1993 - Das Wunder vom Wildpark
Mit 7:0 fegt der Karlsruher SC im UEFA-Cup den Favoriten FC Valencia vom Platz. Das Wunder war vollbracht und "Euro-Eddy" geboren.
Schon im Kabinengang des Wildparkstadions in Karlsruhe bekommen die Spieler des spanischen Tabellenführers FC Valencia zu spüren, dass dieses UEFA-Cup-Spiel am 2. November 1993 kein leichter, frühabendlicher Spaziergang für sie wird. Ihre Gegner vom Karlsruher SC schreien, schlagen gegen die Wände. Niemand soll denken, der aktuelle Tabellenzwölfte der Bundesliga würde sich in seiner Europapokal-Premierensaison bereits nach dem 1:3 im Hinspiel der zweiten Runde geschlagen geben.
Trainer Winfried Schäfer hatte seinen Spieler in der Kabine immer wieder eingebläut: "Wir können das schaffen! Wir schaffen das!" Dabei hätte er eigentlich gar nicht da sein dürfen, weil er für die Partie gesperrt und ein Tribünenplatz für ihn reserviert war. So versteckt sich Schäfer dann auch hinter der Tür unter einer Winterjacke, als es heißt, ein UEFA-Beobachter sei auf dem Weg zur KSC-Kabine.
Verstecken kommt aber ansonsten an diesem Abend für die Karlsruher überhaupt nicht in Frage. 25.000 Zuschauer - und vielleicht ein paar mehr als eigentlich offiziell erlaubt - machen das Wildparkstadion zu einem Hexenkessel. Als es um 18 Uhr losgeht, stehen die Spieler so unter Strom, dass Schiedsrichter Zbigniew Przesmycki aus Polen den Anstoß wiederholen lässt. Drei KSC-Spieler waren noch vor seinem ersten Pfiff in den Mittelkreis gestürmt. Die ersten 25 Minuten lässt sich Valencias Star-Ensemble um Torjäger Predrag Mijatovic allerdings nicht beeindrucken. Oliver Kahn muss im KSC-Tor drei hochbrenzlige Situationen entschärfen und hält seine Mannschaft damit im Rennen.

Doppelpack von Edgar Schmitt vor der Pause
Dann kommen die Gastgeber immer besser in Fahrt. Über die mit Eberhard Carl (rechts) und Waleri Schmarow (links) offensiv besetzten Außenbahnen macht Karlsruhe Druck. (Komplette Aufstellung) In der 29. Minute wird Manfred Bender mit einem Diagonalpass über links geschickt, spielt den Ball punktgenau in den Fünfmeterraum, wo Mittelstürmer Edgar Schmitt nur noch den Fuß reinhalten muss - 1:0 für den KSC. Der Bann ist gebrochen. Die Fans haben ihre blau-weißen KSC-Fahnen nach dem Torjubel noch nicht wieder eingepackt, da schlägt der knapp eine Millionen Mark teure Neuzugang von Eintracht Frankfurt schon wieder zu. Dieses Mal bringt den Carl den Ball von rechts an die Fünfergrenze. Wieder hält Schmitt den Fuß rein, 2:0 (34.).
Ruckzuck hat der KSC den Rückstand aus dem Hinspiel wettgemacht und vor der Pause wird's sogar noch besser. Nach einem Schussversuch von Schmarow prallt der Ball auf den rechten Flügel. Rainer Schütterle gewinnt das Laufduell gegen den herauseilenden Valencia-Keeper und lupft das Leder über Jose Manuel Sempere hinweg von der rechten Strafraumkante zum 3:0 ins Tor (37.). Das Stadion tobt, bengalische Feuer werden entzündet, "Zugabe! Zugabe!" hallt es von den Rängen. Innerhalb von acht Minuten hat der Karlsruher SC die Fußball-Welt auf den Kopf gestellt. Doch der KSC-Anhang muss vor der Pause noch einmal die Luft anhalten, als Valencia erst den Pfosten trifft und Dirk Schuster dann den Nachschuss auf der Linie klärt.
Nächster Doppelpack von Schmitt
Aber spätestens als Sekunden nach der Pause Schmarow nach einer abgewehrten Ecke von der Strafraumgrenze zum 4:0 trifft, ist klar: Heute passiert ein Fußball-Wunder. Die Spieler von Valencia sacken zu Boden, giften sich gegenseitig an, Torwart Sempere lacht verzweifelt. Der Tabellenführer aus Spanien fällt auseinander, der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Mit seinem nächsten Doppelschlag (59. per Kopf nach Freistoß Bender und 63. per 18-Meter-Schuss) schraubt Schmitt das Resultat auf 6:0.

Auf der Anzeigetafel wird das Konterfei von KSC-Trainer Winfried Schäfer eingeblendet darunter steht "Winnie-Wahnsinn". Auch Torjäger Schmitt bekommt an diesem kalten Novemberabend seinen Spitznamen. Als er in der 82. Minute ausgewechselt wird, hat der mittlerweile wie die Fans in Europapokal-Euphorie geratene TV-Kommentator Jörg Dahlmann bereits den "Euro-Eddy" erfunden. In der 90. Minuten bringt Verteidiger Slaven Bilic schließlich das ganze Elend der Spanier auf den Punkt, als sein Kopfball nach einer Ecke drei Mal abgefälscht wird und schließlich durch Semperes Beine zum 7:0 über die Linie rollt.
Party in allen Ecken des Stadions
Weiß auf blau leuchtet das Ergebnis auf der Anzeigetafel auf - 7:0! Mit einem geschichtsträchtigen Sieg gegen den FC Valencia erreicht der Karlsruher SC das Achtelfinale des UEFA-Cups. Die Spieler drehen Ehrenrunde um Ehrenrunde, werfen ihre Trikots in die Menge. Wolfgang Rolff verschenkt sogar seine Hose. Auch 15 Minuten nach Abpfiff hat kein Zuschauer das Stadion verlassen. (Was war Ihr emotionalster Fußball-Moment? Schicken Sie uns Ihre Anekdote!) Selbst im VIP-Raum werden "Eviva Espana" und "Zieht den Spaniern die Badehosen aus" ausgelassen angestimmt. Im Siegesrausch erhöht Karlsruhes Präsident Roland Schmider die Siegprämie für die Spieler von 15.000 auf 20.000 Mark pro Kopf. Es wird eine der wildesten und längsten Nächte, die Fußball-Karlsruhe je erlebt hat.
Und die Badener lassen noch einige folgen, stürmen weiter bis ins Halbfinale des UEFA-Cups, wo dann gegen Casino Salzburg (0:0, 1:1) Endstation ist. So endet die rauschende Saison mit einem Kater, weil der KSC auch in der Bundesliga durch ein 1:5 am letzten Spieltag in Wattenscheid vom dritten auf den sechsten Platz abstürzt und damit eine weitere Qualifikation für den Europapokal verpasst. So europäisch wild wie nach diesem 2. November 1993 ging es im Karlsruher Wildpark alsbald nicht mehr zu. (db)






