er unerlaubte Mittel nehmen würde. Schon nach seinem WM-Titel 1987 kamen große Zweifel an der tatsächlichen Leistungsfähigkeit auf. Auch Carl Lewis bemerkte und erklärte offen, dass einige Läufer in der Weltspitze dopen würden. Dabei vermied der Superstar vom Santa Monica Track Club allerdings  Ben Johnson beim Namen zu nennen.

Da Lewis den Tag mit seiner Goldmedaille beendete, verließen die Ereignisse in Seoul die sportliche Bühne der Olympischen Spiele. Es entwickelte sich ein Trauerspiel und Big Ben wurde nur wenige Stunden nach seinem größten Triumph zum großen Verlierer, ausgeschlossen und verstoßen aus der Olympischen Familie. „Ben Johnson gedopt“ wurde in der Nacht zum 27. September vermeldet, noch bevor es überhaupt eine offizielle Stellungnahme gab. Doch die Dopingprobe des angeblich schnellsten Mannes der Welt war positiv. Getestet auf Stanozolol, ein anaboles Steroid. Der größte Skandal in der Geschichte der Olympischen Spiele war perfekt.

„Ben Johnson hat gespielt und verloren“

Als Carol Anne Letheren, Mannschaftssprecherin für die kanadische Olympiadelegation die Nachricht vom IOC bekam, eilte sie ins Hotel zum Sünder und überbrachte Johnson die unheilvolle Nachricht und berichtete hinterher von einem völlig geschockten Athleten: „Er erlitt einen Schock und brachte kein Wort heraus. Ich bin nicht sicher, ob er seine Situation richtig einschätzen konnte.“ Als Heidebrecht davon erfuhr, ging er sofort in die Offensive, sprach von Sabotage und baute den Mythos vom geheimnisvollen dritten Mann auf. „Jemand muss Ben etwas in die Trinkflasche getan haben, aus der er entweder kurz vor oder kurz nach dem Rennen getrunken habe“, so der Manager. Für die Dopingfahnder eine billige Posse, um vom eigenen Betrug abzulenken. „Das ist der Höhepunkt des Skandals, dass Betrug auf eine mysteriöse dritte Person abgewälzt werden soll“, so Prof. Manfred Donike, Leiter „Gruppe Doping und Biochemie“ der medizinischen Kommission des IOC. „Ben Johnson hat gespielt und verloren“, Donike weiter.

Doch die Schuld suchten Beobachter nicht alleine beim Sportler. Auch die Trainer und Manager des Kanadiers rückten in den medialen Blickpunkt. Schließlich konnten sie nur mit einem schnellen, siegreichen Johnson richtig Kasse machen. Doch der Reibach fand ein jähes und vor allem schnelles Ende. Sponsoren und Werbepartner stoppten unmittelbar nach Bekanntgabe des Skandals alle PR-Aktivitäten mit Johnson. Das viele Geld in einer verseuchten Blutbahn versenkt.
 
Am Morgen des 27. September berief das IOC eine Pressekonferenz ein. Gegen 10:20 Uhr wurde es offiziell. Prinz Alexandre de Marode aus Belgien, der Vorsitzende der medizinischen Kommission des IOC, verkündete die sportliche Schreckensnachricht: Ben Johnson gedopt und disqualifiziert. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Johnson schon mit dem Flug KAL 026 der koreanischen Luftfahrtgesellschaft auf dem Weg nach New York, von wo aus er weiter in seine Heimat nach Toronto flog. Dort herrschte Fassungslosigkeit und Entsetzen. Glauben konnte oder wollte man den Betrug des eigenen Helden nicht: „Mit voller Überzeugung kann ich sagen: Er ist nicht schuldig“, so seine Schwester Clare Rodney den Tränen nahe. Überall wo Johnson an diesem Tage auftauchte, herrschte Chaos. Ausnahmezustand, weil jeder den gestürzten Star sehen wollte. In Kanada wurde er trotz allem positiv empfangen, auch wenn die Party abgesagt wurde. „Das ist ein Desaster für Ben, ein Desaster für Kanada und ein Desaster für die Leichtathletik“, erklärte Richard Pound, IOC Vize-Präsident und Kanadier.

Ben Johnson sorgte 1988 für einen Skandal bei Olympia! Die Ben Johnson Story bei You Tube!

Charlie Francis beteuerte als Trainer des Überführten weiter beharrlich, dass sein Schützling keine anabolen Steroide eingenommen hätte. Doch die Dopingjäger des IOC bewiesen das Gegenteil. Um auszuschließen, dass es sich bei Johnson um eine einmalige Einnahme der verbotenen Substanz gehandelt habe, wurden Extra-Tests durchgeführt und die Theorie der Sabotage ad absurdum geführt: „Das ist Unsinn. Die wissenschaftlichen Daten stehen dieser Möglichkeit entgegen“, so Dr. Robert Dugal, Chefarzt des IOC.. Die Erkenntnisse aus diesen Tests: Ben Johnson hat über einen längeren Zeitraum gedopt. Sabotage direkt nach dem Finale somit ausgeschlossen. Später wurde bekannt, dass der Sünder von seinem Arzt Dr. Mario Astaphan auf der Karibikinsel St. Kitts gedopt wurde und seine letzte Dopingspritze 22 Tage vor dem Finale verabreicht bekam. Da der Abbau des Mittels jedoch 30-35 Tage in Anspruch nimmt, hat man ihn zur Sicherheit an eine Blutreinigungsmaschine angeschlossen. Die Sicherheit war Gott sei Dank für den Sport nur trügerisch. Ben Johnson wurde gesperrt und seine Rekorde annulliert.

