1996 - Sprung in die Unsterblichkeit


Carl Lewis beweist es allen - Er springt bei Olympia 1996 zu seiner 9. Goldmedaille

"The Best Ever": Carl Lewis auf dem Cover der Sports Illustrated im August 1996
"The Best Ever": Carl Lewis auf dem Cover der Sports Illustrated im August 1996

Als am 19.07.1996 die Olympischen Spiele von Atlanta eröffnet wurden, stand er gleich zu Beginn im Rampenlicht. Carl Lewis wurde im Rahmen der Eröffnungszeremonie dieser Jubiläumsspiele gemeinsam mit einigen Olympischen Helden der letzten 100 Jahre geehrt. An der Seite so berühmter Namen wie Bob Beamon, Nadia Comaneci, Mark Spitz oder dem ältesten lebenden Olympiasieger Leon Stukelj (geboren 1898), der 1924 Olympiasieger im Turnen wurde, marschierte Carl der Große auf die Bühne. Es hatte den Anschein als wollte man ihn für sein Lebenswerk als Leichtathlet ehren. Dabei hatte Lewis selber das letzte Kapitel seiner einzigartigen Karriere noch gar nicht beendet. Zwar leuchtete sein Stern nicht mehr so glanzvoll, dennoch schaffte es der 35-jährige zu den vierten Olympischen Spielen seiner Laufbahn. Muhammad Ali entzündete das Feuer der Olympischen Spiele und hob damit den Vorhang für Lewis´ letzten großen Auftritt.

Die Jahre nach seinen letzten Triumphen bei Olympia 1992 in Barcelona waren geprägt von Verletzungen und Krankheiten. Viele seiner Fans und Kritiker glaubten schon an ein trostloses Ende des Athleten Lewis. Dennoch wurde am 24. März auf einem IAAF Council in Kapstadt eine Änderung des Zeitplans für Atlanta beschlossen. Für Carl Lewis und dem anderen Superstar Michael Johnson. Damit eine Teilnahme in zwei Disziplinen für die Beiden möglich wäre, bekamen die 100m, 200m, 400m und der Weitsprung neue Termine in Atlanta. In Bezug auf Lewis sollte sich die Änderung als unnötig erweisen. Bei den Olympic Trials der USA schaffte es Lewis nicht ins Olympiateam der USA für die 100 und die 200 Meter. Im Weitsprung, seiner Parade- und Lieblingsdisziplin qualifizierte er sich auch „nur“ als Dritter. Die Dominanz war weg. Der Held, dem seit 1992 auch die Fans wohlgesonnen waren, schien verletzlich. Der Eindruck entstand, dass seine Olympische Abschiedsgala, das Fest eines Außenseiters werden sollte. Nicht so bei Lewis selbst. Er hatte genug Selbstbewusstsein, um seine Mission zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.

„Carl wird die Welt in Atlanta schocken“

Schließlich hatte er extra sein Training und seine Ernährung umgestellt. Mühen, die sich bezahlt machen sollten. 1996, bedingt durch seine Verletzungsanfälligkeit der vorangegangenen Jahre, begann Lewis mit Diät und Krafttraining. Zusammen mit John Lott, dem Krafttrainer der Universität von Houston, und seinem langjährigen Coach Tom Tellez ging Lewis in den eigentlich so ungeliebten Kraftraum. Er behielt sein Gewicht und kam nicht als Muskelpaket wieder heraus, dennoch fanden die Trainer einen Weg, ihn noch stärker zu machen. „Mein Bruder ist in der besten körperlichen Verfassung seiner Karriere“, gab Schwester Carol Lewis zu Protokoll und Lott hob den Zeigefinger, warnte die Gegner und versprach, dass Lewis die Welt in Atlanta schocken würde. Auch Tellez war von seinem Schützling überzeugt. Wenn er Geld setzen müsste, dann auf Gold für Lewis im Weitsprung. Es war wieder da – das unbegrenzte Selbstbewusstsein aus dem Lager von King Carl.

