Handball-EM 2004: Der Bart ist ab

Die Deutsche Handball Nationalmannschaft stand in der Pflicht bei der Europameisterschaft 2004 in Slowenien. Der Druck, der auf der Mannschaft lastete, enorm. Nach zwei zweiten Plätzen bei der EM 2002 und der WM 2003 stieg der Anspruch an die Truppe von Bundestrainer Heiner Brand.
Viele stellten sich vor den Titelkämpfen die Frage, wie die DHB-Auswahl die beiden Finalniederlagen verkraftet hatte. War es nun Fluch oder Segen? Fühlte man sich als Silbermedaillengewinner oder aber doch als Finalverlierer?
Die Antwort konnte nur das Team selber geben. „Nach zwei zweiten Plätzen können wir jetzt nicht sagen, dass wir hier um Platz 3 oder 4 spielen wollen. Die Mannschaft besitzt das Potential für den Titelgewinn“, so Abwehrhüne Klaus-Dieter Petersen vom THW Kiel und Heiner Brand ergänzte: „Wir wollen ganz nach oben.“ Das Selbstvertrauen war also vorhanden und damit ein wichtiger Baustein für ein erfolgreiches Abschneiden bei der EM. Ein Titel musste her, das wussten alle Beteiligten. Zu lange wartete Deutschland nun schon auf einen Triumph. 1978 der WM-Titel in Kopenhagen, 1980 der Olympiasieg der DDR. Lang, lang wars her.
Holprige Vorbereitung
Doch bevor die offizielle Vorbereitung auf die Mission „Titel“ losging, gab es die ersten herben Dämpfer für die Planungen von Brand. Stefan Kretzschmar vom SC Magdeburg, der Paradiesvogel der Truppe, der als schillerndste Persönlichkeit in diesem gewachsenen Mannschaftsgefüge viel Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte Probleme mit seiner Leiste und kam nicht um eine Operation herum. Torsten „Toto“ Jansen wurde als Linksaußen nachnominiert. Frank von Behren verzichtete aus freien Stücken auf eine Nominierung und sagte ab.

Ansonsten vertraute der Bundestrainer vor allem auf seinen eingespielten Block vom TBV Lemgo. Gewohnheit als Sicherheit. Dabei stand Volker Zerbe wieder die Ausnahmestellung zu. Er stieß erst kurz vor dem Turnier zur Mannschaft. Ein Bonus, den jeder akzeptierte. „Er ist für uns unverzichtbar“, fasste Kapitän Markus Baur kurz und knapp zusammen.
Aber es galt in den Tagen und Wochen vor der EM nicht nur die technischen Fertigkeiten zu schleifen, man wollte den Teamgeist stärken, sich als Mannschaft einschwören. Gemeinsamkeit als Stärke. Jedoch verlief die Vorbereitung nicht ganz nach Fahrplan. So wurde man beim Sechs Nationen Turnier in Russland, dem „Pokal des Gouverneurs der Region Moskau“, lediglich Fünfter. „Das ist eine schwierige Phase, aber keine Situation, die man dramatisieren muss“, so Brand zwei Wochen vor Beginn der kontinentalen Meisterschaften. Er sollte recht behalten. Der letzte Test wurde gegen Russland mit 29:20 gewonnen. Psychologisch enorm wichtig.
Als dann die Gruppenphase startete, Deutschland spielte in Gruppe D. Gegner: Frankreich, Serbien & Montenegro, Polen, war das Turnier fast schon vorbei, bevor es eigentlich richtig losging. Der Auftakt ging gründlich daneben. "Das war nicht nur eine enttäuschende, sondern auch eine schwache Leistung", sagte Brand nach der 26:28 (10:12) Auftaktpleite gegen Serbien & Montenegro. Und gleich kamen die berühmten Durchhalteparolen zum Einsatz: „Der Medaillentraum ist noch nicht zu Ende“, so Henning Fritz nach der Ernüchterung.
"Mannschaft hat das Zeug Europameister zu werden"
Jetzt stand das deutsche Team mit dem Rücken zur Wand, der Druck noch einmal gewachsen und es sollte sich in den folgenden Begegnungen herausstellen, wie stark der Vizewelt- und Vizeeuropameister wirklich war. Es folgte eine Trotzreaktion im Spiel gegen Polen. Durch einen souveränen 41:32 (21:13) Erfolg konnte sich die Mannschaft vorzeitig für die Zwischenrunde qualifizieren.
