Es ist kurz nach Mitternacht und Deutschland schläft, doch in Nordbaden und Umgebung klingeln die Wecker. Menschen werfen sich in gelbe Schale, machen sich auf nach Kronau und Östringen und mit jeder Menge ’Ausrüstung’ im Gepäck setzen sich dann um zwei Uhr die Busse in Richtung Norden in Bewegung.
Nach einigen Minuten stellt sich der Busfahrer vor, wünscht seinen Passagieren viel Spaß und Erfolg und eine angenehme Nachtruhe. Gelächter. Ruhe?? Hatte er eben nicht gesagt, er wäre schon öfter mit uns gefahren??? Aber er sollte Recht behalten, denn keine zwei Stunden später kehrte Ruhe ein im Bus.
Dann ist es vier Uhr nachts und zur ersten kurzen ’Pipi-Pause’ quälten sich nur wenige nach draußen, die meisten öffnen im Halbschlaf nur kurz die Augen um sie sofort wieder zu schließen. Die Reifen fressen weitere Kilometer, bis es langsam hell wird und sich die leeren Mägen bemerkbar machen.
Verbrüderung mit Magdeburgern
Etwa 160km vor Hamburg halten wir erneut und stärken uns mit einem ausgiebigen Frühstück für den großen Tag. Die weibliche Fraktion nutzt nach der wenig erholsamen Nacht die Gelegenheit, vor der Ankunft noch den einen oder anderen Blick in den Spiegel zu werfen und auch die letzten ziehen nun das eigens für dieses Turnier entworfene FinalFour T-Shirt über. Bevor wir uns wieder auf den Weg machen, treffen wir noch auf zwei ’Busladungen’ SCM-Fans und sichern uns in den jeweiligen Halbfinalen gegenseitige Unterstützung zu.
Kurz vor dem Ziel erwischt uns ein kurzer Stau, doch kurz nach zehn Uhr erreichen wir endlich den Parkplatz. Während wir auf den Einlass warten, lernen wir auch schnell die berühmte norddeutsche Brise kennen und die eine oder andere Frisur muss sich geschlagen geben. Tom friert nicht, er ist zusammen mit einem großen Sortiment an Fanutensilien schon am frühen Freitagmorgen aufgebrochen und grinst uns nun von innen durch die Glastür an. Etwa eine halbe Stunde später ist es elf Uhr, wir lassen uns von der Security von oben bis unten abtasten und sind dann endlich drin.
Ein kurzer Blick auf unsere Plätze und schon haben sich die hundert gelben Hemdchen unter das Volk gemischt. Der erste Eindruck von der Halle: Nicht schlecht, wirklich nicht schlecht. Oval, für eine Handballhalle relativ groß und der Flur geht ringförmig drum herum. Wie bei uns, und überhaupt hat es hier gewisse Ähnlichkeiten zu unserer Arena. Aber nicht nur deshalb fühlten wir uns hier gleich wie zu Hause und pudelwohl. Nach einer ersten Stärkung - für die einen ein verfrühtes Mittagessen, für die anderen erst das Frühstück - sieht man überall an den unzähligen Tischen gelbe Grüppchen sitzen.
Angst vor Kiel
Während wir über ein gelbes Shirt in der Hand eines Magdeburger Fans grübeln („Die haben doch kein gelbes Zweittrikot, oder?“), bemerkt dieser unsere Blicke, ruft: „Der beste Spieler aller Zeiten!“ und hält das Trikot mit dem Aufdruck ’Torgovanov’ in die Luft. Daumen hoch, dagegen haben wir natürlich nichts einzuwenden.
Wir fragen einen Kieler mit ’THW fo(u)r Final’ Shirt, was THW eigentlich bedeutet - hab’s schon wieder vergessen. Na solange wir wissen was SG heißt … Zwei THW-Fans setzen sich zu uns und wir philosophieren über die beiden anstehenden Partien.
Zwar zeigen sie sich beeindruckt von der Leistung des kleinen Aufsteigers und halten es für möglich, dass der in vier fünf Jahren auch einmal ihre Mannschaft besiegen kann, aber heute … Ich sage noch „Ich weiß nicht was mit unseren sieben los ist, gegen die Großen packen sie die Duracel aus, putzen mal eben den SCM und Gummersbach aus der Halle. Aber sobald die Kieler vor ihnen stehen, scheinen sie sich vor Ehrfurcht in die Hosen zu machen. Aber wenn der Angstgegner einmal besiegt ist - wann auch immer - ist niemand mehr sicher vor uns.“ Und der Kieler grinst … Schnell tauschen wir noch E-Mail Adressen aus, bevor die ’gelbe Wand’ in der Halle schließlich Gestalt annimmt.
"Schön issa ja nicht"
Mit großen Augen sehen wir uns den ‚Pott’, der zusammen mit den Fernsehkommentatoren vom NDR direkt an unserem Block steht, schon mal aus der Nähe an. „Naja, besonders schön issa ja nicht“ – „Scheiß auf schön, das Ding passt gut in unsre Vitrine.“
Der Stadionsprecher wuselt auf dem Feld umher, interviewt Hinz und Kunz und rennt schließlich von einer Fanecke zur anderen. Der Kameramann mitsamt Kabelträger hat seine Mühe, hinterherzukommen, als er dann eine Ecke nach der anderen zu Stimmung animiert. Unsere zuletzt, obwohl doch Hamburg die Heimmannschaft ist. Tja, das Beste kommt eben immer zum Schluss.
Dann wird es dunkel, die Musik beginnt und eine Lasershow begeistert. Ich bekomme Gänsehaut und beobachte, wie sich auch andere über die Arme streichen. Die beiden Mannschaften kommen auf das Feld, im ersten Halbfinale stehen sich der SCM und der HSV gegenüber. Und wir wärmten uns schon einmal auf, indem wir wie versprochen für den SCM jubelten. Doch es hat nicht sollen sein, am Ende siegt der HSV. Die gelben Fans rätselten: „Schlechtes Omen, dass der eigene Favorit verloren hat oder gutes, da der kleinere Verein das Spiel hatte für sich entscheiden können?“. Wir einigen uns auf Letzteres.
Erleben Sie mehr! Das WE der Lions geht weiter: Teil 2: Jubel ohne GrenzenTeil 3: Sekt zum FrühstückTeil 4: Letzte Vorbereitungen fürs FinaleTeil 5: Sieger der HerzenTeil 6: Stolz wie Oskar auf unsere Mannschaft