Nachdem er bei der WM 1995 in Göteborg passen musste, war ihm klar, dass er noch den einen großen Wettkampf in sich hatte. „Nach Göteborg wusste ich, das kann nicht das Ende sein. Ich bin in den Kraftraum gegangen und habe literweise Schweiß vergossen“, so Lewis zu seiner Vorbereitung auf Atlanta. 8 Olympische Goldmedaillen und eine Silbermedaille standen für ihn zu Buche. Diese eine Goldene mehr, die Lewis auf eine Stufe mit Larissa Latynina, Paavo Nurmi und Mark Spitz stellen sollte, musste her. Der Held wollte auch selber zur endgültigen Legende werden. War er 1984 noch auf den Spuren von Jesse Owens, so galt es 1996 Al Oerter und Paul Elvstrom nachzueifern. Beide Athleten brachten das Kunststück fertig viermal Gold in einer Disziplin zu gewinnen. Oerter gelang dies 1956 bis 1968 im Diskuswurf, Elvstrom siegte 1948 bis 1960 im Finn Class Segeln.

„Hab ein letztes Mal Spaß!“

Der 28.07.1996, der Abend der Weitsprung-Qualifikation im Atlanta Olympic Stadium, sollte Teil 1 seiner Abschiedsgala werden. 8.05 Meter war das Limit um ins Finale der besten 13 Springer am nächsten Tag einzuziehen. Obwohl nicht einmal Kritiker glaubten, dass Lewis an dieser Weite scheitern könnte, stand der US-Star auf einmal am Abgrund. Als 15. musste Lewis zu seinem letzten Versuch antreten. Mit dem Rücken zur Wand war im die Anspannung ins Gesicht geschrieben. „Zuerst dachte ich, Oh, mein Gott, was mache ich jetzt nur? In was für einem Schlamassel stecke ich?“, beschreibt er die letzten Sekunden vor dem Alles oder Nichts Sprung. Doch er schaffte es, sich zu beruhigen: „Lass es uns mal nüchtern sehen. 8.05 Meter und du bist im Finale. Und selbst wenn das jetzt dein letzter Auftritt ist: Hauptsache du gibst alles und hast noch ein letztes Mal Spaß“, ging es durch seinen Kopf.

Der Weitsprung war "seine" Disziplin: Carl Lewis holte bei Olympia 1996 sein 4. Gold in Folge - Autogrammkarte
Der Weitsprung war "seine" Disziplin: Carl Lewis holte bei Olympia 1996 sein 4. Gold in Folge - Autogrammkarte

Als er die Bahn zu seinem letzten Versuch betritt, spiegelt sich in seinem Gesicht eine seltsame Mischung aus Konzentration und Angst. Gebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, steht King Carl an seiner Absprungmarke. Bedächtig richtet er sich auf, bläst in seine Backen und läuft entschlossen an. Er fixiert ganz genau den Absprungbalken, hebt ab, landet und verlässt in Bruchteilen einer Sekunde sofort die Sandgrube. Ein kurzer Blick zurück, die weiße Fahne wird gehoben und Lewis hat es mal wieder bewiesen: Er ist der größte Weitspringer von allen. Mit 8.29 Meter zieht er als Erster ins Finale ein. Sein weitester Satz der letzten zwei Jahre. Mit ausgebreiteten Armen lässt er den Jubel der über 82.000 Zuschauer im Olympiastadion auf sich niederprasseln. Die Erleichterung wich alsbald der Gewissheit, das er wieder da ist, wo er sich am liebsten sieht: Ganz oben. „Jetzt weiß jeder, dass es besser ist, mich nicht zu ignorieren und zu sagen: Carl ist weg, er kann es nicht mehr“, so seine Kampfansage an Gegner und Kritiker.