Der Traum seiner Mutter

Und was machte Carl Lewis? Er wurde nachträglich zum Olympiasieger erklärt. Die Goldmedaille bekam er ohne große Ehrung vom IOC überbracht. Lewis hatte sein Versprechen doch noch eingelöst, wenn auch ohne sein Dazutun. Gold in den 100 Metern und auch dort den Titel verteidigt. Lewis war an diesem Tag abgetaucht. Coach Tom Tellez hatte ihm die goldene Nachricht mitgeteilt. Durch das Olympische Komitee der USA ließ der neue Olympiasieger nur kurz veröffentlichen: „Es tut mir leid für Ben und für seine kanadischen Anhänger“. Mehr wollte er dazu nicht sagen. Vielleicht war er auch einfach zu sehr gekränkt. Ein Betrüger hatte ihm den Ruhm und das Blitzlichtgewitter entrissen. Überrascht schien er allerdings keineswegs zu sein. „Ich wusste schon seit 1984, dass Ben nicht sauber ist. Ich sah ihn 1980 und er war kein Top-Sprinter. Er hatte kein Talent und keine körperlichen Qualitäten. Bronze 1984 hatte mich überrascht, aber als er 2 Jahre später unter 10 Sekunden lief, war es klar“, so Lewis über sein Wissen ob der Sauberkeit seines Gegners. Deshalb reagierte Lewis auch so ungewohnt locker nach dem Rennen und stellte die Zufriedenheit seiner eigenen Leistung heraus. Er wusste, dass er gegen eine pharmazeutische Bombe gelaufen war und nie eine Chance hatte. Die Anprangerung der Dopingpraktiken seiner Gegner in der Vergangenheit waren für viele lediglich die verletzte Eitelkeit des Superstars nach Niederlagen. Jetzt mussten viele ihre Meinung über Lewis´ Aussagen revidieren.

Den einzigen öffentlichen Auftritt an diesem denkwürdigen Tag in der Geschichte der Olympischen Spiele hatte Lewis in einer Kirche. Die Gemeinschaft „Lay Witnesses for Christ“ hatte zu einem „Abend mit Olympioniken“ geladen. Sportler aus 10 Nationen und knapp 1000 Gäste waren der Einladung gefolgt. Als Carl Lewis auf die Kanzel stieg, sich dem Mikrofon und den Menschen zuwand, glaubten einige der Anwesenden an eine Abrechnung, die nun folgen würde. Aber Lewis wählte einen anderen, einen viel emotionaleren Weg, um die Geschehnisse des Tages zu verarbeiten. Er erinnerte an seinen Vater, ließ die Zuhörer teilhaben an seinen Gedanken und seinen Gefühlen. Und er beschrieb einen Traum seiner Mutter, den sie in der Nacht vor dem 100m Finale hatte: „Mein Vater kam im Traum zu ihr. Sie solle mich wissen lassen, wie unheimlich stolz er auf mich ist. Und egal was passieren würde, ich sollte mir keine Sorgen machen. Alles wird seine Richtigkeit haben, alles wird gut werden. Und heute haben wir den Beweis dafür“, erzählte er mit einem Lächeln und wusste, dass die Menschen, die da waren, sich mit ihm freuen. Viel wichtiger als die Goldmedaille in diesem besonderen Rennen seines Lebens war Carl dem Großen aber die Gewissheit, dass die Verbindung zu seinem Vater auch weiterhin Bestand hatte.  

Lewis gewann bei diesen Olympischen Spielen 1988 in Seoul noch Silber über die 200 Meter und Gold im Weitsprung. Zu einem Einsatz in der 4x100 Meter Staffel kam es nicht. Im Vorlauf pausierte Lewis und seine Kollegen der US-Staffel wurden wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert.

Ben Johnson zeigte sich überrascht über das enorme Medienecho und seine öffentliche Verurteilung als Betrüger: „Jeder betrügt doch. Ich bin nicht der einzige auf der Welt.“ Aber zumindest in den Tagen von Seoul im Jahre 1988 war er der bekannteste Betrüger auf der ganzen Welt.  (anhe)


Zahlen und Fakten

Sportart:

Leichtathletik - Finale 100 m

Anlass:

Olympische Spiele der XXIV. Olympiade 

Ort:

Seoul Sports Complex, Olympiastadion

Datum:

24. September 1988

Ergebnisse:

 

Gold: Carl Lewis in 9,92 Sek.
Silber: Linford Christie in 9,97 Sek.
Bronze: Calvon Smith in 9,99 Sek.

Besonderes:

Ben Johnson wegen Dopings disqualifiziert

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Er gehörte zu den Führungsspielern in Verein und Nationalmannschaft. Joachim Deckarm, der ganz einfach einmal der beste Handballer der Welt war. weiterlesen

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