WM 1974 - Kaiserkrönung in München


Kaiser Franz mit der Trophäe- Foto: imago

 

Tag:

7. Juli 1974
16:02 Uhr (MESZ)

Ort: 

Olympiastadion, München/Deutschland

Zuschauer: 

77.833

Sportart: 

Fußball

Anlass: 

WM-Finale

Partie:        

Deutschland - Niederlande

 

 


 

 

 

 

 Müller zieht ab und trifft - Foto: imago

Bei der ersten Fußball-WM im eigenen Land erreicht die deutsche Nationalmannschaft das Endspiel. Obwohl in der Finalrunde drei Siege gegen Jugoslawien, Schweden und Polen gelangen, ist eher Gegner Niederlande mit Superstar Johan Cruyff der große Favorit. Ohne Punktverlust und Gegentor war „Oranje“ durch seine Finalrunde gegen Brasilien, Argentinien und die DDR marschiert.

Mit 77.833 Zuschauern ist das Olympiastadion in München am Finaltag zum Bersten gefüllt. Zwar bestimmen die deutschen Fans mit tausenden schwarz-rot-goldenen Fahnen das Bild, aber die zahlreichen niederländischen Anhänger machen sich lautstark bemerkbar. Um 15.50 betreten beide Teams angeführt von den Kapitänen Cruyff und Beckenbauer das Spielfeld. Im Spalier bis zum Rasen befindet sich mit Bundespräsident Walter Scheel und Bundeskanzler Helmut Schmidt sowie dem niederländischen Prinz Bernhard und dem holländischen Ministerpräsidenten auch Prominenz.

Schock nach 55 Sekunden

Die Zeit bis zum Anpfiff zieht sich fast endlos hin. Erst werden vom Stadionsprecher die Aufstellungen verlesen, dann schreiten die holländischen Polit-Gäste die Spielerreihen ab und erst danach folgen die Hymnen. Zu guter Letzt fehlen nach zuvor durchgeführter Abschlussfeier auch noch die Eckfahnen.

Um 16:02 Uhr ist es dann endlich soweit: Schiedsrichter John Taylor aus England gibt das Endspiel frei. Schon 55 Sekunden später folgt der nächste entscheidende Pfiff. Cruyff startet über halblinks zu einem Solo Richtung Strafraum, schüttelt Sonderbewacher Berti Vogts hab, zieht in den Sechzehner und wird dort vom herbei geeilten Uli Hoeneß mit langem Bein gefoult. Elfmeter!

Die deutschen Proteste halten sich in Grenzen. Johan Neeskens, in der Vorrunde schon vom Punkt erfolgreich, legt sich den Ball zurecht. Taylor pfeift, Neeskens läuft an, Maier entscheidet sich für die linke Ecke und Neeskens hämmert den Ball kompromisslos in die Mitte. 1:0 für Holland.

Hölzenbein fällt - Elfmeter

Die deutsche Elf zeigt sich in der Folgezeit geschockt. Nach vorne passiert nicht viel. Die Niederlande bestimmen mit sicherem Passspiel die Partie, ohne allerdings vorerst noch einmal gefährlich vor dem Tor aufzutauchen. Erst ab der 20. Minute werden die deutschen Angriffe etwas mutiger. Als Bernd Hölzenbein ein Hoeneß-Zuspiel zu Gerd Müller in den Strafraum weiterleitet und der Mittelstürmer zu Fall kommt, fordern die Zuschauer erstmals Elfmeter (23.).

Zwei Minuten später ist es dann tatsächlich soweit: Beckenbauer fängt am eigenen Strafraum einen Angriff ab, gibt den Ball zu Wolfgang Overath, der losmarschiert und weiter in den Lauf von Hölzenbein passt. Der zieht, verfolgt von drei Holländern, mit hohem Tempo über links in den Strafraum. Schließlich grätscht Jansen mit langem Bein rein, Hölzenbein fällt und Schiedsrichter Taylor gibt Elfmeter. Breitner übernimmt die Verantwortung und schnappt sich den Ball. Mit einem gezielten Schuss ins linke untere Eck gleicht er zum 1:1 für Deutschland aus (26.).

Der Jubel auf dem Feld und auf der Bank ist nur kurz, aber das Publikum ist vollkommen aus dem Häuschen. In den folgenden Minuten hat die deutsche Mannschaft ihre stärkste Phase in diesem Endspiel. Angetrieben von Hoeneß und Jürgen Grabowski auf den Flügeln sowie Overath und Hölzenbein aus der Zentrale, erspielt sich die DFB-Elf einige Chancen. Zuerst scheitert Vogts frei vor Hollands Schlussmann Jongbloed (29.), dann stürmt Hoeneß über links davon, gibt in Höhe der Grundlinie in die Mitte, wo Rijsbergen gerade noch vor dem einschussbereiten Müller klärt (34.).
 
Müllers Drehschuss trifft

Als Jongbloed auch noch einen Beckenbauer-Freistoß aus 18 Metern von halbrechts über die Latte lenkt (36.), scheint die deutsche Führung nur eine Frage der Zeit. Die soll tatsächlich kommen. Zwei Minuten vor der Pause spiel Grabowski Rainer Bonhof auf rechts frei. Der lässt am Strafraumeck Haan stehen und zieht den Ball scharf nach innen, wo Müller in altbekannter Manier mit dem Rücken zum Tor aus der Drehung zum 2:1 vollstreckt (43.). Mit dieser aufgrund der Steigerung verdienten Führung für Deutschland geht es in die Pause.

Zu Beginn der zweiten Hälfte ist das Spiel zunächst ausgeglichen. Bonhof verpasst nach einer Ecke aus aussichtsreicher Position per Kopf (49.) und ein Tor von Müller wird wegen angeblichen Abseits’ nicht gegeben (59.). Dafür müssen auch die deutschen Fans heikle Situationen überstehen, als zum Beispiel Breitner nach einer Ecke auf der Linie klärt (54.).

Richtig brenzlig wird es für die deutsche Hintermannschaft allerdings ab der 70. Minute. In der 74. Minute klärt Maier einen Volleykracher aus fünf Metern. Wenig später rutscht Rep in eine Hereingabe von Suurbier und verpasst ebenfalls aus fünf Metern nur knapp. Nach einem Solo verzieht Rep dann noch einmal hauchdünn (79.). Deutschland kommt nur noch nach langen Abschlägen von Maier nach vorn, die aber zumeist Beute des aufmerksamen Jongbloed werden.

Krönung um 17:47

Vier Minuten vor Schluss verzieht Neeskens noch einmal mit einem Schuss aus 20 Metern haarscharf. Danach schlagen die Holländer nur noch lange Bälle Richtung Strafraum. Die Zuschauer jubeln bereits und auch auf der Bank ballt Bundestrainer Helmut Schön kurz die Fäuste. Schiedsrichter Taylor lässt nicht viel nachspielen und so reißen um 17:47 Uhr alle Deutschen die Arme hoch, als der Engländer abpfeift. Deutschland hat es geschafft – der zweite Weltmeistertitel nach 1954 und das auch noch im eigenen Land!
  (db)




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