RB Stratos: Viel mehr als "nur" ein Sprung
Red Bull Stratos: Phase der physischen Vorbereitung abgeschlossen
Mit einer Reihe von Testsprüngen aus großer Höhe über Kalifornien hat der Extremsportler Felix Baumgartner die physische Vorbereitungsphase für sein Projekt Red Bull Stratos erfolgreich beendet. In den kommenden Wochen steht mit einem letzten Sprung aus fast 27.500 Metern der ultimative Test für Mensch und Equipment an, bevor dann im Spätsommer die eigentliche Mission des „Sprungs vom Rand des Weltalls“ beginnt.
TAFT, Kalifornien (USA) - „Nach drei Wochen gespickt mit Tests der Raumkapsel, dem Durchspielen von Notfallsituationen und Testsprüngen aus großer Höhe ist die Vorbereitungsphase nun abgeschlossen“, vermeldet Felix Baumgartner. In Taft, zwei Autostunden nördlich von Los Angeles, absolvierte Felix Baumgartner die letzten Tests für sein Projekt Red Bull Stratos. Dabei sprang er mit seinem eigens entwickelten Druckanzug mehrmals aus einer Höhe von über 9.000 Metern, um nochmals die spezielle Flugposition zu trainieren, die bei seinem Rekordversuch aus 36.576 Metern notwendig sein wird. Gleichzeitig wurde auch das Öffnen des Fallschirms bei Geschwindigkeiten von mehr als 220 km/h erprobt.
Respekt und Zuversicht
Beim Sprung vom Rand des Weltalls wird Baumgartner mit 320 Metern pro Sekunde in etwa so schnell wie eine Gewehrkugel sein, also in weniger als vier Sekunden die Strecke von einem Kilometer zurücklegen. „Wenn man es so betrachtet, ist es auch für mich selbst schwer zu glauben, aber ich mag die Vorstellung“, äußerte Baumgartner Respekt und zugleich Zuversicht hinsichtlich der bevorstehenden Mission: „Werde ich diesen Sommer die Schallmauer knacken? Wir glauben, dass es möglich ist und ich setze alles daran, dass wir es schaffen.“
Testsprung und Ernstfall
Das Zeitfenster für einen Start des 55 Stockwerke hohen Helium-Ballons, der Baumgartner in etwa drei Stunden auf die Absprunghöhe befördern wird, erstreckt sich von Juli bis September. Derzeit zieht das Stratos-Team mit dem gesamten Equipment von Kalifornien nach Roswell in New Mexico um, wo in Kürze ein letzter Testsprung aus rund 27.500 Metern geplant ist. Bei der Mission Red Bull Stratos sollen vier bestehende Rekorde gebrochen werden: der höchste bemannte Ballonflug (36.576 Meter), der höchste Fallschirmsprung, der erste Mensch mit Überschallgeschwindigkeit im freien Fall und der längste freie Fall (ca. 5:30 Minuten).
Video Clip: Physical vs Mental challenges of Red Bull Stratos
DATENBLATT: Felix Baumgartners geistiges und körperliches Training und seine Vorbereitung
Um die Schallgeschwindigkeit im freien Fall sicher übertreffen zu können, muss Felix Baumgartner seine optimale Leistungsfähigkeit abrufen – und das trotz der Einschränkungen eines Volldruckanzuges, der extremen Bedingungen in der Stratosphäre und des selbst auferlegten Drucks, eine Mission erfüllen zu wollen, die in jahrelanger Präzisionsarbeit entstanden ist. Seit Joe Kittinger seinen Excelsior-III-Sprung im Jahre 1960 absolviert hat, sind viele Leute beim Versuch, ähnliche Rekorde aufzustellen, gescheitert oder gar umgekommen.
