1993 - "Das Spielfeld war ein Tollhaus"


1993 wird Deutschland erstmals Basketball-
Europameister. - Foto: imago

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Ende:
Paarung:
Ergebnis:

4. Juli 1993
Olympiahalle, München (Deutschland)
10.800 (ausverkauft)
Basketball
Finale Europameisterschaft
2x20 Minuten
21:00 Uhr (MESZ)
22:46 Uhr (MESZ)
Deutschland - Russland
71:70 (38:35)



Hansi Gnad (r.) war Kapiätn des Europa-
meisters. - Foto: imago

 

 

Bei der EM im eigenen Land hat die deutsche Basketball-Nationalmannschaft 1993 zu Anfang mit einigen Problemen zu kämpfen. In der Vorrunde gibt es eine Niederlage gegen Estland und auch die ersten zwei Partien der Zwischenrunde gehen gegen Frankreich und Turnierfavorit Kroatien verloren. Erst ein Sieg im letzten Spiel gegen die Türkei bringt die deutsche Mannschaft in die K.o.-Runde. Dort lieferte die DBB-Auswahl aber furiose Spiele, schlägt erst Spanien 79:77 nach Verlängerung und dann Griechenland knapp mit 76:73. Im Finale macht die Mannschaft von Trainer Svetislav Pesic gegen Russland die Sensation dann perfekt (mehr zum Spiel). Bei Sporthelden.de erinnert sich der damalige Kapitän Hansi Gnad an die Sensation 1993.

 

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Die EM 1993 ging für die deutsche Nationalmannschaft ja nicht gerade positiv los...

Hansi Gnad:

Wir haben eigentlich eine sehr schlechte Vor- und Zwischenrunde gespielt in Berlin und uns erst im letzten Spiel gegen die Türkei für die K.o.-Runde qualifiziert. Da mussten wir unbedingt gewinnen und haben es auch geschafft, obwohl es auch in diesem Spiel viele Ups und Downs gab. Man hat schon gemerkt, dass wir große Angst hatten zu verlieren. Am Ende haben wir uns dann quasi als schlechteste Mannschaft in die letzten Acht reingespielt.


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Wie ging es in der K.o.-Runde weiter?

Gnad:

Als Achter der Vorrunde mussten wir natürlich gegen ein Top-Team ran. In München ging es zunächst gegen Spanien. Die hatten vom Papier bis dahin mehr geleistet als wir, waren noch ungeschlagen. Aber wir haben es mit einer sehr guten Mannschaftsleistung bis in die Verlängerung geschafft und dann schließlich knapp gewonnen.


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Im Halbfinale wartete mit Griechenland dann das nächste Top-Team...

Gnad:

Für uns war es ja schon eine Riesensensation, unter die letzten Vier gekommen zu sein. Im Halbfinale ging es gegen Griechenland und gegen die haben wir damals immer gerne gespielt. Da war der Tenor in der Mannschaft: Gegen die gewinnen wir. Da haben wir uns gar nicht so große Gedanken gemacht, dass wir verlieren könnten. Wir hatten gute Matchups auf den Positionen, so dass wir Mann gegen Mann gut gegen sie spielen konnten. Wir wussten zwar, dass gerade gegen die Griechen die Hütte voll wird und es ein Auswärtsspiel wird, aber auch das hat uns nichts ausgemacht. Wir haben dann zwar nur mit drei Punkten gewonnen, aber vom Gefühl her war das nicht annähernd so knapp wie gegen die Spanier. 


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Wie war dann die Motivationslage vor dem Finale?

Gnad:

Vor dem Finale haben wir gedacht: Wir sind schon Zweiter, haben hier überhaupt nichts zu verlieren. Wenn wir gegen Russland anständig spielen, als Mannschaft auftreten, so wie wir das vorher auch gemacht haben, haben wir gegen die sicherlich auch eine Chance.


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Im Finale ging es dann auch wieder sehr knapp zu...

Gnad:

Ja klar, das war ja auch ein Endspiel um die Europameisterschaft. Da wäre es ja schade  - auch für die Zuschauer, wenn das Spiel zur Halbzeit entschieden wäre. Das hätte uns natürlich passieren können, weil wir individuell nicht so stark besetzt waren, wie das vielleicht heute mit Dirk Nowitzki der Fall ist. Wir hatten keinen Spieler, wo man sagen konnte: Das ist unser Mann, über den müssen wir gehen und alles machen. Im Finale war es zunächst Kai Nürnberger, der uns im Spiel gehalten hat und zum Schluss natürlich Christian Welp.