Und wieder schloss sich ein Kreis in seiner Karriere. Auch der große Jesse Owens hatte bei seinem Olympiasieg im Weitsprung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin arge Probleme ins Finale einzuziehen. Nur durch die guten Ratschläge des deutschen Athleten Luz Long, der Owens zu einem reinen Sicherheitssprung im letzten Versuch der Quali riet, schaffte es Owens, in den Endkampf einzuziehen, um anschließend Olympiasieger zu werden: "Ich könnte alle Medaillen und Pokale einschmelzen lassen und das Gold würde nicht die 24-karätige Freundschaft aufwiegen, die mich mit Luz Long verbindet", sagte Owens noch Jahre später voller Dankbarkeit.

So zogen 13 Athleten gegen 18:45 Uhr am 29.07.1996 ins Stadion ein. Die Begrüßung für Carl Lewis glich einem Orkan. Er war nicht nur am Ende seiner Karriere angekommen, sonder vielmehr auch in den Herzen seiner amerikanischen Fans: „Das hat mit meinem Alter zu tun. Ich bin Favorit aus sentimentalen Gründen“, erklärt Lewis, angesprochen auf die enorme Zuneigung des Publikums. „Das ist ein gutes Gefühl nach der Kritik der Vergangenheit“, weiß Lewis aber selbst am besten, dass er daran „nicht schuldlos“ war. „Ich bin der George Foreman der Leichtathletik. 35 Jahre alt und graue Haare“, witzelte der gewandelte Star.

Auch Erzfeind Michael Johnson betrat an diesem Abend die Bühne

Während er als Alleingänger seinem Ritual der Einsamkeit im Wettkampf auch in Atlanta treu blieb, teilten sich die beiden Mitfavoriten auf den Olympiasieg Mike Powell und Joe Greene, beide USA, Bank und Muskelsalbe unmittelbar vor dem Showdown in der Weitsprunggrube. Besonders Greene, der zu dieser Zeit mit der schönen deutschen Leichtathletin Susen Tiedtke verheiratet war, galt als Topfavorit: „Noch nie waren meine Chancen so gut wie in Atlanta. Ich bin der Joker, und in dieser Rolle fühle ich mich am wohlsten“, so der Zweitplazierte der US-Ausscheidungen für Olympia. Zum weiteren Favoritenkreis zählten an diesem Abend auch Ivan Pedroso (Kuba/ Weltmeister 1995), der allerdings nach einer Operation erst kurz vor Olympia ´96 sein Comeback feierte, und der Jamaikaner James Beckford, der bei der WM 1995 Silber holte.

Doch die Bühne an diesem heißen Sommerabend war nicht alleine bestellt für Carl den Großen. Auch sein Erzfeind Michael Johnson wollte an diesem Abend seine erste von zwei sehnsüchtig erwarteten Goldmedaillen über die 400 Meter und später die 200 Meter gewinnen. Der übertragende TV-Sender wollte denn auch Johnson als Liveübertragung, nicht Lewis. Doch das Publikum schenkte seine Aufmerksamkeit dem Versuch von Lewis sich unsterblich zu machen. Dabei war das Rampenlicht an diesem denkwürdigen Abend groß genug für mehrere Superstars.

Kraft ist gut. Kontrolle ist besser. Carl Lewis als Werbestar auf einem Mousepad von Pirelli
Kraft ist gut. Kontrolle ist besser. Carl Lewis als Werbestar auf einem Mousepad von Pirelli

