2002 - Hannawalds 4 gewinnt


Von den Trainern geschultert - Foto: imago
Von den Trainern geschultert - Foto: imago

Alles war angerichtet an diesem Sonntag des 06. Januar 2002. Angerichtet für den „Sprung in die Ewigkeit“, wie RTL seinen Countdown zu diesem ganz besonderen Skisprungtag in der Sportgeschichte nannte. Sven Hannawald konnte ausgerechnet bei der Jubiläumsausgabe der Vierschanzentournee schaffen, was 49 Male vorher kein Springer geschafft hat. Hannawald griff den Mythos an: Alle 4 Springen einer Tournee gewinnen. Der Druck an diesem Morgen musste gewaltig sein, jeder rätselte, wie es „Hanni“ ging, wie er sich vorbereitete. Nur wenige, besser gesagt nur 7 Springer gab es bis dato, die in genau dieser Situation waren. Mit drei Siegen aus Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck nach Bischofshofen angereist und den Druck des vierten Sieges im Gepäck. «Jetzt wird ihn jeder darauf ansprechen. Der Gedanke daran verfolgt ihn Tag und Nacht. Man kann kaum noch abschalten», beschreibt Björn Wirkola die Situation. Der Norweger hatte die historische Chance bereits bei der Tournee 1968/69 unter seinen Skiern. Am Ende belegte er beim Abschluss „nur“ Platz 4.

Perfekte Bedingungen

Die Bedingungen an der Paul-Ausserleitner-Schanze sind nahezu perfekt. Traumhaftes Wetter, die Anlaufspur mit etwas Wasser präpariert, die Spur dadurch hart. Die Spannung ist greifbar. Bei TV-Experte Dieter Thoma genauso wie bei den gut 35.000 Zuschauern im Sepp Bradl-Skistadion. «Ich bin zwar nie mit drei Siegen auf den ersten Stationen in Bischofshofen angereist, doch ging es für mich einige Male um den Gesamtsieg. Und das war schon stressig genug», so der viermalige Gesamtsieger Jens Weissflog.

Hannawald selber scheint cool wie ein Eisblock. Den Probedurchgang absolviert der haushohe Favorit völlig unaufgeregt. 132,50 Meter für den locker und ruhig wirkenden Hannawald. Beim Aufstieg zu den Teamcontainern kümmert er sich noch kurz um den Skinachwuchs, der vor Beginn des ersten Durchgangs mit einer Fahnenparade den Hang hinunterwedeln soll. Die Frage ist eigentlich nur noch, ob er tatsächlich alle 4 Springen für sich entscheiden kann. Am Gesamtsieg zweifelt zu diesem Zeitpunkt keiner mehr. Knapp 24 Meter Vorsprung auf den Polen Adam Malysz scheinen uneinholbar. Zumal das Selbstvertrauen nach dem grandiosen Schanzenrekord beim 3. Springen in Innsbruck grenzenlos scheint.

Hanni ganz oben - Foto: imago
Hanni ganz oben - Foto: imago

Auch Henry Maske ist an seinem Geburtstag an der Schanze und drückt seinem Freund die Daumen: „Ich glaube ganz fest an ihn“. Auch Wolfgang Steiert, Co-Trainer des deutschen Teams, ist von seinem Schützling überzeugt: „Sven hat in der letzten Zeit immer sehr nervös geschlafen, ist dann aber immer gut gesprungen. Wir haben Zuversicht und genug Selbstvertrauen. Er soll sich über die Zuschauer freuen“, so Steiert. Bundestrainer Reinhard Hess sieht es nicht ganz so locker: „Ich bin extra früher zum Turm gegangen. Habe Kribbeln in der Magengegend. Das sollten die Athleten nicht merken“.

Hanni, mach dein Zeug

Um 13:49 Uhr beginnt Hannawald mit leichten Auflockerungsübungen im Cateringzelt. Nach knapp 8 Minuten begibt er sich tänzelnd und hüpfend in den Teamcontainer. Service Mann Peter Lange trifft letzte Vorbereitungen an den Skisprunglatten. Mutter Regine zittert vor Nervosität, Vater Andreas wär am liebsten „2 Stunden älter“ damit das Ergebnis feststeht und Schwester Jeanette, die es endlich an die Schanze geschafft hat, vertraut auf Johanniskraut und Baldrian.

Nachdem der erste Durchgang wegen zu geringer Weiten abgebrochen, der Anlauf um 2 Luken verlängert wurde, legen Adam Malysz mit 122,5 Metern und Martin Hoellwarth mit 129,5 Metern vor. Es ist 14:42 Uhr. Hanni setzt sich auf den Balken. Letzte Vorbereitungen an Bindung und Schuhen. Nocheinmal zupft er an seinem Helm, richtet seine Brille und wartet auf das Okay des Bundestrainers.