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15 Sekunden vor Schluss haben die Russen dann zwei Freiwürfe verwandelt und sind mit zwei Punkten in Führung gegangen. Da schluckt man dann schon mal, oder?

Gnad:

Ja klar. Die Situation hatten wir im Viertelfinale gegen Spanien schon einmal. Die haben dann aber "gechoked", wie man so sagt, haben die wichtigen Freiwürfe vergeben. Die Nerven spielen immer eine Rolle, egal, wer an der Linie steht. Gerade in so einem großen Spiel. Als die Russen dann die zwei reingeschossen haben und wir wieder hinten lagen, tat das schon erstmal weh. Aber es waren ja noch 15 Sekunden zu spielen.


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Vor den Freiwürfen hat Svetislav Pesic noch eine Auszeit genommen. Wurde da schon der letzte Spielzug besprochen?

Gnad:

Da ging es natürlich auch darum, den Schützen an der Freiwurflinie dazu zu zwingen, zu überlegen. Sicherlich ging es auch darum, selbst zu überlegen, was wir machen, wenn sie daneben schießen oder beide verwandeln. Es war klar, dass, wenn sie beide machen, wir schnell punkten müssen.


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Wie haben sie die Spiel entscheidende Aktion dann mitbekommen?

Gnad:

Wir haben einfach dem richtigen Mann den Ball gegeben. Chris Welp wirkte schon in den Minuten zuvor mental so stark, dass klar war: Selbst wenn er jetzt gefoult würde, würde er die Freiwürfe verwandeln.


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Wobei seine Freiwurfquote in dem Spiel bis dahin mit einem von fünf verwandelten Würfen eher schlecht war...

Gnad:

Können Sie mal sehen, das habe ich gar nicht mehr so gewusst. Aber man muss da sicher eher seinen Durchschnitt sehen. Der Christian ist ein Schütze, der normalerweise sicher weit über 70 Prozent trifft. Die Chance, dass er die dann am Ende auch bringt, ist bei so einem Spieler von internationaler Klasse dann ziemlich groß. Vielleicht hat er auch einfach gedacht: Jetzt haben wir ja eh nichts mehr zu verlieren. Vorher hatte er den Dunking reingehauen. Das Unentschieden war uns ja fast schon sicher. Wären wir einen Punkt hinten gewesen, wäre der Druck schon ein ganz anderer gewesen.


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Er hat ihn ja dann reingeschossen...

Gnad:

Und zwar locker. Das war eine dieser ganz speziellen Situationen, in denen es dann auch ganz schwer ist, auf die Frage zu antworten: Was denkt man denn da? Da geht es nur um das Spiel. Trifft er, müssen wir schnell gut verteidigen, trifft er nicht, geht’s erstmal um den Rebound. Da ist man einfach im Spiel.


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Welche Rolle hat in der Schlussphase denn die Stimmung in der Halle gespielt?

Gnad:

Für deutsche Verhältnisse war die Stimmung unglaublich. Schon gegen die Griechen im Halbfinale war die Hölle los. Da waren aber fast mehr Zuschauer für die gegnerische Mannschaft. Im Finale war das anders. Basketball hatte damals sicher nicht den Stellenwert wie heute, da kamen nicht einfach mal 10.000 Zuschauer in die Halle. Aber im Finale war die Euphorie dann entsprechend groß und davon haben wir gezehrt. Wir haben gewusst, dass wir das Publikum im Rücken haben. Selbst für uns international erfahrene Leute war das schon etwas ganz, ganz Besonderes.


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Die Russen haben dann den letzten Wurf vergeben und dann war Schluss. Was war danach los auf dem Parkett?

Gnad:

Erstmal wollten wir natürlich versuchen, den Christian einzufangen, ihn aufs Parkett zu legen und zu umarmen. Aber wie schon nach dem Viertelfinale hat er die Beine in die Hand genommen und ist sofort in die Kabine gelaufen. Ich hab mir einfach den nächsten gegriffen und ihn umarmt. Das Spielfeld war zu dem Zeitpunkt ein Tollhaus.


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Wann haben Sie den Erfolg realisiert?

Gnad:

Bei der Siegerehrung hat man schon gestaunt, wer so links und rechts von einem Stand. Ich meine, die Kroaten, die Dritter geworden sind, waren zum Beispiel der große Favorit. Die hatten vier Spieler, die auch in der NBA eine sehr gute Rolle gespielt haben. Als Mannschaft haben wir zu dem Zeitpunkt einfach unheimlich gut harmoniert und funktioniert und das hat am Ende den Ausschlag gegeben. Das war unsere Stärke, dass wir wirklich eine Mannschaft waren.

Das Gespräch führte Dirk Burkhardt.
  

 


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