WM 1954 - Geburt einer Fußball-Nation


Deutschland überraschte den Favoriten. - Foto: imago
Deutschland überraschte den Favoriten. - Foto: imago

Schon vor ihrem ersten Auftritt bei einem WM-Finale bekommt die deutsche Mannschaft etwas, das sie sich wünscht: „Fritz-Walter-Wetter“. Dauerregen in Bern hat den Platz tief und den Rasen seifig lassen werden – so wie es der deutsche Kapitän mag. Gegen Favorit Ungarn kommt Außenseiter Deutschland jedes positive Zeichen recht.

Zwar hatte Bundestrainer Sepp Herberger beim 3:8 in der Vorrunde gegen die Magyaren fünf Stammspieler geschont, aber Ungarn war insgesamt seit viereinhalb Jahren in 31 Spielen ohne Niederlage geblieben und auch Spielmacher Ferenc Puskas hatte sich nach einer Verletzung rechtzeitig zum Finale wieder fit gemeldet. So können die Ungarn in Bestbesetzung antreten. Herberger schickt dieselbe Mannschaft aufs Feld, die Österreich im Halbfinale mit 6:1 besiegt hatte.

Schneller Rückstand

Als der englische Schiedsrichter William Ling das Spiel bei strömendem Regen um 16:53 Uhr anpfeift – sieben Minuten früher als geplant -, haben noch nicht alle Zuschauer die Stadiontore passiert. Die meisten von ihnen verpassen sogar die ersten Tore. Nach acht Minuten steht es bereits 2:0 für Favorit Ungarn.

Fritz Walter war Kapitän der Weltmeister von 1954. - Foto: imago
Fritz Walter war Kapitän der Weltmeister von 1954. - Foto: imago

Schon nach dem 0:1 durch Kapitän Puskas (6. Minute) sagt der deutsche Radio-Kommentator Herbert Zimmermann: „Es ist ein großer Tag, es ist ein stolzer Tag. Seien wir nicht so vermessen, dass wir meinen, er müsste erfolgreich ausgehen.“ Als zwei Minuten später Zoltan Czibor nach einem verunglückten Rückpass von Werner Kohlmeyer Richtung Torwart Toni Turek auf 2:0 erhöht, ist die Stimmung bei den über 20.000 deutschen Fans auf den Rängen am Boden.

Deutschland schlägt zurück

Aber die deutsche Nationalmannschaft zeigt sich bei ihrer Final-Premiere unbeeindruckt. In der zehnten Minute landet ein Abschlag des ungarischen Schlussmanns Gyula Grosics bei Horst Eckel. Der jüngste deutsche Spieler passt weiter auf Fritz Walter, der raus auf Helmut Rahn gibt. Dessen Schuss aus halblinker Position wird noch abgefälscht. In der Mitte steht aber noch Max Morlock, der den Ball mit langem Bein zu seinem sechsten Turniertreffer und Deutschlands erstem Final-Tor überhaupt über die Linie drückt.

Danach wogt das Spiel hin und her. Beide Mannschaften halten sich nicht lange mit taktischem Geplänkel auf und suchen den direkten Weg zum Tor. In der 18. Minute bringt Fritz Walter den dritten deutschen Eckball des Spiels hoch auf den zweiten Pfosten. Rahn steht dort völlig frei und wuchtet den Ball per Dropkick zwischen den auf der Linie stehenden Mihaly Lantos und Jozsef Zakarias hindurch zum 2:2-Ausgleich ins Netz.

Turek und der Pfosten retten

Innerhalb der nächsten zehn Minuten berennt Ungarn energisch das deutsche Tor. Mit einigen Glanzparaden hält Turek das 2:2 für Deutschland fest, so dass Radio-Reporter Zimmermann begeistert ruft: „Turek du bist ein Teufelskerl. Turek du bist ein Fußballgott.“ In der 26. Minute hätte aber auch Turek keine Chance gehabt, doch der Pfosten rettet nach einem Schuss von Nandor Hidegkuti für die deutsche Mannschaft.