Dann stößt er sich ab und hebt mit 91,9 km/h Anlaufgeschwindigkeit vom Bakken ab. Das Stadion schreit ein laaaanges „Ziiiiieeeeehhhhh“ und scheint Hannawald runter tragen zu wollen. Nach einem etwas verdrehtem ersten Flugdrittel erreicht der Überflieger seine Flughöhe und kommt erst nach 139 Metern am Aufsprunghügel auf. Kurz nach der Haferl-Landung setzt Hanni zu einer Jubelorgie an. Jedem ist klar: „Das war zumindest schon mal der Gesamtsieg“. Schanzenrekord auch in Bischofshofen. Die Fans sind aus dem Häuschen. Flieger Hannawald winkt ins Publikum, wirkt erleichtert.

„Ich machs sicher nicht mehr lange. Ich bin froh, dass es jetzt nur noch ein Sprung ist. Volle Konzentration und dann mach ich noch einmal mein Zeug“, so Hannawald nach Teil 1 seiner historischen Flugschau. „Super Sprung“, analysiert Dieter Thoma kurz und knapp. Auch wenn alle anderen Springer spätestens jetzt zu reinen Statisten degradiert sind, so bleibt deren Respekt ungebrochen: „Er hat meinen Segen, wenn er alles gewinnt“, so der Österreicher Andreas Widhölzl.

Eleganter Flieger Hannawald - Foto: imago
Eleganter Flieger Hannawald - Foto: imago

Geschafft! Vier gewinnt

So wurde der zweite Durchgang ein Schaulaufen von Stars als Vorspringer für Sven Hannawald. Um 15:56,32 Uhr ist er dann endlich zu seinem letzten Sprung in der Spur. Mit 0,8 m/s nur ganz minimaler Rückenwind. Service Mann Lange schlägt die Hände vors Gesicht. Er ist zu aufgeregt, kann einfach nicht auf den Monitor schauen. Das Funkgerät drückt er fest vors Ohr. Nach ganzen 11 Sekunden ist das Wunder vollbracht. Sven Hannawald landet nach 131,5 Metern, setzt einen angedeuteten Telemark in den Schnee und gibt somit den Startschuss zu einer einzigartigen Skisprungparty, wie sie es bis dahin noch nicht gegeben hat.

Er hat tatsächlich den Mythos besiegt und als erster Athlet alle 4 Springen einer Tournee für sich entschieden. Aus dem Überflieger wurde endgültig der Herr der Lüfte. Peter Lange bekommt oben am Container den Jubel mit, über Funk hört er das Ergebnis: „Es ist Wahnsinn, wie im Traum. Vielen Dank an Hanni, dass er das so durchgehalten hat“, so Lange, der den Tränen freien Lauf gewährt.

Auf der Trainertribüne fallen sich Steiert und Rudi Tusch vom deutschen Team in die Arme. Im Zielraum jubelt Hannawald mit allen Fans. Nationalitäten spielen an diesem Tag keine Rolle mehr. Alle gönnen dem sympathischen Mann aus dem Schwarzwald diesen Triumph. Die Familie Hannawald vereint im Rausch des Erfolges, Vater Andreas mit Kniefall vor seinem Sohn, der wiederum wie in Trance winkend und lächelnd durch den Zielraum wankt. Er hat sein Lächeln aufgesetzt, dass nicht enden will an diesem Tag.

Trainer Hess verneigt sich - Foto: imago
Trainer Hess verneigt sich - Foto: imago

Hess verneigt sich

Und dann kommt es zu einer bemerkenswerten Geste, vielleicht zum Bild dieser Tournee. Bundestrainer Reinhard Hess geht auf seinen Schützling zu, zieht seine Mütze und verneigt sich. Wahre Größe für einen großen Sportler, der gerade Geschichte geschrieben hat. Zusammen mit seinem Co. Wolfgang Steiert trägt der Chef seinen Vorzeigeadler dann durch das Stadion. „Dass ich geschafft habe, woran sich ganze Generationen von Skispringern die Zähne ausgebissen haben, macht mich unheimlich stolz“, so ein überglücklicher Sieger der 50. Vierschanzentournee. Kein Zuschauer verlässt das Stadion, „Oh wie ist das schön“ krächzt es aus tausenden von Kehlen.

Im TV-Studio darf Hannawald dann ein ganz besonderes Fax vorlesen: „Lieber Sven Hannawald, mit 8 Sprüngen haben sie Sportgeschichte geschrieben. Es war die Hannawald-Tournee. Sie wird immer mit ihrem Namen verbunden bleiben. Ich gratuliere ihnen von Herzen. Ihr Gerhard Schröder, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland“. Ein schöner Abschluß einer denkwürdigen Tournee. Danke, Sven Hannawald. (anhe)


Zahlen und Fakten

Tag:

06. Januar 2002

Ort:

Bischofshofen (AUT)

Schanze:

Paul-Ausserleitner-Schanze

Sportart:

Skispringen

Anlass:

50. Vierschanzentournee

Gesamtergebnis:

1. Sven Hannawald(GER)
2. Matti Hautamaeki (FIN)
3. Martin Hoellwarth (AUT)

Portrait der Woche

Joachim Deckarm

Er gehörte zu den Führungsspielern in Verein und Nationalmannschaft. Joachim Deckarm, der ganz einfach einmal der beste Handballer der Welt war. weiterlesen

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