Per Los wird die Startreihenfolge festgelegt und sieht Lewis an Position zwei startend. Mit der Startnummer 2374 fabriziert er gleich einen Fehlversuch. Er kommt nicht richtig zum Absprung und läuft durch die Grube. Diesmal schafft er es nicht in einem großen Wettkampf mit einem Trumpf im ersten Sprung anzufangen. Mit dem Franzosen Emmanuel Bangue aus Frankreich führt nach dem ersten Durchgang einer, den niemand auf der Rechnung hatte. Carl Lewis wirkt in dieser Phase wenig souverän. Seine Bewegungen in den Pausen zwischen den Sprüngen wirken nervös, aufgedreht und hektisch. Das Publikum trägt zu dieser Nervosität seinen Teil bei. Immer wieder rufen die Fans Lewis aufmunternde Worte zu. „Es ist noch alles drin Carl“, oder „ Du packst das King“ ist zu hören. Lewis ist abgelenkt: „Ich lief herum und sagte zu mir selbst: vergiss die Zuschauer, konzentriere dich nur auf deine Sprünge“, erklärte er später den Versuch die Anfeuerungen irgendwie auszublenden.

„Okay Dad, hilf mir hierbei“

Nach Durchgang 2 führte weiter der Franzose vor Mike Powell und Carl Lewis. Dessen zweiter Versuch landete bei 8.14 Meter. 3 cm hinter Powell und 5 cm hinter Platz 1. Die Nervosität bei Lewis stieg weiter: „Ich war geradezu panisch vor dem 3. Sprung“, so Lewis, der unbedingt einen besonders guten Sprung abliefern wollte, um in den alles entscheidenden letzten 3 Durchgängen als Letzter starten zu können. „Ich wusste, dass es mir einen großen Schub geben würde, wenn meine Konkurrenten wüssten, dass ich am Ende das letzte Wort habe.“ Jetzt suchte Sohn Lewis die Hilfe seines Vaters: „Immer wenn ich dieses letzte Quäntchen brauche, sage ich: Okay Dad, hilf mir hierbei“. Die Verbindung zu seinem verstorbenen Vater gab ihm die Möglichkeit, seine letzten Kräfte zu mobilisieren, seine Konzentration zu optimieren.

Der 3. Versuch. Total fokussiert steht Lewis an seiner Absprungmarke. Noch einmal geht er seinen Sprung im Kopf durch. Sein Oberkörper pendelt nach unten, die Beine in Schrittstellung. Er baut Spannung auf, holt Schwung und läuft an. Schritt 21 trifft genau den Absprungbalken. Sein rechtes Bein lässt ihn katapultartig abheben. Noch in der Luft, kurz vor der Landung, riskiert Lewis einen Blick nach rechts auf den Balken mit den Weitenangaben. Sicher gelandet steigt er aus der Grube, hebt beide Arme hoch und lässt sich auf den Bauch fallen. Er ist sich sicher: Das ist die Führung – das ist der Sprung zur neunten Goldmedaille. Und in der Tat: 8.50 bedeuten die Führung. Der weiteste Sprung seit seinem Olympiasieg 1992 in Barcelona. Die Anspannung in seinem Gesicht wie weggeblasen. Immer wieder schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen, strahlt erleichtert und glücklich. Da war er, dieser eine weite Satz, der noch in ihm steckte. Anschließend springt Joe Greene auf Position 2 bevor es zum Finale der besten 8 Springer kommt. Ivan Pedroso hat sich verabschiedet. Er ist an diesem Abend in Atlanta kein ernsthafter Konkurrent gewesen.