Sowohl die Fachkenntnis des Red Bull Stratos Teams als auch die innovative Technologie der Mission garantieren Felix optimale Voraussetzungen. Ebenso wichtig für den Erfolg ist die Vorbereitung inklusive eines mehrteiligen Testprogramms und eines intensiven körperlichen wie mentalen Trainings. Ein umfassender Test und ein Trainingsprogramm wurden in Zusammenarbeit mit dem übrigen Missions-Team und folgenden Experten entwickelt: Dr. Jonathan Clark Clark, medizinischer Direktor der Mission, ist ehemaliger sechsfacher Space-Shuttle-Crew-Chirurg; Dr. Andy Walshe unterstützt das Red-Bull-Stratos-Team auf dem Gebiet Höchstleistungen (er entwickelte erfolgreiche Leistungsprogramme für das US-Ski- und Snowboard-Team); Mike Todd, jahrelanger Mitarbeiter in der Abteilung „Skunk Works“ für Lebenserhaltungssysteme und Druckanzüge in großen Höhen bei Lockheed (er dient der Mission als Techniker für lebenserhaltende Systeme).
Wie hat sich Felix körperlich und mental darauf vorbereitet, etwas zu tun, das noch niemand vor ihm gewagt hat?
FITNESS UND VORBEREITUNG
„Die Fitness des Herz-Kreislauf-Systems wirkt sich auf sämtliche andere Bereiche aus – wie gut jemand anhaltende Anstrengung aushält, wie jemand mit Schlafmangel klar kommt, den diese Mission mit sich bringt, und vieles mehr. Dann wäre da noch die allgemeine Fitness, wichtig für körperliche Anstrengung, die im Anzug doppelt mühsam ist“, betont Andy Walshe.
Vier bis fünf mal pro Woche absolviert Felix ein intensives körperliches Trainingsprogramm mit Spinning, Intervalltraining, Muskeltraining, Gewichtheben, Übungen mit dem Medizinball und Drehbewegungen für Dehnbarkeit und Körperspannung. Wie Andy betont, ist es wichtig, normalen Bewegungen, wie beispielsweise dem Greifen mit den Händen, zusätzlichen Widerstand hinzuzufügen: „Sich im Anzug zu bewegen erfordert Technik ebenso wie auch Kraft.”
ERNÄHRUNG
Bluttests während der Bewegung geben Auskunft darüber, wie der Körper von Felix arbeitet und wie er die Energie durch seine einzigartigen Stoffwechselwege schickt. Basierend auf diesen Daten entscheidet das Team, ob seine Diät angemessen ist und nimmt gegebenenfalls Anpassungen vor. 24 Stunden vor seinem Sprung muss Felix eine rückstandsarme Diät einhalten. Diese beseitigt Stoffe,
die in seinem Darm zurückbleiben und für Unbehagen sorgen könnten, weil sich Körpergase in der Niederdruck-Umgebung der Stratosphäre ausdehnen. „Felix‘ Ernährung gilt größte Aufmerksamkeit, sie soll so ausgewogen wie möglich sein“, stellt Andy klar.
AUFZEICHNUNG DER GEHIRNAKTIVITÄT („NEURAL MAPPING“)
Die Leistung von Felix hängt insbesondere von einer Kombination aus körperlichen und geistigen Faktoren ab. In den vergangenen Jahren hat man große Fortschritte im Bereich der Bewertung der Leistung von Gehirnströmen gemacht. Beim „Neural Mapping" zeichnen Elektroden die Gehirnaktivität von Felix auf, während er Aufgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade löst. So kann bewertet werden, wie sein Gehirn arbeitet.
Das ist ein Teil einer gründlichen Untersuchung um festzustellen, wie seine Leistung am besten unterstützt werden kann. Als Teil des Trainings verstärkten speziell entworfene Video-Simulationen die Gehirnaktivität. Sie werden schwächer oder hören auf, sobald das Gehirn vom optimalen Zustand abweicht. Felix‘ „Neural Mapping“ zeigte, dass er außerordentlich schnelle Reaktionszeiten hat und dass seine beiden Gehirnhälften sehr aktiv miteinander kommunizieren. Die analytische sowie die kreative Seite werden gleichzeitig genutzt.
