1999 - Bayerns grausamste Minute


1999 - Innerhalb von Sekunden gibt Bayern
den Triumph aus der Hand. - Foto: imago



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26. Mai 1999
Estadio Nou Camp, Barcelona (ESP)
Fußball
90.000
Finale Champions League
20.45 Uhr (MESZ)
Manchester United - Bayern München
2:1 (0:1)



Die 80. Minute: Thorsten Fink kommt für
Lothar Matthäus. - Foto: imago

 

 

Seit 1976 hatte Bayern München den wichtigsten Titel im europäischen Vereinsfußball nicht mehr gewonnen. Auch die bis dato letzte Final-Teilnahme war länger her, als die Münchener am 26. Mai 1999 im Estadio Nou Camp von Barcelona gegen Manchester United zum Kampf um Europas Fußball-Krone antraten. 1987 hatten die Bayern in Wien gegen den FC Porto mit 1:2 verloren. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden.

Bayern hatte in der Champions-League-Saison zu den stärksten Mannschaften gehört. Schon in der Gruppenphase waren die Münchener auf ManU getroffen. 2:2 hatte es in München geheißen, 1:1 in der Rückrunde in Old Trafford in Manchester. Im Finale erwischt die Mannschaft von Trainer Ottmar Hitzfeld dann einen perfekten Start. Schon in der sechsten Minute zirkelt Mario Basler einen Freistoß am verdutzten ManU-Keeper Peter Schmeichel vorbei zum 1:0 für die Bayern in die Torwartecke.

Den Sieg dicht vor Augen

Danach bleibt der deutsche Rekordmeister das stärkere Team. Auch in der zweiten Hälfte haben die Münchener die besseren Chancen. Mehmet Scholl trifft den Pfosten, Carsten Jancker mit einem Fallrückzieher die Latte. Der englische Meister und Pokalsieger scheint K.o. - die Bayern haben schon den Champions-League-Pokal vor Augen.

Doch dann folgt die dramatischste Schlussminute, die ein Finale im europäischen Klub-Fußball je erlebt hat. Zunächst gelingt dem eingewechselten Teddy Sheringham das 1:1 für Manchester. Die Bayern sind so konsterniert, dass sie in vollkommene Starre verfallen. Wenige Sekunden später lenkt der ebenfalls eingewechselte Ole Gunnar Solskjaer einen Kopfball von Sheringham nach einer Ecke von David Beckham von links ins Tor - 2:1. In wenigen Sekunden stürzt Bayern vom Thron und muss zuschauen, wie die Spieler von Manchester United den Triumph in der Champions League 1999 feiern. (Die Entscheidung als Video - Youtube, englisch)

Es war ein Tag, den kein Fußball-Fan vergessen wird und auch kein Fußballer. Sporthelden.de sprach mit Thorsten Fink, der im Finale 1999 zehn Minuten vor Schluss für Lothar Matthäus eingewechselt wurde, über die traumatischen Erlebnisse von Barcelona.
  

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Sie hatten ja schon in der Zwischenrunde mit Manchester United ihre Erfahrungen gemacht. Wie kann man die beiden Teams vergleichen?

Thorsten Fink:

Wir haben in der Saison super Fußball gespielt und eigentlich die Champions League dominiert. Damals gab es drei Mannschaften: Manchester, Real Madrid und wir, das waren die stärksten Teams zu dem Zeitpunkt und auch für drei, vier Jahre hintereinander. Wir haben immer Gas gegeben, gut gespielt und gute Ergebnisse erzielt. Insofern waren wir in der Saison voller Selbstvertrauen. Bei uns hat einfach alles gepasst. Die Mannschaft hatte einen guten Teamgeist, einen guten Trainer und gute Spieler.


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Im Finale ist es für den FC Bayern dann ja eigentlich auch gleich sehr gut losgegangen...

Fink:

Auf jeden Fall. Wir haben gleich ein Tor gemacht. Mario Basler hat das 1:0 gemacht durch einen Freistoß in die Torwartecke. Die Standards waren ja seine Spezialität. Auch danach hatten wir ja noch einige Torchancen, haben aber leider keinen weiteren Treffer gemacht. Sonst hätten wir das Spiel schon frühzeitig entschieden. Wir waren in dem Spiel klar die bessere Mannschaft, nur zeigt sich im Fußball ja immer wieder: Das Kämpfen lohnt sich bis zur letzten Minute. Das war halt eine Stärke von Manchester. Leider waren wir da nicht clever genug.


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Wie war die Stimmung zur Halbzeit in der Kabine? Das muss ja eigentlich optimistisch gewesen sein?

Fink:

Ja klar. Gerade wenn man in einem Champions-League-Finale 1:0 führt. Die meisten Spiele auf dem Niveau werden ja oft durch ein Tor entschieden. Wir wussten, wir waren nah dran am Champions-League-Sieg und haben ja eigentlich auch gut weitergespielt. Wir hätten dann nur die Torchancen nutzen müssen, die wir hatten.


