Heldenort - Mythos Koppenberg


Die Qual hinauf - Foto: Uwe Betker

Er ist, was seine Höhe angeht, kein Tourmalet, Puy de Dome, Mont Ventoux oder der Anstieg nach Alpe d’Huez. Im Vergleich zu seinen großen Brüdern ist er eher ein kleiner Erdhaufen. Sein Name sagt allerdings, dass es sich bei ihm wirklich um einen Berg handelt, wenn auch um einen in Flandern. Und was seine Bedeutung für den Radsport angeht, so ist er in der gleichen Liga wie seine erheblich höheren Kollegen anzusiedeln. Er ist eine Legende. Er ist ein Mythos. Die Rede ist vom Koppenberg.

Der Hügel, der ein Berg ist

Die Erhebung bei den Dörfern Melden und Oudenaarde könnte ein unbedeutender Hügel in Ostflandern sein, über den eine schlechte und viel zu schmale Straße führt, die hauptsächlich von landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen befahren wird. Es könnte ein einfacher Wirtschaftsweg in Belgien sein, wenn nicht ein Mal im Jahr die Flandern Rundfahrt ihn aus seiner verschlafenen Abgeschiedenheit herausreißen würde. Dann wird der Koppenberg für kurze Zeit zum wichtigsten Ort für jeden Fan von Straßenrennen. 

Die Flandern Rundfahrt, oder „de Ronde“, ist das wichtigste Straßenrennen im radsportbegeisterten Flandern. Sie ist schlicht „Vlaanderens Mooiste“, Flanderns Schönste. Sie ist einer der großen Eintagesklassiker im Frühling. Ihre Siegerliste liest sich wie das „Who is Who“ der Eintagesrennen: Johan Museeuw, Jan Raas, Hennie Kuiper, Michel Pollentier, Walter Godefroot, Eddy Merckx, Freddy Martens, Rudi Altig, Louison Bobet, Brik Schotte - um nur einige zu nennen.

Am Koppenberg fällt normalerweise die Vorentscheidung über den Ausgang der Flandern Rundfahrt. Er ist bei den Fahrern gefürchtet. Zwei flämische Worte, die jeder Straßenfahrer kennt, charakterisieren ihn: Hellingen (Anstiege) und Kasseien (Kopfsteinpflaster). Der Koppenberg stellt eine Kombination von beiden in extremer Form dar. Dabei sind die nackten Zahlen auf den ersten Blick wenig beeindruckend. Er ist nur 64 Meter hoch, und die Straße hinauf ist 550 Meter lang. Die ersten 120 Meter sind asphaltiert. Danach kommen 430 Meter Kopfsteinpflaster. Die durchschnittliche Steigung beträgt 11,6%, die maximale 22%.

Die Helden leiden

Der Koppenberg wurde zum ersten Mal 1976 bei der Ronde überfahren und blieb dann bis 1987 im Programm. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Kopfsteinpflaster-Anstieg zu einem mythischen Ort verklärt. Das Kopfsteinpflaster war unregelmäßig, alt, schlecht und zum Teil nur notdürftig geflickt. Hier war ein Ort, an dem man die Helden der Landstraße leiden sehen konnte. 

Hier konnte man sogar erleben, dass ein Mann wie Eddy Merckx, den man, aufgrund seiner Unbarmherzigkeit gegen sich und seine Gegner, auch den Kannibalen nannte, sein Rad schulterte, um den schmalen Anstieg im Laufschritt zu bewältigen. Eine wohl kränkende Erfahrung, denn er urteilte: „Wenn nur fünf bis zehn Fahrer in der Lage sind, auf dem Rad über einen Berg zu kommen, und der Rest muss zu Fuß gehen, dann ist ein solcher Anstieg nicht wert, Teil eines Straßenrennens zu sein.“ Merckx blieb nicht der einzige Weltklassefahrer, dem sich der Koppenberg entgegenstellte. Anfang der Achtziger Jahre erklärte Bernard Hinault kategorisch: „So lange dieses Monster im Programm der Ronde steht, werden Sie mich nicht am Start sehen.“

Stürze waren an der Tagesordnung. Gerade die Stürze machten den Koppenberg auch zum umstrittensten Teil der Flandern Rundfahrt. Immer wieder gab es Versuche, den Koppenberg zu entschärfen. Neutrale Materialposten wurden eingerichtet, um die Begleitautos umleiten zu können. Absperrgitter wurden aufgestellt, um die Zuschauer im Zaum zu halten. Aber alles half nichts.