Deshalb kann Felix Situationen rasch analysieren und hat für unterschiedlichste Probleme schnell die passenden Lösungen parat. Zudem meistert er Stresssituationen außergewöhnlich gut. Andy fasst zusammen: „Felix ist stark, er hat die Kontrolle, er ist belastbar – das sind Charakteristika, die genau zu diesem Projekt passen.”
SIMULATIONEN/PROBEN/TESTS
Der vom Team entwickelte mehrstufige Test- und Trainingsplan umfasste: ein Training im vertikalen Windtunnel; Sprünge aus Flugzeugen im Druckanzug; Training für die Gasballonlizenz; Bungee-Sprünge, um den perfekten Ausstieg aus der Kapsel zu üben; Höhenkammertests, um alle Abläufe in Echtzeit in einer simulierten Umgebung nahe dem Weltraum zu proben; Sprünge aus der Stratosphäre aus zwei verschiedenen Höhen, als Vorbereitung für den finalen Sprung, die nicht nur Felix als Probe und Training dienen, sondern auch dem gesamten Team.
„Der Aufwand der hier über Monate und Jahre betrieben wird, ist unter anderem auch eine körperliche Belastung”, zeigt Andy auf. „Wir haben das Training so anberaumt, dass Felix seinen Fokus und seine Konzentration aufbauen und seine Aktivitäten auf das Ziel ausrichten kann.”
TRAINING FÜR DEN AUSSTIEG
Der Ausstieg – also von der Kapsel abzuspringen – sieht täuschend leicht aus. Tatsächlich aber konfrontiert diese Phase Felix mit einem der kompliziertesten Momente der gesamten Mission. Für optimale Sicherheit während des Abstieges der Kapsel muss Felix ihre Systeme noch bevor er aussteigt komplett herunterfahren. Außerdem muss er seine eigenen lebenserhaltenden Systeme, die in seinen Anzug eingearbeitet sind, überprüfen, um sicherzugehen, dass alles funktioniert, bevor er sich von der Kapsel loslöst. Alles in allem hat Felix eine Liste mit rund 40 Punkten, die er in der finalen Phase bis zum Sprung abarbeiten muss.
Im technischen Zentrum der Mission, dem Sage Cheshire Aerospace in Lancaster in Kalifornien, arbeitet das Team mit Felix an Worst-Case-Szenarien inklusive Brandschutzübungen, die wegen der eingeschränkten Mobilität im Anzug noch komplizierter sind, und die er selbst lösen muss. Felix hat die wichtigsten Punkte seiner Checklist auswendig gelernt, sodass er sie unverzüglich abarbeiten kann, selbst unter Stress im Notfall. „Felix muss sich in der Kapsel alleine zurechtfinden, sollte die Kommunikation unterbrochen sein“, betont Mike Todd. „Er hat Stunden über Stunden damit verbracht, im Druckanzug innerhalb der Kapsel zu üben.“
VORBEREITUNGEN MIT DEM ANZUG
Während der Mission Red Bull Stratos musste sich Felix mental auf viele Veränderungen einstellen: Nach vielen Jahren der Unabhängigkeit als BASE-Jumper musste er lernen, mit einem leistungsstarken Team zu arbeiten und es zu führen. Schließlich muss er auch noch mit der für ihn überraschenden Abneigung fertig werden, einen Anzug zu tragen.
„Felix ist während der Mission mit vielen körperlichen Herausforderungen konfrontiert, aber die größte Herausforderung ist nicht der Kampf mit der Umgebung, sondern, wie immer im Leben, der Kampf des Menschen mit sich selbst“, kommentiert Jonathan Clark. „Eine heikle Angelegenheit war der lange Aufenthalt im Anzug bei geschlossenem Visier. U-2-Piloten berichten, dass sie sich intensiv darauf vorbereiten, um die Anzüge während ihrer langen Flüge tragen zu können.