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Sie sind in der 80. Minute für Lothar Matthäus eingewechselt worden. Wissen Sie noch, mit welchem Gefühl Sie in die Partie gegangen sind?

Fink:

Ich war sehr sicher, nicht überheblich, sondern sehr sicher, bin auch ordentlich in die Zweikämpfe gekommen und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass wir das Spiel noch hätten verlieren können. Lothar war rausgegangen, weil er nicht mehr so konnte. Er war ja auch nicht mehr ganz fit in der Saison und hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Das muss man ihm zugute halten. Viele haben ja immer geschimpft: Der Lothar hätte doch durchspielen müssen. Aber wir haben in der ganzen Saison so gespielt, dass, wenn mal einer kaputt war, Ottmar Hitzfeld einen frischen Mann gebracht hat. Ich war schon öfter für Lothar eingewechselt worden und das hatte bis dahin auch immer überragend geklappt.


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Wie haben Sie dann diese unglaubliche Schlussphase erlebt?

Fink:

Wir hatten den Ball in der 89. Minute eigentlich in unseren Reihen. Wir haben den Ball dann ins Seitenaus verloren. Wenn wir ihn hinten rausgeschlagen hätten, wäre das Spiel vielleicht vorbei gewesen. Dann hat Manchester aus dem Einwurf einen Eckball gemacht. Der kam hoch rein und fiel dann von oben fast gerade runter. Ich wollte den Ball weghauen, habe ihn aber nicht richtig getroffen. Dann ist er 16, 17 Meter vor dem Tor wieder runtergekommen. Da stand ein ManU-Spieler und zog ab und Sheringham lenkt den Ball in die kurze Ecke. Da waren wir so perplex, dass wir das Spiel nicht schon vorher entschieden haben und die doch noch den Ausgleich machen, dass wir wie gelähmt waren. Und dann hat Manchester halt gleich hinterher noch ein Tor gemacht.


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Es war also wirklich so, dass der Ausgleich Sie vollkommen aus dem Tritt gebracht hat?

Fink:

Auf jeden Fall. Wir haben uns ja schon mit dem Champions-League-Pokal gesehen. Man sieht ja, man muss sich immer konzentrieren. Das Spiel geht 90 Minuten, manchmal auch 92 oder 93 und dass man hellwach sein, sonst fallen zwei Tore in einer Minute. Das ist im Fußball nun einmal so. Dass das ausgerechnet in einem Finale passiert, war dann einfach Pech. Aber das hat uns die nächsten Jahre natürlich so zusammengeschweißt, dass wir die Champions League unbedingt noch gewinnen wollten. Deshalb haben wir noch länger gute Leistungen gebracht und zwei Jahre später die Champions League auch verdient gegen Valencia gewonnen.


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Wie haben Sie die Minuten nach dem Schlusspfiff dann erlebt?

Fink:

Danach war man wie paralysiert. Ich habe nur noch so halb mitgekriegt, wie der Kapitän von Manchester United den Pokal nach oben gereckt hat und es ein riesen Blitzlichtgewitter gab,


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Trotz der Niederlage soll es danach eine der heftigsten Partys in der Geschichte des FC Bayern gegeben haben…

Fink:

Miterlebt habe ich das nicht, aber davon gehört. Das soll schon legendär gewesen sein. Aber nach so einer Niederlage braucht man halt auch ein Ventil. Ich bin ziemlich zeitig ins Bett gegangen, weil ich doch fertig war. Ich brauchte einfach ein bisschen Zeit. Hätten wir einen Tag später gefeiert, hätte ich bestimmt auch Vollgas gegeben.


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Welche Lehren hatten Sie als Mannschaft damals aus dem verlorenen Finale gezogen?

Fink:

Wie schon gesagt, uns hat das zusammengeschweißt. Wir wollten diesen Titel. 2001 war die Mannschaft ja eigentlich schon über den Zenit, aber wir haben durch unseren Teamgeist und Willen den Cup ja noch geholt.


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Aber der bitterste Moment Ihrer Karriere war das schon, oder?

Fink:

Ja, auf jeden Fall. Aber man lernt ja aus Niederlagen. Man lernt nicht, wenn man andauernd gewinnt. Diese Erfahrung hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Ich bin innerlich noch stärker geworden.


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Wie oft ziehen Sie denn dieses Spiel heran, wenn Sie heute als Trainer Ihren Spielern etwas erklären wollen?

Fink:

Eigentlich gar nicht. Das wäre ja schlimm, wenn ich immer wieder auf das Spiel zurückkäme. Aber ich sage ihnen natürlich, dass es immer wieder Rückschläge gibt im Fußball und man damit fertig werden muss. Man muss immer weiter nach vorn gucken. Damals habe ich mit dazu beigetragen, dass wir das Spiel verloren haben. Dafür habe ich ein anderes Mal dazu beigetragen, dass wir gewonnen haben. So ist das im Fußball.


Das Gespräch führte Dirk Burkhardt.


 


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