1992 - Das Puck-Drama von Albertville


Ein Puck auf der Linie - 1992 das Aus für Draisaitl & Co. - Fotos: Kai Bachmann (l.) / Autogrammkarte 1988


Tag:
Ort:
Sportart:
Zuschauer:
Anlass:
Beginn:
Ende:
Partie:
Ergebnis:


18. Februar 1992
Eispalast Meribel (FRA)
Eishockey
5.500
Viertelfinale Olympische Winterspiele
17.00 Uhr (MEZ)
20:09 Uhr (MEZ)
Kanada - Deutschland
3:3 n.V., 3:2 n.P.


 

 


Horror jedes Eishockey-Fans: ein Puck auf der 
Linie - Foto: Kai Bachmann

 

Als am 18. Februar 1992 um 20.00 Uhr auch die nicht-sportinterssierten Zuschauer eigentlich für die Tagesschau das erste Programm einschalten, müssen sie kurz stutzten. Kein Jo Brauner, keine Dagmar Berghoff flimmern über den Bildschirm, sondern Eishockeyspieler. Schnell werden aber auch die "Nicht-Sportler" wie der Großteil der übrigen zehn Millionen Zuschauer (Marktanteil 28 Prozent) gebannte Zeugen eines der größten Eishockey-Krimis der olympischen Geschichte.

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft trotzt im Viertelfinale der Olympischen Winterspiele von Albertville 1992 dem haushohen Favoriten Kanada. 2:22 Minuten vor Schluss der 3x20 Spielminuten hat Ernst Köpf jr. mit seinem Treffer zum 3:3 für die DEB-Auswahl sensationell die Verlängerung erzwungen. Auch in der zehnminütigen Verlängerung gelingt keinem der Kontrahenten der entscheidende Treffer zum „Sudden Death“. In den Schlusssekunden pariert der deutsche Goalie Helmut de Raaf mit einem klasse Reflex noch einmal einen Schuss von Joe Juneau.
 
De Raaf schneller als der Münzwurf

Mit der Schlusssirene ergreift eine aufgeregte Spannung die 5.500 Zuschauer im Eispalast von Meribel. Das Penaltyschießen muss die Entscheidung bringen. Fünf Schützen jeder Mannschaft müssen abwechselnd im Duell Spieler gegen Torwart von der Mittellinie aus anlaufen. Noch bevor der finnische Schiedsrichter Seppo Mäkelä die Münze geworfen hat, um zu entscheiden, wer beginnt, fährt de Raaf ins Tor. Und tatsächlich müssen die Kanadier anfangen. Als Erster läuft Jungstar Eric Lindros an. Der mit 18 Jahren jüngste Eishockey-Spieler der Spiele von Albertville fährt auf den deutschen Goalie zu. De Raaf bleibt lange stehen, macht Lindros nervös. Der Kanadier schaufelt den Puck übers Tor.

Aber die nächsten drei Schützen machen es nicht besser. Auf deutscher Seite scheitern Peter Draisaitl und Didi Hegen genauso wie Steve Archibald für Kanada. Jason Woolley gelingt schließlich der erste Treffer – 1:0 für Kanada. Mit Kapitän Gerd Truntschka versagt auch der dritte deutsche Schütze. Als Kanadas Kapitän und Bundesliga-Legionär Wally Schreiber das 2:0 macht, glaubt selbst Radioreporter Eddie Körper, dessen Stimme mittlerweile schon rau und heiser ist, nicht mehr an ein Weiterkommen. "Es ist gelaufen, es ist gelaufen“, ruft er in sein Mikrofon. Doch das Blatt wendet sich noch einmal.

Rumrich und Brockmann halten Traum am Leben


1992 war Draisaitl in Diensten
 des MERC. - Foto:
 Autogrammkarte 1988

 

 

Michael Rumrich trifft zum 1:2. Anschließend scheitert Juneau an de Raaf und Andreas Brockmann lässt die deutschen Fans mit seinem verwandelten Penalty zum 2:2 wieder hoffen. Da alle fünf Schützen bereits einmal dran waren, geht die Reihe wieder von vorn los. Im Eifer des Gefechts übersehen aber Spieler und Offizielle, dass eigentlich jetzt die deutsche Mannschaft beginnen müsste. Doch so fährt wieder Lindros gegen de Raaf an. Dieses Mal behält das Super-Talent die Nerven. Mit einer Körpertäuschung lässt er de Raaf ins linke Eck tauchen, zieht den Puck zur Seite und schiebt ein.

Nun heißt es für Peter Draisaitl „Alles oder Nichts“. Trifft er nicht, ist alles aus. Draisaitl läuft gerade auf den kanadischen Schlussmann Sean Burke zu. Im letzten Moment will er ihm den Puck durch die Beine schieben. Burke zieht die Schoner zusammen, kippt nach links um. Die Beine des Torwarts gehen hoch und plötzlich fällt der Puck hinter ihm wieder raus. Die Gummischeibe mit ihren 7,62 Zentimetern Durchmesser, landet auf der Kante, rollt auf die rote Torlinie zu, wackelt, kippt und landet – aber in die falsche Richtung, nämlich nach vorne und bleibt deshalb auf der schmalen Linie und nicht dahinter liegen.

"Das Elend der Welt auf dem Schläger"

Burke bleibt liegen, weiß nicht wo der Puck ist. Draisaitl ist nach links zur Bande abgedreht und guckt fassungslos Richtung Tor. Schiedsrichter Mäkälä kommt heran und prüft, aber da rauschen die kanadischen Spieler schon jubelnd auf ihren Schlussmann zu. Auch Radiomann Körper hat erkannt, was geschehen ist. Mit sich überschlagender Stimme brüllt er ins Mikrofon: „Mein Gott, was für eine dramatische Entscheidung. Peter Draisaitl hat das Elend der Welt auf dem Schläger.“ (Wo waren Sie, als der Puck auf der Linie klebte?)

Während die Kanadier jubeln, verlässt die deutsche Mannschaft völlig konsterniert das Eis. Am Ende eines starken Turniers landet das Team der Bundestrainer Dr. Ludek Bukac und Franz Reindl nach einem 5:4 gegen Frankreich und einem 3:4 gegen Schweden auf Platz sechs. Der Traum von der größten Sensation seit der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck endet aber auf der fünf Zentimeter breiten, roten Torlinie im Eispalast von Meribel. (anhe)

 


<-- zurück: Heldentaten