Das letzte Gruppenspiel gegen Frankreich verkam zu einer wahren Schlacht, in der die Unparteiischen eine der Hauptrollen übernahmen. "Ich fühle mich um den Sieg betrogen", wird Heiner Brand im Anschluss an dieses Unentschieden zitiert. Erst ahndeten die Referees ein schweres Foul von Guillaume Gille an Daniel Stephan, der mit Verdacht auf Gehirnerschütterung behandelt werden musste, nicht, dann übersahen sie auch noch den Schlag ins Gesicht von Gregory Anquetil bei Markus Baur. 29:29 (14:13) lautete das Endergebnis.

Durch die Niederlage der Polen gegen Serbien & Montenegro (29:38), zog Deutschland lediglich mit 1:3 Punkten in die anstehende Zwischenrunde ein. Zudem verloren sie ihren Kopf und Kapitän. Markus Baur verletzte sich schwer am Knie und musste die Heimreise antreten. Für ihn wurde Steffen Weber nachnominiert. Wieder war der Charakter und der Teamgeist gefragt. Und Daniel Stephan. Der Lemgoer übernahm als Ersatz-Kapitän die Verantwortung und präsentierte sich als Führungsspieler. Wie gefestigt das deutsche Team in der Zwischenrunde auftrat, nötigte allen Respekt ab. In den Spielen gegen Tschechien, Slowenien und Ungarn gab es für die DHB-Spitze nichts zu kritisieren. „Diese . Das erwarte ich jetzt auch“, war von Ulrich Strombach, Präsident des Deutschen Handball Bundes, zu vernehmen.
Vor allem die Abwehr, um den alles überragenden Mittelblock Zerbe/Petersen und einem Henning Fritz im Tor, der sich das Prädikat „Weltklasse“ einverleiben konnte, marschierte Deutschland mit großen Schritten Richtung Finale. In den Phasen zwischen den Spielen standen immer wieder Spaziergänge und Videoschulungen auf dem dicht gedrängten Terminplan. Ruhe und Kraft tanken für den heißersehnten Erfolg. Im Halbfinale wartete Dänemark.
Triumph der mannschaftlichen Geschlossenheit und des unbedingten Willens
Deutschland gegen Dänemark war die Neuauflage des EM-Halbfinales aus dem Jahre 2002. Damals siegte die deutsche Auswahl und entsprechend motiviert gingen die Dänen in Slowenien zu Werke. In der Halle konnten die Deutschen auf lautstarke Unterstützung hoffen. Zum einen schrieen sich knapp 250 Fans in Schwarz-Rot-Gold die Kehle heiser, zum anderen waren die slowenischen Fans auf deutscher Seite, da Dänemark der direkte Konkurrent ihrer eigenen Mannschaft um das letzte verbliebene Ticket für die Olympischen Spiele in Athen war.
Das Spiel entwickelte sich zu einem Kampfspiel. Die Dänen wollten den Kampf, Deutschland stellte sich dagegen. Fritz im Tor und besonders die Leistung von Steffen Weber, Heiko Grimm und Jan-Olaf Immel, die bis dato kaum Einsatzzeiten bekommen hatten, waren beeindruckend. Immel war mit 7 Toren bester Schütze auf Seiten des DHB. "Das ist die Stärke der Mannschaft. Die Spieler, die bisher eher weniger gespielt haben, bringen etwas für die Mannschaft", zollte Bundestrainer Brand seinen Mannen Respekt. Dank einer unglaublichen Energieleistung zog die DHB-Auswahl mit einem 22:20 (11:11) Sieg ins Finale ein.
