Die Sternstunde in Madrid
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Rings um mich herum redeten Sie sich die Köpfe heiß. Einige Amigos starrten mich völlig unglaubwürdig an und begannen dann - irgendwann im Laufe der zweiten Halbzeit - auf mich einzureden. Es war diese energiegeladene südländische Mischung aus Hoffnung, dann Verzweiflung und später Bewunderung für einen großen Gegner und einen großen Fussballabend im Estadio Santiago Bernabeu. „No le entiendo“, entgegenete ich nur. Ich verstehe Sie nicht.
Doch im Grunde hatten wir uns sehr gut verstanden. Denn ich sah dieses große Champions League-Spiel an jenem 29. Februar 2000 mit den gleichen Augen wie die Madrilenen. Mitunter freudetrunken bei jeder dieser unzähligen Geniestreiche auf beiden Seiten, manchmal fassungslos bei dem Bewußtsein, ein Teil dieser für mich damals einmaligen Atmosphäre zu sein. Es war immerhin das erste Mal, dass ich ein solch wichtiges Spiel im Ausland sehen konnte. Und dann gleich hoch oben auf der Tribüne in der Stadionfestung inmitten der spanischen Hauptstadt. Einfach nur so, denn ich hatte da einen guten Kontakt zum FC Bayern...
Nie zuvor erlebtes Spektakel
Bis dato hatte ich unzählige Spiele gesehen: Bundesliga, Champions League, Pokal. Davon sicher die meisten im Münchner Olympiastadion. Dieses Spektakel stellte allerdings alles in den Schatten. Real Madrid gegen Bayern München und alle Akteure spielten weit über Normalform. Allein Roberto Carlos war das Eintittsgeld wert. So oft und so schnell wie Carlos hatte ich noch nie jemand eine Außenbahn beackern sehen. Raul und Morientes warteten in der Mitte nicht vergebens. Doch da gab es ja wie immer noch einen Oliver Kahn, der von Beginn an so richtig warmgeschossen wurde. Er war schon damals der Titan einer grossen Bayernmannschaft.
Der Tiger von Madrid
Ein Einziger ragte auf dem Rasen aber dann doch heraus. Er machte den Unterschied aus zwischen zwei Treffern für die Madrilenen und vier für die Bayern: Stefan Effenberg. Es war sein Spiel in seinem ganz persönlichen Wettbewerb, den er ein Jahr später auch gewinnen sollte. Bayerns Tiger war ganz einfach überall und wollte nur eins: gewinnen. Meinen spanischen Fiebergenossen schien er nicht so recht bekannt zu sein. Ob es daran lag, dass er nicht Nationalspieler war? Ich bin mir jedenfalls sicher, dass sich dies nach 90 Minuten geändert hatte, zumal wir uns in puncto Sprache schließlich auf englisch einigen konnten. „Effenberg?“ fragten Sie immer wieder verwundert, ganz so, als ob dieser gerade vom Himmel gefallen wäre. War er aber nicht...
Mein spanischen Freunde waren Sportsmänner. Sie gratulierten herzlich, auch wenn Sie immer noch nicht begreifen konnten, wie das geschehen konnte. Drei Tage Madrid und das geilste Fussballfest, dass ich bis heute gesehen habe. Die Reise hatte sich gelohnt.
Gruß
Edgar Jahn