Während Lewis seinen Trainingsanzug anzieht, wirkt er immer noch hyperaktiv, aber dennoch wesentlich lockerer als einige Minuten zuvor. Er genießt die Situation, der Gejagte zu sein, obwohl er im Nachhinein offenbarte, dass die Spannung an ihm zehrte: „Man möchte eigentlich, dass seine Olympischen Erfahrungen ewig dauern. Aber nach meinem 3. Versuch wollte ich, dass es ein Ende hat“, gab er zu. Dennoch, der Druck lastet nun völlig auf seinen Rivalen. Früher fast undenkbar flirtet er sogar mit dem Publikum. Powell, Greene und Beckford scheinen dem Druck nicht gewachsen. Jeder hat in den Durchgängen 4 und 5 Fehlversuche. Bei Powell entwickelt sich der Wettbewerb zu einem echten Drama. Bei Sprung 5 zieht sich der Weltrekordler eine Bauchmuskelzerrung zu und windet sich vor Schmerzen. Dennoch tritt er zum letzten Versuch an. Doch direkt nach dem Absprung ist sein Flug auch schon wieder vorbei. Schmerzverzehrt landet er mit dem Gesicht im Sand und bleibt liegen. Betreuer stützen ihn und helfen ihm wieder auf die Beine. Lewis beobachtet das Geschehen vom Ende der Anlaufbahn. Mit angewinkelten Beinen sitzt er da und schaut gespannt auf Bangues letzten Sprung. Der Franzose springt nicht erwähnenswerte 6.85 Meter.

Den „Sieg im Gesicht“

Dann ertönt die Stimme des Stadionsprechers: „Nun der Letzte, der Carl Lewis einholen kann, sein Teamkollege Joe Greene.“ Die Spannung im weiten Rund ist greifbar. Greene agiert mit dem Publikum, weiß, dass er Lewis nur einholen kann, wenn er seine persönliche Bestweite übertrifft. Carl Lewis wandelt völlig in sich gekehrt an der Bahn entlang. Dann läuft Greene an und springt ab. Doch bei der Landung hebt er fast entschuldigend die Arme. Er braucht nicht auf die rote Fahne zu warten, er weiß: Übergetreten. Damit war klar, was an diesem Abend knapp 83.000 so sehr hofften: Carl Lewis ist zum neunten Mal Olympiasieger, zum vierten Mal in Folge im Weitsprung und hat damit den Rekord von Al Oerter eingestellt. Freudetrunken rennt Lewis los, umarmt seinen Freund Greene, der sich sichtlich mitfreute: „Ich habe genau hingeschaut. Carl hatte den Sieg im Gesicht. Notfalls wäre er auch über den Grand Canyon gesprungen."

Dieser lief und hüpfte umher, wie er es schon 1984 bei seinen vier Olympiasiegen in Los Angeles gemacht hatte: „Ich vergaß völlig, dass ich ja noch einen Versuch hatte. Ich sprang umher und wollte heulen und den Augeblick mit allen anderen teilen“, erklärte Lewis später seine Gefühlslage nach seinem historischen Sieg in Atlanta. Mit einer Fahne in der Hand ging es auf die obligatorische Ehrenrunde und auf der großen Anzeigetafel im Olympiastadion stand: Carl Lewis hat zu Al Oerter mit viermal Gold in einer Disziplin aufgeschlossen. Lewis war angekommen. Am Start und am Ende seiner Laufbahn gleichermaßen. Als Kind im Sand der Sportanlagen groß geworden, wo seine Eltern andere Jugendliche unterrichteten, als Superstar der Leichtathletik in den Sandkästen der Welt zuhause, begab er sich nun, ausgestattet mit USA-Cap und der Fahne um den Hals, mit einer Tüte Richtung Weitsprunganlage des Olympiastadions, kniete sich hin und füllte sich etwas vom Sand in eben diese Tüte. Er hat sich sein ganz persönliches Andenken mit nach Hause genommen, seinen „Goldstaub“ aus Atlanta.

Bei der Siegerehrung wird die Liebe und Dankbarkeit der Zuschauer sichtbar. Zahlreiche Plakate huldigen „ihren“ Carl: „We love you Carl“ und „Thanks for the memories“ steht dort zu lesen. Fassungslos vor Glück betritt Lewis dann das Siegerpodest. Immer wieder hält er sich ungläubig die Hände vor die Augen. Die Tränen machen ihn am Ende seiner Olympischen Reise menschlich. Am Ende der Hymne schickt Carl Lewis einen Handkuss in den Himmel. Aus Dankbarkeit: „Dieser Kuss war für meinen Dad. Ich hatte mein letztes Ziel erreicht. Für meine 9. Goldmedaille musste ich mich am meisten quälen, aber sie war auch meine Wichtigste.“ Er wusste, dass dies das Ende sein würde und genoss die Ehrung in vollen Zügen. „Ich freue mich auf ein Leben nach dem Sport“, erklärte er in der Gewissheit, dass der Athlet Lewis von der großen Bühne abtritt.