Nun hatten sie ihr „Alles oder Nichts“-Spiel. Es lag allein in ihren Händen. Die Slowenen wussten ob der Brisanz des Spieles. „Deutschland hat zwei Finals verloren. Ich kann nur sagen: Finals spielt man nicht, Finals gewinnt man“, versuchte Sloweniens Coach Tone Tiselj zu provozieren. Aber wieder war er spürbar, der Geist, der dieser Mannschaft die Stärke verlieh. Ein Beweis dafür wird vielleicht auch an der Tatsache deutlich, das die beiden verletzten Stammspieler, Stefan Kretzschmar (kam aus Magdeburg mit dem Auto nach Ljubljana) und Markus Baur zum Finale nach Slowenien reisten, um ihrer Mannschaft moralische Unterstützung zu geben. Dabei fieberte Kretzsche im Trikot mit der Nummer neun von Klaus-Dieter Petersen mit. Teamgeist pur. Unter den Zuschauern befand sich auch Vlado Stenzel, der Deutschland 1978 als Trainer zum Weltmeister machte.
Jubel ohne Grenzen
Die DHB-Auswahl ließ dann auch keinen Zweifel aufkommen, wer Europameister 2004 werden würde. Souverän gegen tapfer und aufopferungsvoll kämpfende Slowenen behielt Deutschland auch in engen Phasen, wie beim 21:18 nach knapp 42 Minuten, die Kontrolle und gab den Sieg nicht aus der Hand. Über 5 Mio. TV-Zuschauer waren dabei, als bereits wenige Sekunden vor Abpfiff der Jubel losging. Die Spieler auf der Ersatzbank standen auf, stimmten in den Jubelchor mit ein. Dann war endlich Schluss und eine nicht enden wollende Party begann. Um 18:52 Uhr war es vollbracht. Kapitän Daniel Stephan konnte am 01. Februar 2004 den Lohn für die harte Arbeit entgegennehmen. Staffan Holmquist, schwedischer Präsident der Europäischen Handball Föderation (EHF), überreichte die goldene Siegerschale für den Handball Europameister 2004: Deutschland.
Jeder umarmte jeden, glückliche Gesichter wohin man blickte. "Die Mannschaft hat einen tollen Charakter. Diesen EM-Titel schätze ich nicht geringer ein als den Weltmeistertitel 1978", erklärte Brand den vielleicht wichtigsten Vorteil seiner Mannschaft. "Wir haben es einfach verdient", jubelte Ersatzkapitän Daniel Stephan. Besonders erwähnenswert war auch das Verhalten der slowenischen Fans, die enthusiastisch, aber niemals unfair ihr Team unterstützten. Im Gegenteil: Am Ende feierten sie die deutsche Mannschaft, als wäre es ihre eigene. "Sehr beeindruckt hat mich die Fairness der slowenischen Fans. Die haben uns bejubelt, obwohl wir gerade im Finale ihre eigene Mannschaft geschlagen hatten", so Henning Fritz.
Den Trainer rasiert
Nach dem Erfolg auf dem Spielfeld gönnte Bundestrainer Heiner Brand seinen Männern einen weiteren Triumph. Zurück im Mannschaftshotel war es an der Mannschaft "ihren" Heiner zu rasieren. Der Mann, der undenkbar war ohne seinen Schnauzbart. Gegen 21.30 Uhr verlor Brand zwar seinen Bart, nicht aber sein Gesicht, bei der Einlösung einer alten Wettschuld. 1982 konnten Fans Heiner Brand das letzte Mal ohne Bart begutachten. Damals holte er mit dem VFL Gummersbach die Meisterschaft ins Oberbergische. „Hatte gedacht es juckt mehr, aber es fühlt sich gut an“, so der „nackte“ Brand hinterher.
Als die neuen Europameister anschließend zum offiziellen Bankett des EHF gingen, zeigten die bisherigen Herrscher der Europameisterschaften Größe. Als der DHB den Saal betrat, stand die schwedische Mannschaft (viermaliger Europameister) auf, applaudierte und zollte ihren Nachfolgern Respekt. Meisterlich feierten die Spieler dann durch die Nacht. Zur Abfahrt gegen 7 Uhr am nächsten Morgen kamen einige Europameister direkt, ohne Umweg übers Bett.
Doch wie sagte es Daniel Stephan so schön: "Wir haben es einfach verdient". Und es war doch ein Segen, dass man bereits zweimal in einem Finale stand. Und jetzt wissen Deutschlands neue Handball Helden, wie man sich als erster Sieger fühlt. (anhe)