Außerdem sprechen sie von Angst bei den weniger erfahrenen Piloten, also ist es völlig normal, womit Felix zu kämpfen hatte. Er war sehr ehrlich, was seine Gefühle anbelangt. Felix machte einen Anpassungsprozess durch, um beim finalen Sprung die vier bis fünf Stunden im Anzug überstehen zu können. Mittlerweile trägt er den Anzug, als wäre er ein Teil von ihm.”
UMFASSENDE BEREITSCHAFT
Jonathan Clark fasst Felix‘ körperliche und geistig Vorbereitung zusammen: „Die Grundidee ist, ihn in die bestmögliche Form zu bringen, um sicherzugehen, dass er alle Aufgaben erledigen kann, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie es ihm körperlich oder mental geht.”
Andy stimmt dem zu und unterstreicht, dass die eifrige Teilnahme von Felix der Schlüssel zum Erfolg des Trainingsprogrammes war. „Wir versuchen, ihm genau die Informationen zu liefern, die er braucht, und er war stets empfänglich dafür. Er will immer wissen warum; er will die Hintergründe verstehen. Das ist immer ein Zeichen für großartige Athleten: sie wollen das Beste aus ihrer Zeit machen, sie wollen das Beste aus ihrem Training herausholen, und sie wollen wirklich verstehen, wie das mit dem zusammenpasst, was sie versuchen zu erreichen. In dieser Hinsicht war Felix perfekt. Er nimmt Information auf, er agiert dementsprechend, und er nützt sie.”
REKORDVERSUCHE MIT BALLONS FÜR GROSSE HÖHEN NACH EXCELSIOR III
1961: Lt. Commander Victor Prather und Commander Malcolm Ross steigen im Rahmen des Projektes RAM, einem U.S.-Regierungsprogramm, mit einem Ballon auf 34.668 Meter, um Raumanzug-Prototypen zu testen. Die Höhe bricht zwar Joe Kittingers
Rekord für den höchsten bemannten Ballonflug, aber als die beiden wie geplant zur Erde zurückkehrten, rutscht Prather am Rückhol-Helikopter aus, stürzt und ertrinkt im Meer, bevor Taucher ihn retten können. Der Rekord des Teams für den höchsten bemannten Ballonflug besteht immer noch.
1962: Major Yevgeny Andreyev und Oberst Peter Dolgov aus der Sowjetunion, beide Fallschirmspringer-Veteranen, steigen in dem Ballon „Volga“ auf. Andreyev springt aus 25.458 Metern und landet sicher. Dolgov steigt weiter bis auf 28.642 Meter, bevor er springt. Sein Fallschirm öffnet sich fast augenblicklich. Er stirbt beim langen Abstieg. Der Grund wird bis heute geheim gehalten.
1965-66: Der Zivilist Nicholas Piantanida, ein Lastwagenfahrer aus dem U.S.-Staat New Jersey, unternimmt drei Ballonstarts. Er will damit einen neuen offiziellen Weltrekord im freien
Fall aufstellen und die Auswirkungen von Überschallgeschwindigkeit auf den menschlichen Körper untersuchen. Beim dritten Sprung war er in 17.566 Metern einer extremen Druckabnahme ausgesetzt und starb vier Monate später.
2008: Michel Fournier, ein französischer Luftwaffenoberst im Ruhestand, unternimmt einen privat finanzierten Versuch, bei dem er aus 40 Kilometern Höhe über Kanada abspringt. Wegen einer technischen Panne löst sich der Ballon von der Kapsel während der Befüllung, sodass der Ballon ohne die Kapsel wegfliegt.
2010: Fournier unternimmt einen weiteren Versuch von Kanada aus, aber scheitert erneut an einem technischen Problem.
Material: Red Bull Content Pool