Der Mann für das entscheidende Tor: Helmut Rahn - Foto: imago
Der Mann für das entscheidende Tor: Helmut Rahn - Foto: imago

Danach fängt sich die Elf von Trainer Sepp Herberger wieder ein bisschen. Vor allem Werner Liebrich fängt einige Angriffe der Ungarn ab. Allerdings bleibt der Favorit am Drücker. Nach 36 Minuten stockt den deutschen Anhängern der Atem, als Stürmer Sandor Kocsis – mit elf Toren erfolgreichster WM-Torjäger – nach einem Dribbling im Strafraum zu Fall kommt. Schiedsrichter Ling lässt aber weiterspielen. Die DFB-Auswahl gewinnt immer mehr an Sicherheit und hat kurz vor der Pause Pech, als Verteidiger Jeno Buzanszky einen Schuss von Rahn auf der Linie klärt (42.).

Ansturm der Ungarn

Zu Beginn der zweiten Halbzeit brennen die Ungarn ein wahres Feuerwerk ab. Fast im Minutentakt ergeben sich größte Chancen für die Magyaren. Doch mit vereinten Kräften und Glück bei einem Lattentreffer von Kocsis (58.) klärt die deutsche Abwehr um den überragenden Schlussmann Turek die brenzligsten Situationen. Ab der 60. Minute fängt sich die deutsche Mannschaft wieder. Aber erst in der 74. Minute kommt der Außenseiter wieder zu einer Torchance, als Grosics nach einem Schuss von Rahn aus spitzem Winkel klärt. Nur vier Minuten später muss Turek allerdings gegen den durchgebrochenen Czibor Kopf und Kragen riskieren. „Toni, Toni, du bist Gold wert. Du bist mindestens so schwer in Gold aufzuwiegen wie der Coup Rimet“, jubelt Reporter Zimmermann.

In der Schlussphase gewinnt die deutsche Elf immer mehr an Sicherheit. Beide Mannschaften müssen dem schnellen Spiel bei strömendem Regen und tiefem Boden Tribut zollen, aber Deutschland hat noch etwas mehr zuzusetzen. Noch sechs Minuten sind zu spielen, als Ungarns Jozsef Bozsik den Ball in der Vorwärtsbewegung an Hans Schäfer verliert. Der linke Angreifer der Deutschen flankt den Ball in den Strafraum. Der Abwehrversuch der Ungarn landet auf halbrechts an der Strafraumgrenze bei Rahn, der nicht lange zögert, mit links abzieht und ins linke untere Eck trifft (84.). 3:2 für Deutschland!

Spannung in den Schlusssekunden

Die Sensation ist zum Greifen nah. Der Außenseiter führt. Ungarn liegt trotz einem Plus an Chancen erstmals bei diesem WM-Turnier hinten. Der Favorit antwortet mit wütenden Angriffen. In der 86. Minute jubeln die Magyaren schon, als Puskas nach einer Flanke von Kocsis trifft, aber der „Major“ stand im Abseits. Als Czibor in der Schlussminute aus kurzer Distanz zum Schuss kommt, muss Turek noch einmal sein ganzes Können aufbieten.

Dann ist Schluss. Nach 90 Minuten und 21 Sekunden pfeift Schiedsrichter Ling die Begegnung ab. Um 18:39 Uhr ist das „Wunder von Bern“ perfekt, Deutschland erstmals Fußball-Weltmeister! Als wenig später Kapitän Fritz Walter aus den Händen des FIFA-Ehrenpräsidenten und „Erfinder“ der Weltmeisterschaft, Jules Rimet, den Weltpokal überreicht bekommt, ist ein ganzes Land im Freudentaumel. (db)


Zahlen und Fakten

Tag:

4. Juli 1954

Beginn:

16:53 Uhr (MESZ)

Ort:

Wankdorf-Stadion, Bern (Schweiz)

Zuschauer:

65.000

Sportart:

Fußball

Anlass:

WM-Finale

Paarung:

Deutschland - Ungarn

Ergebnis:

3:2 (2:2)

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