Die Zuschauer stehen Spalier - Foto: Uwe Betker

1987 passierte dann das wohl Unvermeidliche. Der Däne Jesper Skibby fuhr alleine an der Spitze den Anstieg hoch. Dann stürzte er. Dicht hinter ihm fuhr das Auto eines Renn-Kommissars, der, sich seiner Wichtigkeit bewusst, stehend aus dem Schiebedach das Renngeschehen verfolgte. Da die Fahrbahn zu schmal für ein Ausweichmanöver war und der Offizielle nicht die nachfolgenden Rennfahrer zum Anhalten zwingen wollte, fuhr er weiter. Er überrollte das Rad, unter dem Skibby lag. 

Vorläufiges Aus nach Unfall

Das Publikum reagierte auf diese Entscheidung damit, dass es den Renn-Kommissar mit allem bewarf, was es gerade entbehren oder finden konnte. Der Kommissar setzte sich schnell wieder hin, schloss das Schiebedach und suchte das Weite. Das war dann vorerst das Aus für den Koppenberg. Viele konnten sich Flanderns Schönste aber einfach nicht ohne den Berg vorstellen. Um den Mythos nicht sterben zu lassen, wurde er aufwendig saniert und neu gepflastert.

Heute sind die Sicherheitstandards hoch. Begleitfahrzeuge werden umgeleitet. An der Strecke stehen Sanitäter, Helfer, Ordner und Polizei. Es gibt Absperrgitter. So ist er seit 2004 wieder Teil der Ronde. Die Ronde ist so etwas wie ein Nationalfeiertag der Flamen - und ein Familienfeiertag. Überall sieht man die gelben Fahnen mit dem schwarzen flämischen Löwen in verschiedensten Größen. Nahezu zwangsläufig bekommt man ein Papierfähnchen in die Hand gedrückt.

Der Koppenberg ist eine Art Wallfahrtsort, den der Radsportenthusiast selber auch erklimmen muss. Schon viele Stunden vor der erwarteten Ankunft der Fahrer ist der Berg für Autos gesperrt. Ein nahezu nicht enden wollender Strom von Zuschauern erklimmt ihn und bildet ein Spalier von geschätzten 10.000 Zuschauern, durch das die Rennfahrer müssen.

An prominenter Stelle, auf der Kuppe des Hügels, liegen zwei Weiden einander diagonal gegenüber. Beide Weiden werden von großen belgischen Firmen gemietet, die dort mit ihrer Belegschaft samt Angehörigen Feste feiern. Festzelte sind aufgebaut, Kinderbelustigungen, Büfetts und natürlich Großleinwände für die Übertragung des Renngeschehens. Andere Weiden werden ähnlich genutzt.

Regiertes Chaos

Je näher der Zeitpunkt für die Ankunft der Fahrer rückt, um so mehr zeigt sich, dass der Koppenberg seine eigenen Gesetze hat. Obwohl alles getan wird, um den Mythos zu entschärfen, entwickelt der Ort immer noch seine eigene Dynamik. Trotz der nicht unerheblichen Präsenz von Ordnungshütern und Absperrungen gewinnt eine Form von Chaos die Oberhand, wenn Erdwälle, die für das Publikum gesperrt sind, nach und nach von Zuschauern in Besitz genommen werden.

Die Versuche von Ordnern und Polizei, die Wälle frei zu halten, werden von den umstehenden Zuschauern mit Spott und Gelächter quittiert, während jeder Eroberer mit Applaus bedacht wird. Notgedrungen zieht sich die Polizei mehr und mehr zurück und beschränkt sich nur auf die Aufrechterhaltung der allernotwendigsten Regeln und das Freihalten der Straße.

Nach dem Rückzug der Polizei werden die letzten freien Plätze besetzt. Fremde Menschen helfen einander, um auch die steilsten und unzugänglichsten Hänge belegen zu können. Kinder und Frauen haben den Vortritt. Ganze Familien im Sonntagsstaat krabbeln auf allen Vieren die staubigen Hänge hoch, um vor der Ankunft der Fahrer einen guten Platz zu ergattern.

Der Mythos lebt

Die Zuschauer sind sachkundig und begeisterungsfähig. Natürlich wünschen sich die meisten einen flämischen Sieger, z.B. Tom Boonen, den Liebling der belgischen Radfans, der die Reihe der großen flämischen Straßenfahrer fortsetzen könnte. Aber auch der Deutsche Steffen Wesemann konnte schon das Rennen für sich entscheiden. Aber egal ob Flame oder nicht, vom ersten bis zum letzten Fahrer werden alle, die den Koppenberg überwinden, von den Zuschauern angefeuert. Ein Spalier von mindestens 10.000 Zuschauern wird auf die Helden der Landstraße warten und sie anfeuern. Der Mythos Koppenberg lebt. (ub) 


Zahlen und Fakten

Ort:

Koppenberg

Sportart:

Radrennsport

Anlass:

Flandern Rundfahrt

Steigung:

Ø 11,6 %, max. 22%

Länge:

550 Meter

Höhe:

64 Meter

Besonderheit:

Kopfsteinpflaster

 

 

 

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