Lewis glaubt zu träumen

Als er anschließend im Interviewraum Rede und Antwort stand, kam es zu einer besonderen Begegnung. Al Oerter betrat den Raum und ging auf Lewis zu. Seine Umarmung war Ausdruck der Bewunderung, die er für seinen Nachfolger in diesem Moment empfand. „Jesse Owens, Paavo Nurmi, Al Oerter – mit diesen Namen bin ich groß geworden. Und jetzt gehör ich selbst dazu? Manchmal denke ich immer noch: Es ist alles ein Traum. Wann wache ich auf?“, resümierte Lewis das Endergebnis seiner Karriere. Und sein Manager Joe Douglas vom Santa Monica Club erkannte eine neue Seite an seinem erfolgreichen Schützling: „Ich habe Carl noch nie so emotional gesehen, wie bei diesem Sieg im Weitsprung.“

Es gab einige Leute, die eine hitzige Debatte starteten, ob Lewis nun auch in der 4x100 Staffel der USA laufen sollte. Gerüchte sprachen davon, dass sogar US-Präsident Bill Clinton sich für Lewis als Teammitglied aussprach. Bei den Jahrhundertspielen sollte Lewis mit seiner 10. Goldmedaille endgültig zum Superhelden aufsteigen. Doch all die Diskussionen, angeheizt von Fans und den Kolumnisten der großen US-Blätter, brachten nichts. Lewis lief nicht und hatte es auch nie erwartet: „Ich wusste, dass ich nicht laufen würde. Außerdem hatte ich gar keine Spikes mehr. Die habe ich nach meinem Weitsprungsieg für einen guten Zweck verschenkt. Und mein einziges Dress war auch vom Weitsprung“, erklärte Lewis. Für ihn war es Zeit endlich einmal Olympiatourist zu sein: „In meinen 16 Jahren habe ich kein Olympisches Event als Zuschauer miterlebt.“ Das änderte er nun in Atlanta. Er blieb einige Tage länger und erlebte einmal Olympia abseits seiner Leichtathletik. „Olympia ist das Schönste auf der Welt, dass weiß jeder. Schöne Dinge soll man genießen“, so „Olympiafan“ Lewis.

Michael Johnson hat an diesem Abend übrigens auch sein Ziel erreicht und mit einer brillianten Vorstellung Gold über die 400 Meter gewonnen. Doch der Spot schien an diesem Abend doch ein klein wenig mehr auf Carl Lewis. Er hatte seinen letzten Vorhang und wuchs bei seiner Abschiedsgala noch einmal über sich hinaus. „Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat“ wusste Goethe zu beschreiben. Und man könnte meinen, er sprach von diesem Abend des 29.07.1996 im Olympiastadion von Atlanta. „Der den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann“ so stehts im Faust geschrieben. Und Carl Lewis hat es getan. (anhe)


Zahlen und Fakten

 

Sportart: 

Leichtathletik

Anlass: 

Olympische Spiele der XXVI. Olympiade

Ort: 

Olympic Stadium in Atlanta

Datum: 

Quali Weitsprung: 28. Juli 1996
Finale Weitsprung: 29. Juli 1996

Ergebnisse: 

Gold: Carl Lewis (USA) 8,50 Meter
Silber: James Beckford (JAM) 8,29
Bronze: Joe Greene (USA) 8,24

Besonderheit:

Carl Lewis gewinnt seine 9. Goldmedaille und schließt zu Al Oerter mit 4x Gold in einer Disziplin auf

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